Musik

Streitgespräch über die Echo-Verleihung 2002

Nach der diesjährigen Echo-Gala hagelte es Kritik an der Veranstaltung. Im musikwoche.de-Streitgespräch mit Hans R. Beierlein nehmen RTL-Unterhaltungschef Matthias Alberti und Phonoverband-Vorstand Gerd Gebhardt zu den Vorwürfen Stellung.

“Wir wollen auf keinen Fall ein Ghetto schaffen“ musikwoche.de: Im Heft standen die Überschriften „Laudatoren ohne geistiges Niveau“ und „Übel riechende Verwandte aus Galizien“; Charly Brunner bekannte in einem Leserbrief: „Ich schäme mich.“ Tut solche Kritik weh?

Gerd Gebhardt: Schlimm wäre es, wenn sich kein Mensch darüber Gedanken machen würde. Dass der Echo so einen hohen Stellenwert bekommen hat, dass man sich so intensiv mit ihm auseinandersetzt, das tut auch gut. Wobei Kritik natürlich immer auch schmerzt. Was da in musikwoche.de stand, war teilweise sehr subjektiv und übertrieben.

Matthias Alberti: Ich schließe mich den wohl formulierten Worten meines Vorredners an. Dass wir überhaupt darüber reden, ist gut.

Hans R. Beierlein: Wenn es harmlos und bedeutungslos wäre, würden wir nicht zusammen hier sitzen. Ich finde es gut, dass man darüber reden kann.

mw: Wir sollten zunächst rekapitulieren, um was es geht.

Gebhardt: Wir hatten im Jahr 2000 zu viele Preise, wodurch die Sendung vier Stunden dauerte. Darauf kam viel Kritik auf, dass das zu lang sei, dass man sich den Hintern breit sitzt, dass man nichts zu trinken kriegt und schwitzt wie blöd und und und. Das kann ich alles nachvollziehen. Damals kam auch die Forderung auf, man solle sich doch von dem einen oder anderen Preis trennen. Wir wollen die ganze Breite des Musikmarkts abdecken, aber wir können nicht alle an diesem Abend auszeichnen – also müssen wir irgendwo kürzen. Es hat in diesem Fall die Kategorien Schlager und Volksmusik getroffen. Wir dachten, das tut nicht so weh, weil im Bereich Volksmusik und Schlager im Fernsehen viel passiert und weil diese Musiksparten ihre eigenen Verleihungssendungen haben – „die Krone der Volksmusik“, „Die goldene Stimmgabel“ für den deutschen Schlager. Jedenfalls ging es nicht darum, ein Genre ins Abseits zu stellen oder zu negieren. „Wie der letzte Rhabarberfürst“ Das gleiche haben wir übrigens mit Comedy gemacht, ohne dafür Schläge zu bekommen. Comedy hat seit letztem Jahr einen eigenen Preis auf RTL, und deshalb haben wir uns entschieden, diesen Echo nicht mehr zu vergeben. Außerdem haben wir noch Jazz raus genommen und auf den Vorabend gelegt. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Es war keine Entscheidung gegen Schlager oder Volksmusik, sondern für die gesamte Veranstaltung. Dass das negativ aufgefasst wurde, dass es so einen Riesenwirbel verursacht hat, tut mir leid; es war nicht so gemeint, und Herr Brunner muss sich auch nicht schämen. Für mich ist es aber ein Anlass, noch einmal darüber nachzudenken und auch heute dieses Gespräch zu nutzen, um vielleicht eine Möglichkeit zu finden, wie man es verhindert, dass sich eine ganze Sparte Musik ins Abseits gestellt fühlt. Der Echo ist ein Preis, der objektiv für alle da ist, ein objektiver Erfolgs-Award, der niemand ausgrenzen soll.

Beierlein: Es geht nicht allein darum, ob die Kategorien drin sind oder nicht, sondern auch, wie die Vertreter dieser Kategorien – Volksmusik und Schlager – in der Sendung vom Publikum behandelt werden. Wenn die bei der Preisverleihung ausgepfiffen und ausgelacht werden, dann ist das nicht diskutabel. Im Saal herrschte immer eine unangenehme Stimmung, so dass man sich auf der Seite von Schlager und Volksmusik fragen muss, warum man eigentlich noch hin geht? Warum werden wir bestraft, weil es uns gelungen ist, Fernsehsendungen zu etablieren – und die anderen Sparten werden gelobt, weil es ihnen nicht gelungen ist, im Fernsehen einen guten Eindruck zu machen.

Deswegen hatte ich schon vor zwei Jahren gesagt, lasst doch die Volksmusik total heraus, wenn sie nicht beliebt ist. Jetzt allerdings bin ich autorisiert zu sagen, der Echo für Volksmusik könnte in der „Krone der Volksmusik“ überreicht werden, ohne dass das Publikum johlt, pfeift oder sich durch andere Missfallensäußerungen bemerkbar macht. Das Problem ist dann zumindest für die Volksmusik erledigt, und wir haben nie mehr Ärger; es fühlen sich keine Künstler diskreditiert und ausgepfiffen dafür, dass sie mehr verkauft haben als die Mehrzahl der anderen, die nicht ausgepfiffen werden. So könnten wir schnell zu einer Lösung kommen, und niemand müsste sich schämen.

Gebhardt: Es ist eine Unsitte, wenn sich ein Teil der Musikszene schlecht behandelt fühlen muss aufgrund von Reaktionen aus dem Publikum, die man als Veranstalter auch nicht vorhersehen kann.

Beierlein: Man kann ja schlecht ein Schild aufstellen: „Auspfeifen verboten“

Gebhardt: Das Publikum sollte sich disziplinierter verhalten. Diese extreme Spartenaufteilung geht nicht nur zu Lasten von Volksmusik oder Schlager, sondern hat sich generell so eingespielt. Wir haben einmal im Jahr den deutschen Musikpreis, der all das widerspiegeln soll, was sich im deutschen Markt getan hat, und den möchte ich mir nicht von arroganten Ignoranten kaputt machen lassen, die glauben, dass sie den Geschmack gepachtet haben. Der zweite Punkt ist: Ein Grammy, mit dem man sich immer vergleicht, hat übrigens 100 Preise, von denen viele vorab verliehen werden, aber die Leute sitzen sich dort zwischen fünf und sechs Stunden den Popo platt. Der Leidensdruck der Amerikaner ist vielleicht höher, wenn es darum geht, Entertainment zu zelebrieren und sich gemeinsam dem Publikum zu zeigen. Ich möchte sehen, dass auch das deutsche Publikum in der Lage ist, das Ganze ohne Fraktionszwang objektiv zu betrachten. Es muss im ureigensten Interesse des Branchenpublikums liegen, dass im Saal eine andere Stimmung aufkommt. Erstens für die Künstler, zweitens für das Gesamtbild.

Beierlein: Das passiert jedenfalls so weder in Österreich noch in der Schweiz.

Gebhardt: Eben. Der Amadeus in Wien zum Beispiel war wunderbar.

Beierlein: Nur in Deutschland gibt es diese unangenehme Heruntermache. Wenn sie wenigstens noch irgendwie befruchtend wäre…

Gebhardt: Ich möchte ganz klar sagen, dass alle Beteiligten, von der Phono-Akademie bis hin zu RTL, keine Ausgrenzungen wollen. Aber mit dem Publikum habe ich große Probleme, denn es respektiert den Galacharakter der Veranstaltung nicht so, wie es sein sollte. Das ist eine Gala, und das hat auch etwas mit der Kleidung zu tun. Wenn ich mich hinsetze wie der letzte Rhabarberfürst, dann kann ich auch demjenigen auf der Bühne nicht die verdiente Ehre zuteil werden lassen, wie es sich eigentlich gehört. Und über die Positionierung des Echos 2003 müssen wir uns sowieso Gedanken machen: Wo wollen wir eigentlich hin? Wollen wir mit dem Echo die gesamte deutsche Musik abbilden, ja oder nein? Aus dem Jazz-Lager habe ich übrigens genauso viel auf die Ohren gekriegt wie aus dem Lager der Volksmusik.

mw: Diana Krall hat ja immerhin über 100.000 Platten verkauft und wurde mit dem Jazz-Echo trotzdem auf den Vorabend verbannt…

Gebhardt: Vielleicht müssen wir im nächsten Jahr weniger Acts auftreten lassen, elf oder zwölf, und die Zeit nehmen, um noch zwei oder drei Kategorien mehr auf der Bühne zu haben. Das ist im Gespräch. Es gibt jedenfalls keinerlei Aversion gegen irgendeine Musikrichtung. Ich bin damals bei CBS selber zwar nicht mit Volksmusik, wohl aber mit dem Schlager groß geworden und war sehr erfolgreich damit. Und schon damals hatte ich in den Funkanstalten mit derselben Ignoranz zu kämpfen. Wir haben ein generelles Problem der musikalischen Vielfalt in Deutschland, in dieser Form gibt es das in anderen Ländern nicht. „Zwei fühlen sich schlecht bedient“ Beierlein: Das Kästchendenken ist eine deutsche Erfindung, keine Frage. Niemand macht der Phono-Akademie den Vorwurf, dass man dort die Dinge nicht ernsthaft und seriös und professionell betreibt. Aber Fakt ist, zwei Musikrichtungen, nämlich Volksmusik und Schlager, fühlen sich schlecht bedient. Und jetzt gliedert man das aus und macht eine eigene Veranstaltung. Das war ja auch die Idee, bei RTL einen Volksmusiktag zu machen. Hoffentlich keinen Sonntagnachmittag habe ich gleich dazu gesagt, weil ich weiß, wie das so gehandelt wird – und damit war das Thema eigentlich schon gleich beendet. Dass RTL am Samstagabend um 20.15 Uhr Volksmusik bringt, das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich.

Aber das Echo-Publikum können wir uns nicht neu backen, das ist nun mal da. Und ihm beizubringen, dass man zwar nicht klatschen, aber auch nicht pfeifen muss, wenn man etwas nicht mag, das ist wahnsinnig schwierig. Wenn eine Möglichkeit besteht, dass der Echo für Schlager und Volksmusik und vielleicht noch für Crossover eine eigene Veranstaltung wird, wären eigentlich alle Beteiligten glücklich. Die Pfeifer hätten weniger zu pfeifen, und die Volksmusik- und Schlagerleute wären glücklich, dass man ihnen einen eigenen Raum zur Verfügung stellt. Nur der Samstag- oder Sonntagnachmittag wäre keine Lösung, sondern eine neue Diskreditierung.

Alberti: Wir vom Sender unterscheiden nicht zwischen Schlager- oder Popmusik, es geht uns darum, dass wir einen hervorragenden Event nahezu live übertragen können. Wir laden diesen Event mit einer Vorberichterstattung mit vielen Menschen auf, mit der Frage, wer an diesem Abend gewinnt, wer was trägt. Da finden auch viele deutsche Schlagergrößen statt und spielen auch gern als Protagonisten mit. Insofern hat der Abend für uns keine Genretrennung, sondern lässt einfach unseren Zuschauer an der Verleihungssituation teilhaben. Die Zuschauerkurven bei unser Kernzielgruppe von 14 bis 49 Jahren zeigen, dass es relativ egal ist, wer auf der Bühne steht, solange es nur leidenschaftlich ist. Deshalb war ich von der Idee, einen Klassik-, Pop- und Volksmusik-Echo zu machen, angetan. Das ist eine Trilogie, die Sinn macht.

Beierlein: Dadurch wird das Ganze wirklich rund, alle sind glücklich, und der Musik ist genüge getan.

Alberti: Wir müssen Kategorien eindampfen, weil es immer das Bestreben ist, kurze knackige Sendungen zu machen. Für einen Volksmusik-Echo allerdings haben wir einen Sendeplatz am späten Sonntagnachmittag bereitgestellt

Beierlein: Das ist möglicherweise das Problem…

Alberti: Kommt darauf an, welche Zielgruppe man erreichen möchte. Man bekommt zu dieser Zeit für die Präsentation von Volksmusik ein Umfeld, das man sonst nicht erreicht. Man sollte genau ausloten, welche Leute man erreicht. Denn der Sonntagnachmittag bei RTL ist nicht gleich der Sonntagnachmittag beim ZDF, der ARD oder bei anderen Sendern. Außerdem reden wir hier vom ersten Jahr. Wer weiß, wie sich das entwickelt, wer weiß, wie man“s noch machen kann. Der erste Klassik-Echo lag auch nicht in der Prime-Time. Jedem Format muss man die Chance geben, sich zu entwickeln. Aber unsere Bereitschaft, hierfür eine Plattform zu bieten, war sofort da. Unser Ansatz war, dass die Wertschätzung für diese Künstler, die sich auf der Echo-Bühne bisher eigentlich immer unwohl fühlen müssen, auch eintreten wird, weil sie dann vor ihrer eigenen Klientel auftreten. Dass die deutsche Neidgesellschaft da nicht hinkommt, das können wir nicht ändern. Eigentlich war das von uns als ein Schritt der Wertschätzung gemeint – deshalb war ich sehr über die geballte Kritik überrascht.

Gebhardt: Nachdem wir im Vorstand über die Kategorien entschieden hatten, hatte ich den klaren Auftrag, mit RTL zu sprechen und die Volksmusik/Schlager-Frage zu diskutieren. Und mit Matthias Alberti habe ich auch einen guten Gesprächspartner gefunden. Seinen Vorschlag, am Sonntag um 18 Uhr einen Sendeplatz zur Verfügung zu stellen, fand ich hervorragend. Man fängt erst einmal vorsichtig an, und wenn das erfolgreich ist, kann man immer noch in andere Zeitfenster kommen. RTL hat ja seit sieben Jahren nichts mehr mit Schlager und Volksmusik zu tun – da wäre es ein toller Einstieg in das Genre, weil wir einen Sender hätten, der jünger positioniert ist als andere und der uns die Chance gibt, eine Alternative aufzubauen. Wenn ich die Möglichkeit habe, am Sonntag um 18 Uhr mit einem Volksmusik-Echo auf RTL vielleicht sogar ein Publikum zu erreichen, das sonst was anderes guckt, dann hätte ich zumindest gedacht, dass man die positive Anstrengung anerkennt. Aber es gab sofort Ablehnung.

Beierlein: Der Marktführer in diesem Segment stand natürlich unter Druck, vor allem weil seine Künstler Dauerabonnenten auf den Volksmusik-Echo gewesen sind. Deshalb reagierte er möglicherweise emotionaler. „Dann hole ich die Kalaschnikow raus“ Gebhardt: Ich finde Emotionalität gut, wir leben in einem emotionalen Umfeld. Wer in dieser Branche ist, der muss mit Emotionen arbeiten. Aber man kann ja manchmal über solche Sachen schlafen und sich das vielleicht noch mal überlegen. Es muss ja nicht für ewig in Stein gemeißelt sein – wenn es nicht funktioniert, ist es abgehakt. RTL war für mich als Additiv etwas, auf das ich stolz war. Das ist nicht so angekommen – damit müssen wir leben.

Beierlein: Wir sind alle vernünftig genug, um uns das zu überlegen. Aber zunächst einmal hat die Volksmusik nicht Hunger nach neuen Fernsehsendungen, denn sie hat schon zu viele, nicht zu wenig. Das ist ein Schuh, den ich mir anziehen muss. Und im nächsten Jahr wird es vielleicht auch „Die Krone des Schlagers“ geben – auch da hat die ARD rechtzeitig geschaltet und erkannt, dass der Schlager nicht tot ist. Ich bin aber ganz sicher, dass wir eine Lösung finden können. Deshalb wäre es wichtig, dass die Phono-Akademie anbietet, für den Bereich Volksmusik und Schlager eine eigene Sendung zu machen, den Echo oder wie immer man das nennen mag, und dass sich der Sender, der die normale Echo-Verleihung so bravourös gemacht hat und auch die Quote deutlich steigern konnte, jetzt auch mit Volksmusik beschäftigt. Vielleicht findet RTL ja wirklich wieder Gefallen daran. Das Thema ist noch nicht gestorben, wir wollen nur bald wissen, was wirklich geschieht.

Gebhardt: Wir werden in der nächsten Vorstandssitzung Ende Juni noch einmal ernsthaft über das Thema reden. Über das Angebot, was die „Krone der Volksmusik“ angeht, wie über das RTL-Angebot. Wir werden dann versuchen, die bestmögliche Lösung für alle zu finden. Ich finde, wenn wir uns in irgendeiner Form dem Grammy annähern wollen, dann muss auch bei uns alles stattfinden, was sich musikalisch tut. Es gibt in den USA einen Country Award, aber das hindert die Grammy-Macher nicht, sich des Themas ebenfalls anzunehmen.

Beierlein: Wenn alles unter der Marke Echo läuft, dann geht es ja um die Familie.

Gebhardt: Aber das wurde bisher nicht so gesehen. Es kam so an, als wollten wir ein Ghetto für das ungeliebte Kind schaffen. Dieses Ghetto möchte ich auf keinen Fall haben – ich bin generell gegen Ghettos.

Beierlein: Wenn mir jemand was von Ghetto erzählt, hole ich die Kalaschnikow raus. Wir brauchen keine Spielwiese. Eine Möglichkeit, alles unter einen Hut zu bringen, hat man ja im übrigen schon früher aufgegeben, indem man den Klassik-Echo ausgegliedert hat.

Gebhardt: Bei Klassik war das auch sinnvoll. Die Klassik ist ja so unterschiedlich, dass sie selbst 25 Kategorien hat, wie der Echo. Aber in der Volksmusik hat man zum Glück nicht 80 Unterkategorien.

mw: Und wie war das mit dem geistigen Niveau der Laudatoren?

Gebhardt: Wenn der Manager von Caterina Valente kommt und sich beklagt, obwohl seine Künstlerin eine hervorragende Laudatio hatte, finde ich das ziemlich hart. Und im Fall der Kategorie Schlager beschwerte sich die Künstlerin auf der Bühne – wer aber die Laudatio liest, der sieht, dass das eine Hymne auf den Schlager ist. Wer etwas anderes heraushören oder lesen will, ist entweder taub oder unbelehrbar. Aber das einzige Wort, was man anscheinend aufgenommen hat, war „Ballermann“. Da sollte man besser zuhören.

Beierlein: Dass eine Künstlerin in der Hektik der Verleihung das missversteht, ist aber nachvollziehbar.

Alberti: Die Besetzung der Laudatoren ist das Schwierigste überhaupt. Wir sind nicht in Amerika – wie sich dort Gäste in den Shows verhalten, wie sie spontan reagieren, das gibt es in Deutschland nicht. Das heißt, wir müssen Texte vorgeben – manchmal gibt es eine Fehlinterpretation, weil die Laudatoren den Text nicht so darbieten, wie er gedacht ist. Und viele Laudatoren bringen einen völlig anderen Text als den vorgegebenen, was man wiederum uns ankreidet. Aber dafür können unsere Autoren nicht gerade stehen. Und schließlich gibt es auch hervorragende Texte, die man den Laudatoren zuschreibt, die aber von unseren Autoren stammen. Dass es Fehlgriffe gibt, dazu stehen wir. Aus solchen Fehlern lernen wir: Es ist ein Musikpreis, also ziehen wir uns bei den Laudatoren etwas zurück. Wir machen einen Lernprozess mit eigenen Gesetzen durch, wie wir es bisher nicht kannten. Wir haben bei keinem anderen Fernsehpreis ein solches Problem, mit drei, vier RTL-Moderatoren an den Start zu gehen und die Marke RTL damit bei den Zuschauern aufzubauen. Wir machen Fernsehen ja nicht erst seit gestern und werden entsprechend optimieren.

„Wir machen einen Lernprozess durch“ Beierlein: Bei der Volksmusik wird es ähnliche Probleme geben, darauf mache ich jetzt schon aufmerksam. Aber wenn wir allen Problemen immer aus dem Weg gehen, dann brauchen wir kein Fernsehen, keine Veranstaltungen zu machen.

Alberti: Dann emotionalisieren wir auch nicht mehr.

Gebhardt: Im Heft schrieb jemand aus der Branche: „Die Party war hervorragend, die Verleihung die schlechteste, die ich je gesehen habe.“ Da muss ich fragen, wo war der? Zu 90 Prozent hätten die Laudatoren peinliche Statements abgegeben – ich kann nur sagen, es gab einige, die hervorragend waren, unter anderem Xavier Naidoo. RTL habe noch nicht mal die Technik auf die Reihe bekommen, es sei eine Provinzveranstaltung gewesen, der Deutsche könne sich und seine Erfolge nicht feiern, Neid und Missgunst habe er besser drauf. Den letzten Satz unterstreiche ich, da hat der Mann recht. Alles andere ist übertrieben. Wer mal beim Grammy oder bei anderen Live-Veranstaltungen war, der weiß, dass in jedem Land der Welt technische Pannen passieren, wahrscheinlich mehr als bei uns. Die Reaktionen auf diese Dinge sind vollkommen überzogen. Wenn aber jemand diese Provinzveranstaltung schon zehnmal über sich hat ergehen lassen, dann soll er doch besser zuhause bleiben.

mw: „Ballermann“ ist nun mal in diesem Kontext vermutlich ein Reizwort, ebenso wie die misslungene HipHop-Parodie hängen blieb…

Beierlein: Bekommen die Laudatoren ihre Texte vorgeschrieben oder zumindest eine Vorgabe, was sie zu sagen haben? Wenn ich Harald Schmidt als Laudator hätte, würde ich ihm sicher nicht die Rubrik der Kastelruther Spatzen geben, das ginge total in die Hose.

Gebhardt: Passt der Laudator für die Kategorie trotzdem auch zu dem eventuellen Gewinner – das ist die Überlegung. Bei Caterina Valente haben wir über den Manager herausgefunden, dass sie sich am meisten über Lothar Späth freuen würde. Und wer war da? Herr Späth. Wir haben das in vielen anderen Fällen auch schon so gemacht, ohne dass der Künstler involviert war, meistens übers Management oder über die Plattenfirma. Wir wollen ja die Künstler ehren, und zwar würdevoll, das ist keine weitere Pop-Supershow, es ist eine Gala, das hat eine andere Wertigkeit. Wir geben die Texte so positiv wie möglich vor. Wenn der Laudator das rüberbringt, was wir ihm vorher aufgeschrieben haben, ist es ja gut. Aber dieses Mal hat ungefähr die Hälfte der Laudatoren das nicht abgelesen, sondern was ganz anderes gemacht. Warum auch immer.

Früher, als wir aufgezeichnet haben, konnte man das schneiden. Heute ist es im Fernsehen. Piet Klocke oder Michael Mittermeier waren doch mit ihren eigenen Texten sensationell. Aber wie ich immer sage: Echo verändert sich ständig, und weil wir es nur einmal im Jahr machen, kommt erstens keine Routine auf, und zweitens fangen wir immer wieder von vorne an. Und natürlich machen wir Fehler. Nur der Mittelmäßige ist immer in Höchstform. Ich habe im Nachhinein festgestellt: Die Ausstrahlung aus dem Saal, aus dem Publikum war extrem negativ. Das hat damit zu tun, wenn die Kamera zeigt, dass die Hälfte der Leute nicht klatscht, wenn einer grad einen Preis gewonnen hat. Wir können nur den Rahmen liefern und alles im besten Sinne planen – was daraus wird, entscheidet der Abend, das Publikum, und zwar in der Halle wie vor dem Fernsehschirm. Der Fernsehschirm war übrigens sensationell. Wir kamen diesmal nicht nach dem Millionärsquiz von Günther Jauch, sondern gleich um viertel nach acht – aber die Quoten gingen über die ersten drei Werbepausen kontinuierlich nach oben. „Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen“ Alberti: Wir waren sehr zufrieden, dass der Echo auch um 20 Uhr 15 eigenständig bestehen kann. Das waren sehr gute Werte in unserer Zielgruppe. Deshalb haben wir uns auch dazu entschlossen, im Jahr 2003 auf einen Samstag zu gehen. Wann genau, werden wir noch sehen.

Beierlein: Achten Sie bitte bloß darauf, dass nicht gleichzeitig die „Krone der Volksmusik“ läuft. Und wann soll dann der Volksmusik-Echo stattfinden?

Alberti: Es wäre ideal, wenn wir damit ins Pop-Umfeld gehen könnten, ich würde damit eine Woche später kommen. Die Marke Echo würde ich am Sonntag drauf mit Volksmusik bringen. So macht es für RTL im Paket Sinn.

Gebhardt: Noch mal zur Laudatio: Außer beim Lebenswerk geht es nicht konkret um den Preisträger, sondern um ein Vorwort zum Genre, zu den Kategorien.

mw: Aber in der Branche weiß man doch in den meisten Fällen aufgrund der Verkäufe ziemlich gut, wer gewinnt. Und deshalb erwartet man vielleicht von den Laudatoren trotzdem, dass sie stärker auf den Künstler eingehen…

Beierlein: Das halte ich für ein entscheidendes Argument. Als Zuschauer erwarte ich, dass der Laudator nicht eine Kategorie laudatiert, sondern einen Menschen, nämlich den, der jetzt auf die Bühne kommt. Wenn man auf den nicht eingeht und Akademisches über HipHop plaudert, kann keine Emotion entstehen.

Gebhardt: Aber alle ähnlichen Preisverleihungen funktionieren nach diesem Prinzip: Der Gewinner ist im Umschlag und eine Überraschung.

Beierlein: Diese Überraschung kann ja erhalten bleiben, wenn der Laudator auf den Gewinner abzielt.

Gebhardt: Aber dann müsste die Laudatio hinterher kommen. Natürlich muss man die Künstler vorher einladen, und ich kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass das immer mit der nötigen Sensibilität gemacht wird. Manche denken sich vorher, dass sie gewinnen. Manche sind fürbass erstaunt, dass sie es nicht sind. Und manche sind zu Tränen gerührt wie letztes Jahr Jeanette Biedermann – der dann wieder vorgeworfen wurde, dass sie diese Tränen nur heuchelte. Ich habe mich über diese Emotionen sehr gefreut. Dass Fehler passieren, dass der eine oder andere Laudator kurzfristig absagt, dass wir den einen oder anderen nicht im Griff haben – das muss man in Kauf nehmen. Ich kann nicht mit der Peitsche hinter jedem stehen, um aufzupassen, dass er kein falsches Wort sagt. Wir können da ja nicht seelenlose und hirnlose Roboter rumlaufen lassen, die nur das tun, was jedem genehm ist. Aber vielleicht müssen wir wirklich das Wort Laudator ändern.

Beierlein: Das ist natürlich eine unpersönliche Angelegenheit. Ich fasse mal zusammen: Es plaudert jemand akademisch, witzig, ironisch oder wie auch immer über eine Kategorie, dann werden drei Namen eingeblendet, und dann wird ein Kuvert aufgerissen. Und dann kommt der Mensch – Beifall! Und der Laudator geht weg. Es wird kein einziges Wort über den Gewinner gesagt; er selber ist der einzige, der über sich etwas sagt. Dankeschön an Mutti, Dankeschön an Vati, Applaus – das nimmt einen Teil der Wirkung. Ich möchte schon ein paar menschliche, bewegende Worte hören. „Leistungsshow des Musikbusiness“ Gebhardt: Von den Grammies bis zu den Brit Awards ist diese Struktur aber überall auf der Welt die gleiche.

Beierlein: Die Frage ist, ob das auch fürs Publikum in Deutschland eine Herzensangelegenheit ist.

Gebhardt: Da müsste man auch die Sieger vorher bekannt geben.

Beierlein: Nicht unbedingt. Überraschung ist ein Teil des Prozederes.

Gebhardt: Es geht um die Frage, was ich machen muss, um eine gewisse Spannung aufzubauen.

Beierlein: Spannung und Emotion! Nehmen wir mal die Volksmusik-Echoverleihung. Da kommt jemand auf die Bühne und erzählt, die Berge sind unser Glück, und ohne Berge können wir nicht leben, und die Berge sind schöner als Betonbauten und und und, heile Welt, dies und jenes. Und in der Kategorie der Sängerinnen – drei Kandidatinnen – wird das Kuvert aufgemacht, und es gewinnt Stefanie Hertel, danke Mutti, danke Vati. Das ist wirklich emotionslos, in der Volksmusik kann man es in dieser Form gar nicht machen.

Gebhardt: Nur in einem Umfeld, wo alle Kategorien gleich behandelt werden

Beierlein: Da muss noch der Hansi Hinterseer auf die Bühne kommen und sagen, das Mädchen ist so wunderbar und hat mit zwölf Jahren schon…

Gebhardt: Das geht vielleicht bei der Volksmusik mit wenigen Kategorien. Aber das lässt sich bei einer Veranstaltung wie der unsrigen gar nicht machen, wo wir ja noch Nachwuchskünstler auftreten lassen wollen und wo dann die Zeit gar nicht reicht. Außerdem ist derjenige, der ausgezeichnet wird, fürs Fernsehpublikum ja kein Unbekannter, schon allein über die Charts und die Verkäufe. Zum Glück ist das ja keine Jury-Entscheidung.

mw: Vielleicht liegt aber genau hier das Dilemma. Bei der Oscar-Verleihung sind es die Academy-Mitglieder, die abstimmen. Wenn ich die Verkäufe als Grundlage nehme, ist das Überraschungsmoment zumindest geschmälert. Und bei Jury-Entscheidungen könnte man den Laudator besser vorbereiten

Gebhardt: Wir können Preisverleihungen nicht neu erfinden, sondern müssen uns an die Vorgaben halten. Und dies ist eine sehr wertige Veranstaltung, in der die erfolgreichsten Künstler des Jahres ausgezeichnet werden. Die kennt man aus TV, Funk und Presse und hat hunderttausend Berichte über sie gesehen und gelesen.

mw:… was es aber langweilig macht…

Gebhardt: Das hat nichts mit Langeweile zu tun. Wenn wir jetzt das Ganze neu aufrollen wollen, sind wir ziemlich weit weg von der Realität. Wenn ich aber das Verständnis einer Laudatio neu definiere, bin ich dabei. Dann muss man den Laudatoren eben Presenter nennen. Mir haben auch einige extreme Sachen nicht gefallen, weil man sich nicht an die Texte gehalten hat, aber die Laudatoren respekt- und würdelos zu nennen, das kann ich so nicht stehen lassen.

mw: Aber ein einziges Negativbeispiel wie die HipHop-Laudatoren überschattet viele positive.

Gebhardt: Ich kann doch nicht einen Abend, der drei Stunden dauert, mit einer einzigen Situation gleichsetzen. Das ist auch typisch deutsch.

Beierlein: Beim Volksmusik-Echo muss man nichts Neues erfinden, weil das Ganze noch gar nicht erfunden ist. Deshalb müsste man sich in der Tat rechtzeitig zusammensetzen und eine Lösung finden, die für Schlager und Volksmusik tatsächlich passt. Dort hat man es auf der einen Seite leichter, auf der anderen Seite sehr viel schwerer. Aber ich glaube, die Emotion muss eine sehr viel größere Bedeutung bekommen.

Gebhardt: Ein Riesenproblem ist, dass der Deutsche sich und seine Erfolge nicht feiern kann. Das setzt auch Respekt vor anderen Menschen und vor ihrer Leistung voraus, ob es mir gefällt oder nicht. Und wenn man sich schon kritisch damit auseinander setzt, dann sollte man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und wenigstens die richtigen Zahlen zitieren. Wir hatten über vier Millionen Zuschauer. Prinzipiell galt jedenfalls von Anfang an: Wir wollen mit dem Echo auf einer Stufe stehen mit den großen Preisen dieser Welt. Und bei aller notwendigen und richtigen Kritik – das haben wir geschafft. Wir müssen aber ständig daran arbeiten und unserer eigenen Branche sagen, dass sie sich doch ein bisschen disziplinieren soll. Es macht mir als Veranstalter keinen Spaß, wenn ich sehen muss, dass sich Brunner & Brunner unwohl gefühlt haben, wenn sie auf die Bühne gehen, weil sie mit Pfiffen und Buhrufen empfangen wurden. Wir wollen eine Gala, eine Ehrung, die auf den Erfolgen basiert, und bei der das Publikum Respekt vor allen Preisträgern zeigen muss. Da können wir uns noch so lange über Laudatoren oder Umschläge unterhalten – wenn der Respekt fehlt, haben wir generell ein Problem.

mw: Was verfolgt RTL für ein Ziel mit dem Echo?

Alberti: Unser Ziel ist es, dem RTL-Zuschauer ein Event zu bieten, die Menschen zu unterhalten und ihnen die Preisverleihung näher zu bringen – und die Quote hat gezeigt, dass das funktioniert. Und wenn wir die nächste Verleihung auf ein Wochenende legen, wollen wir zeigen, dass wir noch mehr Menschen erreichen können, um den Echo auf ein noch breiteres Standbein zu stellen. Und ein Ziel ist sicher auch, dass die Emotion rüberkommt, wie sie von anderen Preisverleihungen bekannt ist. Andererseits sind wir durch den Saal auch begrenzt – es ist eine andere Situation mit den Sitzreihen in Berlin als bei den Brit Awards, wo man an Tischen im Saal sitzt. Aber in Berlin gibt es halt nichts anderes. Und so lange wir mit so vielen Live-Acts arbeiten, müssen wir gewisse Kompromisse eingehen, und es gibt auch gewisse Risiken, wie wir bei Alanis Morissette gesehen haben. Für uns ist das Ziel, eine junge. frische Fernsehsendung hinzukriegen, und das heißt auch unberechenbar. Der Echo – das Event im Frühjahr.

mw: Soll die Sendung eigentlich auch Platten verkaufen?

Gebhardt: Natürlich wollen wir damit auch verkaufen – das ist eine Leistungsshow des deutschen Musikbusiness. Aber der Schwerpunkt liegt auf den nationalen Künstlern, auf ausgezeichneten und schon etablierten Künstlern und auf neuen Acts wie in diesem Jahr zum Beispiel Laith Al-Deen und Seeed. Jedes Jahr wurde mindestens ein neuer Künstler etabliert – von den Prinzen über Fettes Brot bis Xavier Naidoo. Der Echo hat also was bewirkt, was über den Auszeichnungscharakter hinaus geht.

Beierlein: Der Echo ist wirklich eine der wichtigsten Veranstaltungen für die Musikwirtschaft in Deutschland. Wir sollten alles dazu tun, dass seine Position erhalten bleibt und ausgebaut wird und alle Möglichkeiten zur Verbesserung ergriffen werden. Ich fühle mich nur für Volksmusik und Schlager zuständig, und dazu haben wir heute einiges diskutiert. Drin zu bleiben im Original-Echo, wird für die Volksmusik wenig Sinn machen. Eine neue Veranstaltung zu machen, ist eine Möglichkeit. Einen Echo in der „Krone der Volksmusik“ zu verleihen, ist sicher die einfachste Lösung und auch keine schlechte, was die Einschaltquoten anbelangt, denn die Krone liegt bei 7,8 Millionen Zuschauern. Die Fernsehsendungen hierzu hat die Musikwirtschaft auf dem Tisch, sie muss jetzt nur zugreifen.