Musik

Songjuwelen für Lady E.

Was haben William Shakespeare, John Dowland, George Harrison, Peter Kreuder, Carl Orff und Django Reinhardt gemeinsam? Jede dieser Größen lieferte einen Song für das vierte Album der Sängerin Jenny Evans. Was sie aus diesem Vorlagen machte, ist schlicht und einfach spektakulär.

“Eine Balladen-CD wollte ich schon immer machen“, sagt Jenny Evans. „Irgendwann dachte ich, es gibt so viele tolle europäische Komponisten, auch aus der klassischen frühen Musik – warum nicht einmal diese wunderbaren Stücke aus ganz verschiedenen Epochen zusammenführen?“ Gesagt, getan. Das Ergebnis ist eine der besten Jazz-Produktionen seit langer Zeit: „Nuages“, das vierte Album von Jenny Evans, spannt mit elf Liedern einen weiten Bogen. „Veris Leta Facies“ aus den Carmina Burana von Carl Orff steht neben der impressionistischen Vertonung eines Textes aus „Der Sturm“ von William Shakespeare und dem Lied „Flow My Tears“ von John Dowland; die Arie „Remember Me“ aus der Barockoper „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell fand ebenso Aufnahme in das europäische Songbook der Sängerin wie ein schwedisches Volkslied, zu dem sie den englischen Text geschrieben hat („The Feeling Of You“), oder ein Schlager von Peter Kreuder aus dem Jahr 1936 („Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt“), der jetzt „I’m Alone After All“ heißt.

Das Titelstück „Nuages“ stammt von Django Reinhardt; zwei Kompositionen des Trompeters Dusko Goykovich, der Standard „Mad About The Boy“ sowie – als besonderer Leckerbissen – „Within You, Without You“ von George Harrison aus dem Beatles-Album „Sgt. Pepper“ runden die Titelliste ab, die sich zunächst wie ein bunt zusammengewürfeltes und nicht auf Jazz beschränktes Programm liest. Doch beim Hören erschließt sich schnell die Stringenz des Konzepts, das vom intensiven Gesang der in München lebenden Engländerin und von der sensiblen Arbeit der Begleitmusiker, allen voran Pianist Walter Lang, zusammengehalten wird. „Dieses Gefühl, miteinander und füreinander zu agieren, ist auf der CD zu hören“, weiß Jenny Evans. Am Schlagzeug sitzt übrigens mit Rudi M. Martini ihr Gatte und Manager. Martini, der in den späten Siebzigern als Promoter für WEA arbeitete, hat für „Nuages“ alle Register der Promotionarbeit gezogen und dem Werk zur mehr als verdienten Aufmerksamkeit verholfen.

Und so kommt es, dass die Medienresonanz zur Veröffentlichung am 6. September beachtlich ausfällt – von der „Bunten“ über „Gala“ bis hin zu den HiFi-Fachblättern herrscht uneingeschränkte Begeisterung. Für ein Jazz-Label wie Enja, das mit „Shiny Stockings“, „Girl Talk“ und „Gonna Go Fishin'“ bereits drei frühere CDs der Sängerin herausgebracht hat, zeichnet sich damit ein Verkaufserfolg auch ohne massives Marketingbudget ab. Mehr als 700 Telefonate habe er geführt, sagt Rudi M. Martini, um dieser CD Gehör bei den Medien zu verschaffen. Das ist ihm gelungen. Und Jenny Evans, die seit 26 Jahren auf der Bühne steht, beweist im Zeitalter der Norah-Jones-Clones, dass sich Qualität und Erfahrung manchmal eben doch durchsetzen.