Musik

The Libertines – Wieder eine Zukunft des Rock’n’Roll verspielt?

Kaum eine Band verursacht derzeit größeren Wirbel als The Libertines. Mit ihrem zweiten Album, das schlicht „The Libertines“ heißt, stellt die Gruppe sogar ihr viel beachtetes Debüt, „Up The Bracket“, in den Schatten.

Carl Barat, Sänger und Gitarrist der Libertines, zählt zu den talentiertesten Musikern, die Großbritannien seit Jahren hervorgebracht hat. Doch die Geschichte der Libertines schreibt vor allem Pete Doherty, der zweite Sänger und Gitarrist. Und sie ist eine Geschichte von Freundschaft und Loyalität in schwierigen Zeiten. „Ich werde Pete nicht fallen lassen“, sagt Carl Barat, „auch wenn er es wirklich auf die Spitze treibt.“ Doherty und Barat kennen sich seit Mitte der Neunziger, vor fünf, sechs Jahren gründeten sie die Libertines und lernten fortan die Vor- und Nachteile weicher wie harter Rauschmittel kennen. Während Barat allerdings nie ein „armseliger Junkie“ werden wollte, kommt Doherty vom Crack und vom Heroin nicht mehr los. Er hat allein dieses Jahr drei Therapien geschmissen und verursacht mit seinen Kapriolen Ungemach ohne Ende.

Eine extrem schwierige Situation für die Partner: „Seit kurzem steht fest, dass Pete nicht mit uns auf Tour geht, auch die Festivals im August finden ohne ihn statt“, erzählt Barat. Man kann überhaupt nicht mehr vernünftig planen oder Entscheidungen treffen, nur weil Herr Doherty sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Ich bin sein bester Freund und würde ihm gern helfen. Aber Pete muss selbst tun, was zu tun ist, anstatt immer wegzulaufen.“ In England sind die Libertines, die mit ihrem Debüt „Up The Bracket“ für überschäumende Begeisterung sorgten, seit Monaten mit Dohertys Eskapaden in den Medien. Dealer, Prügeleien und Zusammenbrüche sind eben ein dankbares Thema.

Immerhin ist Barat der Meinung, „dass die Presse uns nicht der Lächerlichkeit preisgibt, sondern eher nett“ ist. Man braucht sie ja vielleicht noch. Denn erstklassige Musik machen Carl, Pete und die beiden Mitstreiter John Hassall und Gary Powell allemal – wie „The Libertines“ (VÖ: 30. August, Rough Trade/ Sanctuary/ rough trade) beweist. Das Album zitiert vierzig Jahre Rock’n’Roll-Geschichte und klingt trotzdem sehr frisch, frohgemut und fröhlich. Dass man manche Songs irgendwo zwischen The Strokes und The Clash eingruppieren kann, dass sie den Hörer mal wie ein Axthieb und mal wie ein Streicheln berühren, das ist auch ein Verdienst des Produzenten. Denn niemand anderer als Mick Jones, einer der Gründer von The Clash, betreute die Band im Studio. Wie es weitergeht, weiß dennoch keiner. „Noch mehr Chaos geht jedenfalls kaum“, erklärt Barat. „Ich weiß nicht, ob wir noch ein Album machen oder ob Pete jemals clean wird.“