Musik

Umfrage zum Stellenwert des Grand Prix für die Musikindustrie

Seitdem die Plattenfirmen die Entscheidung treffen, welche Künstler an der Grand-Prix-Vorentscheidung teilnehmen, hat sich die Veranstaltung verändert. musikwoche.de fragte nach dem Nutzen des Sangeswettbewerbs für die Musikindustrie.

Die Fragen:

  1. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Grand Prix, seitdem die Firmen für die Auswahl der Teilnehmer verantwortlich sind?

  2. Wie wichtig wsind Vorentscheidung und Grand Prix für den Künstleraufbau?

Stefan Ultsch, Marketing/A&R Director, Berlin Records:

  1. Ich bin über die Entscheidung, dass die Plattenfirmen für die Auswahl der Künstler verantwortlich sind, sehr glücklich. So freue ich mich jedes Jahr auf das Auswahlverfahren innerhalb der Company. Die Teilnahme der Jungen Tenöre im Jahre 1998 hat ihrer noch jungen Karriere einen enormen Schub gegeben: Sie kamen auf Platz drei und ihr kurz danach veröffentlichtes Debütalbum hat bis heute über 170.000 Einheiten verkauft.

  2. Die Auftritte von unbekannten, schnellen und extra für den Grand Prix ins Leben gerufenen Projekten ist vorbei. Wir bei Berlin Records haben dieses Jahr ganz bewusst zwei völlig unterschiedliche, etablierte Künstler ausgewählt.

Jörg Hellwig, scheidender Managing Director, Polydor:

  1. Diese Entscheidung sehe ich als sehr vernünftig an. Als Jürgen Meier-Beer mich zu meinem Amtsantritt einlud, wollte er gerade den Grand Prix wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit bringen und überredete mich, unsere Band Rosenstolz für den Vorentscheid zu nominieren. Rosenstolz war davon angetan. Das Duo wurde mit seinem Lied „Herzensschöner“ Zweiter und konnte seiner Albumkarriere einen kräftigen Schub verleihen. Bei anderen Themen waren die Auswirkungen nicht ganz so extrem, aber es brachte uns in allen Fällen posi-tive PR-Effekte.

2.Wir haben noch nie Retorten-Projekte zum Vorentscheid geschickt. Entweder handelte es sich um Newcomer oder Künstler mit einen gewissen Status. In diesem Jahr schicken wir mit Normal Generation? eine Nachwuchsband und mit der Kelly Family einen Top-Act ins Rennen, der zurück ins Rampenlicht will. Also geht es in beiden Fällen um eine langfristige Strategie. Der Grand Prix in seiner jetzigen Form bietet eine prima Plattform, die wir gern auch in Zukunft nutzen wollen.

Lothar Metz, Senior Product Manager Pop/MOR bei eastwest:

  1. Durch die Entwicklung verschwand die Gleichförmigkeit der Veranstaltung. Farbe und eine gesunde Portion Fun bei der Sache kamen hinzu. Seit Guildo Horn ist die Aufmerksamkeit für die deutsche Vorentscheidung immens gestiegen. Ohne Zweifel profitierten die Sieger der letzten Jahre von ihrer Teilnahme, wenn auch vorrangig im Inland. Ebenso ernüchternd blieb der eine oder andere auf der Strecke, denn kein Wettbewerb ist ohne Risiko.

  2. Der Countdown bietet die leider immer rarer gewordene Chance, einem breitgefächerten TV-Publikum auch Nachwuchsinterpreten vorstellen zu können. Nicole hat es so geschafft, warum sollen es nicht weitere schaffen können, wenn die Zutaten stimmen?

Ocky Cho, Marketing Director beim Label 3p:

  1. Viele zeigten sich sehr überrascht, dass mit Linda Carriere erstmals ein 3p-Künstler zum Grand Prix antritt. Wir haben den Grand Prix nie mit großem Interesse verfolgt oder als ernstzunehmende Plattform für gute Musik betrachtet. Der NDR ist dieses Jahr allerdings sehr bestrebt, die musikalische Qualität hervorzuheben und dem bisherigen Faschingscharakter des Grand Prix entgegenzuwirken. Das begrüßen wir natürlich.

Linda Carrieres Titel „Higher Ground“ werden wir allerdings nicht als kommerzielle Single, sondern nur auf ihrem Album „She Said…“ veröffentlichen, das am 25. Februar erscheint. Zusammen mit ihren Produzenten hat Linda hart daran gearbeitet. Ihre Teilnahme beim Grand Prix stellt allerdings nur einen Teil der umfangreichen Marketing- und Promotionkampagne dar – und somit wären erfreuliche Abverkaufszahlen ihres kommenden Albums auf viele Faktoren zurückzuführen. Auf jeden Fall ist die mit dem Grand Prix verbundene große Medienresonanz hervorzuheben.

  1. Beim Künstleraufbau ist vorab das Talent eines Künstlers entscheidend. Unsere Aufgabe ist es – oder sollte es sein -, andere Menschen zu finden, die von dem jeweiligen Artist und seiner Musik genauso begeistert sind wie wir selbst. Dies ist schwierig in Zeiten, in denen alle auf die Charts warten. Nur die wenigsten sind bereit, Risiken einzugehen und wenn es sein muss, gegen den Markt oder Standards zu handeln, um einen Newcomer mit uns gemeinsam aufzubauen. Linda Carrieres Teilnahme beim Grand Prix ist insofern wichtig, als dass der Grand Prix einer sensationellen Sängerin eine sehr medienpräsente Plattform bietet, ihr Talent zu zeigen und auf ihr Debütalbum aufmerksam zu machen.

Markus Lübbe, Marketing Director, BMG München:

  1. Bis vor ein paar Jahren war es eine altbackene Veranstaltung, die exklusiv für die Zuschauer über 50 war. Danach kam die totale Image-Verwirrung durch den Comedy-„Einschlag“. Dieser Gag ist nun vorbei. Wir haben jetzt die Möglichkeit, diese Veranstaltung als attraktive Plattform für Bands zu etablieren. Es wird sich zeigen, ob sie sich bei Image und den Verkäufen positiv auswirkt.

  2. Noch wissen wir nicht, wie die neue Ausrichtung des Vorentscheids angenommen wird. Aber das große Medieninteresse hilft jedem Künstler. Dabei sehe ich den Vorentscheid für unsere nationale Vermarktung als genauso wichtig an wie das Europa-Finale selbst.