“In den Klassikmarkt kommt noch Bewegung“, tippt Martin Schneider als Einkäufer Klassik im Produktdepartment der HMV-Zentrale: „Bei uns läuft das Geschäft derzeit auf Vorjahresniveau, wird sich aber deutlich verbessern. Das neue Album von Andrea Bocelli spricht sicher den breiten Markt an.“ Erste Belebung habe bereits die Neueinspielung des Beethoven-Violinkonzerts von Anne-Sophie Mutter gebracht, weitere Impulse verspricht sich Schneider vom Soundtrack zum Film „Der Pianist“ und der Begleit- CD mit Originaleinspielungen von Wladyslaw Szpielman, von der neuen CD von Hilary Hahn sowie von potenziellen Verkäufen im Umfeld der José-Carreras-Gala. Der diesjährige Klassik-Echo machte sich dagegen laut Schneider „kaum bemerkbar“.
„In diesem Jahr lief es nicht so schlecht“, erklärt auch Wilma Kassebeer, Inhaberin von Discoteca in Münster. „Der Oktober war sogar besser als im Vorjahr. Ich denke, dass wir noch ein ordentliches Weihnachtsgeschäft bekommen, wenn auch vermutlich erst wieder kurz vor den Festtagen.“ Allerdings könnte laut Kassebeer der Kundenandrang im beginnenden November etwas größer sein als bislang. Positive Impulse erwartet sie zum Beispiel von der gerade erschienenen CD von Hilary Hahn und von vielen DVD-Produktionen. Crossoverprodukte seien dagegen bei Discoteca als reinem Klassik-Fachgeschäft nicht gefragt.
„Das Jahr ist bislang bis auf wenige Ausnahmen sehr gut gelaufen, ich liege über dem Vorjahr“, erklärt Ruth König, seit sechs Jahren Inhaberin von Ruth König Klassik in Kiel. „Der Oktober war allerdings nicht so toll. Nun hoffe ich, dass bald die Zeit der Geschenke kommt, dann sollten wir mindestens das Vorjahresergebnis erreichen können“, prognostiziert König. Allerdings rechnet sie damit, dass sich das Saisongeschäft stark auf die letzten 14 Tage vor Weihnachten konzentriert. König betont: „Für mich ist Qualität wichtig. Deshalb verkaufe ich zum Beispiel gern Produkte von Winter & Winter, die bieten etwas Besonderes.“ Sie beklagt, dass manche Firmen zu wenige reizvolle Produkte im Bereich Core-Klassik veröffentlichen und zu sehr auf Crossover setzen: „Wir fühlen uns im Fachhandel von der Industrie ein wenig allein gelassen.“
Vom Wegbrechen des Klassik-Segments ist auch Susanne Paulus, Mitinhaberin von opus61 in Leipzig, nicht betroffen: „Wir können das Gegenteil behaupten. Ein Umsatzeinbruch findet nicht statt.“ Stattdessen verzeichnet sie stetig steigende Nachfragen. Diesen Effekt führt sie unter anderem auf die Art der Präsentation in ihrem Geschäft zurück: Neben verschiedenen Angebotstischen finden die Kunden bei opus61 die meisten CDs in Regalen mit Rückenpräsentation. „Im Bereich Klassik ist das Wie von Bedeutung. Wir wollten Platz für die Kunden haben, denn uns ist wichtig, dass die Leute auch schauen können.“
„Im Jahr 2002 wird der Klassikmarkt insgesamt wieder nachgeben“, erwartet Sebastian Claren, Hauptabteilungsleiter CD-Klassik bei Dussmann das KulturKaufhaus: „Entgegen dem Markttrend werden wir bei Dusssmann auch in diesem Jahr keine Umsatzrückgänge, sondern voraussichtlich sogar eine leichte Umsatzsteigerung verzeichnen können. Nach dem Oktober zu urteilen, müsste das Weihnachtsgeschäft besonders erfolgreich werden. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, können wir die Jahresbilanz mit einem deutlicheren Umsatzplus abschließen.“ Dazu sollen zahlreiche Schwerpunkte beitragen: „In Berlin wird die bestverkaufte Klassik-CD sicherlich Mahlers 5. Symphonie mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle sein. Aber auch Claudio Abbados Mahler-Einspielungen, Anne-Sophie Mutters Neueinspielung von Beethovens Violinkonzert, Cecilia Bartolis ‚Best Of‘-Album, Murray Perahias Chopin-Etüden, Giuliano Carmignolas Vivaldi-Konzerte und Vivica Genauxs Farinelli-Arien werden die Klassik-Bestsellerlisten wesentlich prägen.“



