Der rührselige Familien-Pop der 90er-Jahre ist passé: Anno 2004 spielt das Kelly-Sextett ambitionierte Songs mit Tiefgang. „Vor dreißig Jahren hatte die Familie Folk gemacht, Anfang der Neunziger kamen erste Eigenkompositionen hinzu“, sagt Paddy Kelly. „Ab 1995 haben wir begonnen, auf den Platten alles selbst zu spielen, anstatt Session-Musiker zu engagieren. Ab dem Jahr 2000 schließlich beschlossen sechs von uns, weiter zu machen, während Kathy eine Solokarriere verfolgt.“ Für „Homerun“ hatten die Kellys die Wahl zwischen 64 Titel – denn alle Mitglieder schreiben Songs. „Schnell kristallisierten sich die melodiöse und die rockige Richtung als Hauptströmungen heraus, sie sind die beiden Seiten unserer Medaille.“
Einig ist sich die Familie mittlerweile auch in finanziellen Fragen: Die Tantiemen werden durch sechs geteilt, seitdem gebe es weniger Streit in der Band, meint Paddy, der Gitarre, Keyboards, Perkussions, Penny Whistle und Mundharmonika beherrscht. Gefragt nach seinen musikalischen Vorbildern nennt er Namen wie Bruce Springsteen, U2, Coldplay und Norah Jones. „Unser Vater hatte einen Traum. Er wollte uns als Independent-Band etablieren – und das haben wir erreicht“, sagt der 27-Jährige stolz. Die Tage der Unabhängigkeit sind freilich vorbei. Denn Universal machte den Geschwistern ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnten. 16 Mio. Tonträger hat die musikalische Familie bislang verkauft, angeführt vom resoluten Vater Dan Kelly, der 2002 verstarb. „Er war der letzte Mohikaner der Hippie-Bewegung – ohne Drogen und Frauenexzesse. Er hat zwölf Kinder groß gezogen, das ist harte Arbeit. Er wollte ein Schiff, wir haben eins bekommen. Wir wollten Stadien füllen, das haben wir erreicht. Wir wollten im Schloss wohnen und auch das haben wir geschafft.“ Der angestrebte Image-Wandel bereitet den Geschwistern aber auch Kopfzerbrechen. „Auf der einen Seite bringen wir eine Rock-Single wie,Blood‘ heraus, auf der anderen Seite treten wir im Fantasia Land in Brühl auf“, beschreibt Paddy Kelly den Konflikt. „Live spielen wir auch für Omas und Kids, wir sind nicht die obercoole Band geworden. Wir wollen ein neues Publikum finden, ohne das Alte zu verlieren und suchen den goldenen Mittelweg.“



