Musik

Sternschnuppen: Samples aus der Firmenchronik „Sternenhimmel“

Leseproben, die Appetit auf das Buch machen…

Kanarienvogel-Gesangssolo

„Etwas noch nie Dagewesenes! Hier singt ein Kanarienvogel (also keine Imitation) das „O sole mio“ und „Traum der Sennerin“ und wird dabei von Klavier und Violine begleitet. Wie schwierig es war, den goldenen Vogel so weit zu schulen, kann man sich vorstellen. Diese Platte aber, eine naturgetreue Wiedergabe des Kanarienvogel-Gesangs, ist eine Sensation, ein wertvolles Hilfsmittel für Kanarienzüchter, ein seltener Schatz für Schallplattenfreunde. Bestellnummer: 22751, Preisklasse: 2, Grünetikett, 25 cm.“ Aus dem Hauptkatalog 1930/31

Stereo

„Polydor ist glücklich, Ihnen als erste stereophonische Aufnahmen vier Langspielplatten anbieten zu können, welche sicher auf Grund ihrer hervorragenden technischen und musikalischen Qualität größten Anklang finden werden.Stereo bringt eine weitere bedeutende Vervollkommnung in der Entwicklung der Schallplatte. Die Stereo-Schallplatte schafft die Wirkung räumlich verteilter Klangquellen; dem Hörer erscheinen die einzelnen Instrumente so aufgereiht, wie sie in der Aufnahme angeordnet waren. Durch die Möglichkeit, Entfernung und Richtung zu registrieren, steigt die Durchsichtigkeit des Klanges, und es ist, als habe man den besten Platz im Konzertsaal.“ Aus der Polydor-Werbung (1958)

Ein kleiner Seitensprung

„Ich war damals Arbeitgeber für meine Musiker und musste schauen, dass die Band ernährt wird. 200 Titel mit meiner Big Band wollte die Ariola aufnehmen. Und die versprochenen Lizenzen waren auch vom Feinsten. Das hörte sich alles so gut an. Aber nach ein paar Wochen und drei LPs merkte ich, dass die Zusammenarbeit nicht klappen würde. Also rief ich bei Kurt Richter an. Er lachte, verzieh mir den „Seitensprung“ und ließ unseren Vertrag, ohne groß Aufhebens zu machen, wieder aufleben. So bin ich bis heute bei Polydor geblieben.“ Max Greger

Ausgiebige Feiern

„Seit 1955 bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahr 1980 war mein Vater dem Hause Polydor als Bandleader und Produzent schließlich 25 Jahre verbunden. Eine lange Vertragspartnerschaft, in der es auch schon mal die eine oder andere Unstimmigkeit gab; Antipathien, Sympathien, aber auch Freundschaften. So war es damals üblich, dass man gemeinsam ausgiebig zu feiern verstand. Die Kegelabende und Skatrunden der Firma waren berühmt. Mein Vater und die damaligen „Polydors“ haben diesen Part der Zusammenarbeit, oft zum Leidwesen der Ehefrauen, mindestens genauso ernst genommen!“ Doris Kaempfert, Musikverlegerin

Koppel-Geschäfte

„In den 60er Jahren änderte sich auch im Vertriebsbereich einiges. Die etablierten deutschen Firmen brachten ihre Platten innerhalb eines konstanten, festgefügten Preissystems über den Fachhandel (der freilich vom dörflichen Elektroinstallateur bis zum luxuriösen Spezialgeschäft reichte) an den Mann. Nun tauchten auch aus Amerika (woher sonst?) Firmen auf, die – zeitlich begrenzt – einzelne Artikel des täglichen Bedarfs in riesigen Mengen über jeden denkbaren Vertriebsweg (auch über Kaufhäuser und den Versandhandel) zu günstigsten Preisen unters Volk brachten. Dazu setzten diese Firmen in bis dahin unbekanntem Umfang TV-Werbung ein. In Deutschland hatte diese neue Masche vor allem im Bereich der Schallplatten erhebliche Erfolge. Die Platten wurden nicht selbst produziert, sondern nur das Bestseller-Repertoire angekauft. Polydor war in einer misslichen Lage: Sinkende Erlöse und der Mangel an aktuellem Repertoire (die Globalisierung war eine Einbahnstraße aus den USA und England in Richtung Resteuropa) beendeten die bisherige, unangefochtene Marktführer-Position. Richard Busch und seinen Mannen kam die rettende Idee: In den Fabrikkellern von Hannover lagerten Unmengen von Bändern und Matrizen aus den alten Katalogen. Man stelle sich vor: Bis dahin war es üblich, nicht mehr rentable Plattennummern in den Archiven verstauben zu lassen – ungenutztes Kapital von unermesslichem Wert. Der neue Plan war, aus diesem schier unerschöpflichen Fundus neue LPs, sogenannte „Kopplungen“ zusammenzubauen. Es gab viele Möglichkeiten: Platten mit Weihnachtsliedern, Hit-Zusammenstellungen, Künstlerporträts… Fritz Warncke, ein alter Polydor-Hase, war einer derer, die hauptamtlich und mit großem Erfolg im „historischen“ Repertoire-Teich angelten. Und das alles ohne einen Pfennig in die Aufnahmen zu investieren. Neidisch und ehrfurchtsvoll hieß man Polydor in der Branche bald „Weltmeisterin im Koppeln“. Jochen Popp, ehemals Archivar

Links abgebogen

„Als ich im Jahre 1964 eines Tages vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) meine Festanstellung in Händen hielt, dachte ich noch einmal über mein Leben nach. Ich fuhr am NDR-Pförtner vorbei, aber nicht stolz nach Hause, sondern links herum zu Polydor, die damals auch noch an der Rothenbaumchaussee residierte. Damals war Heinz Voigt der Chef. Er kannte mich bereits als Arrangeur von verschiedenen Produktionen mit Freddy Quinn, Margot Eskens, Caterina Valente und vielen anderen Künstlern. Auf meine Frage, ob ich nicht auch selbst etwas machen könne, gab mir Heinz Voigt die lapidare Antwort: „Wenn du eine Idee hast?!“ Ich hatte eine Idee: „Non Stop Dancing“. Als ich später meine erste veröffentlichte Schallplatte als Belegexemplar zugeschickt bekam, erfuhr ich, dass ich von nun an „James Last“ heißen sollte; keiner hatte mich gefragt, ob mir das recht sei. Nach nunmehr 37 Jahren und annähernd 80 Millionen verkauften Tonträgern bin ich immer noch bei Polydor. Ich brauchte allein schon deshalb nie die Firma zu wechseln, weil die Direktion das ja schon oft genug tat. Zurückblickend muss ich sagen: Ich habe 1964 richtig gehandelt, als ich meiner Eingebung folgte und vom Hof des NDR nach links und nicht nach rechts abbog.“ James Last

Prestigeverlust?!

„Meine Frau war sehr stolz auf mich: Ich als Chef der Deutschen Grammophon, einer dermaßen traditions- und prestigereichen Firma! Aber schon sehr bald wurde umstrukturiert: Polydor sollte die Rechtsnachfolgerin der DGG und damit selbständig im PolyGram-Konzern werden, das Gelb- und das Rot-Etikett von nun an vollkommen getrennte Wege gehen. Als Polydor-Geschäftsführer nur auf der Pop-Schiene zu arbeiten, das ist ein Harakiri-Job, dachte ich. Da kann man nur verlieren. Ich habe mit allen Mitteln versucht, mich gegen diese Neuerungen zu wehren. Unter anderem schrieb ich damals einen Brief an unseren obersten PolyGram-Boss, David Fine. Mein Schreiben beendete ich mit den Worten: „Only over my dead body!“, also: „Nur über meine Leiche“. David Fines Antwort kam prompt: „That can be arranged!“ („Das lässt sich machen!“). Ben Bunders, unser damaliger PolyGram-Präsident, tröstete mich. Er prägte den Satz: „Join Polydor, get rich and see the world!“ („Komm zu Polydor, werde reich und guck dir die Welt an!“).“ Götz Kiso, Polydor-Chef bis 1997

Weder Käpt’n noch Partykönig

„Nach 37 Jahren und annähernd 80 Millionen verkauften Schallplatten bin ich immer noch bei Polydor. Seit 1964 habe ich viele Menschen in der Firma und auf den Tourneen rund um den Erdball kennen gelernt. Ich werde bei unseren Konzerten von Jung und Alt mit einer Freundschaft und Wärme überflutet, die man nicht beschreiben kann. Dafür möchte ich mich bei allen Mitarbeitern der Firma bedanken. Ich bin weder Käpt’n noch Partykönig oder ein Gentleman of Music. Ich bin ein ganz normaler Mensch – einfach Hansi.“ James „Hansi“ Last