Musik

Texas: Spiel ohne Grenzen

Mit 20 Millionen verkauften Alben ist Sharleen Spiteri, Sängerin von Texas, die erfolgreichste britische Rockmusikerin aller Zeiten. Ein Status, der ihr jede erdenkliche Freiheit gibt. Und die nutzt sie auch diesmal schamlos aus.

Auf dem siebten Album warten Texas mit echten Überraschung auf – noch gewagter als die HipHop- und R&B-Ausflüge der Vergangenheit. Sharleen und ihre Jungs haben die seltene Gabe, immer am Puls der Zeit zu sein. Sie sind leidenschaftliche Musikfans und Plattensammler und saugen alles in sich auf, um dann etwas vollkommen Anderes, Eigenes abzugeben. So hat es Sharleen Spiteri vor allem der groovige Soul von Beyoncé, der Dancehall von Sean Paul, aber auch der Retro-Rock von den Strokes angetan. „Die Leute sagen immer, wie langweilig und ideenlos die aktuelle Musik sei. Das ist Quatsch! Es gibt so viele tolle Sachen, und ich habe in diesem Sommer wahnsinnig viele Platten gekauft und bei voller Lautstärke gespielt.“

Deren Einfluss lässt sich nun auf „Careful What You Wish For“ nachvollziehen; in einem abwechslungsreichen Stilmix, der weit mehr zu bieten hat als nur netten Pop-Rock, für den das schottische Quintett noch Anfang der Neunziger stand. Denn 14 Jahre nach der ersten Single, „I Don’t Want A Lover“, gehen Texas mit traumhafter Sicherheit mit fremden Einflüssen um – seien es die Ragga-Anleihen in „Carnival Girl“, die Disco/Dancefloor-Vibes in „Place In My World“ oder der 70s-New-Wave-Touch in „Telephone X“. Texas erweisen sich als wandlungsfähig und stilsicher beim Zitieren.

„Natürlich ist alles nur geklaut“, lacht Sharleen. „Aber das ist ja auch nicht einfach. Du musst wissen, wo du dich bedienst – und es so umsetzen, dass es zu dir und deinen Songs passt. Und was diese ganzen ‚The‘-Bands mit ihrem Retro-Sound betrifft, so bedienen sie sich doch alle nur bei Blondie. Da mache ich keine Ausnahme.“ Dieses Klauen hat die frischgebackene Mutter einer Tochter namens Misty zur Plattenmillionärin und zu einem der beständigsten britischen Popstars gemacht.

Die kleine, schmächtige 35-Jährige mit schwarzem Pagenschnitt und kumpelhaftem Humor ist eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann und die mit Gott und der Welt befreundet ist. Etwa mit Debbie Harry, Fußballer Thierry Henry oder Madonna. „Mein Freund Ashley und ich sind öfter zum Abendessen bei ihr. Und ich bin gespannt, ob wir in Zukunft mal etwas zusammen aufnehmen.“ Damit hätte Sharleen Spiteri sicher kein Problem – auf „Careful What You Wish For“ arbeitet sie mit so unterschiedlichen Gästen zusammen wie dem kanadischen Rapper Kardinal Offishall, dem Produzenten Trevor Horn, der Dancehall-Crew Sunncycle oder mit Guy Chambers, dem Ex-Partner von Robbie Williams.

„Wenn du etwas Neues probieren willst, musst du auch die besten Leute dafür verpflichten. Nur dann kann es richtig überzeugend klingen. Schließlich will ich die Leute überraschen und ihnen immer wieder zeigen, dass die Band nicht berechenbar ist und niemals stehen bleibt. Das besagt ja auch der Albumtitel: Glaub nie, dass du weißt, wer wir sind – du könntest voll daneben liegen“, scherzt Sharleen Spiteri. Getreu diesem Motto hat Texas bislang 20 Millionen Alben verkauft, und die ehemalige Frisörin will noch lange weitermachen. „Weil es mir Spaß macht und ich darin viel besser bin, als in meinem alten Job. Es fällt mir leichter, gute Songs zu schreiben, als jemandem eine ordentliche Frisur zu verpassen. Frag meinen Freund.“