Inzwischen arbeitet McCready nicht nur mit allen Majors zusammen, sondern auch verstärkt mit deutschen Produzenten. In wenigen Tagen werden die ersten „hitvorausgesagten“ deutschen Produktionen in den Charts erwartet.
Mike McCreadys Geschäftsmodell hört sich zunächst einfach an: Seine Software soll die Hits von morgen identifizieren, musikalische Tiefflieger erkennen und die Plattenindustrie dadurch vor Millionenverlusten bewahren.
Und das geht so: Er lässt sich von seinen Kunden deren Musikstücke schicken und spielt sie in seinen Computer ein. Die Software isoliert die wesentlichen Komponenten des Songs wie Melodie, Rhythmus, Tempi oder Tonhöhe. McCready nennt das „spectral deconvolution“. Seine Software vergibt dabei Nummern und Buchstaben solange, bis jedes Stück seinen individuellen 20-stelligen Code hat. Dieser wird dann mit den Codes vergangener Hits verglichen.
Gemeinsame Grundmuster
McCreadys Datenbanken kennen die Charts-Erfolge der vergangenen fünf Jahre sowie die großen Hits der letzten 250 Jahre. Wenn die Werte des neuen Stücks beim Vergleich mit den Datenbanken übereinstimmen, bekommt das Label ein Go – wenn nicht, dann eine Empfehlung zur Vorsicht.
Auch wenn sich zwei verschiedene Musikstücke hörbar nicht im Ansatz ähneln, können sie in ihren mathematischen Mustern Gemeinsamkeiten aufweisen. „Es gibt bestimmte Muster, die in den vergangenen 250 Jahren immer wieder auftauchen“, erklärt McCready. „Zum Beispiel finden sich ähnliche mathematische Muster in klassischen Stücken von Beethoven und in modernen Hits von Gruppen wie U2.“
Doch neben diesen zeitlosen Mustern existiert laut McCready auch noch eine zweite Art, die ganz deutlich von kurzfristigen Trends abhängt. So könne man die aktuellen und künftigen Markttrends erkennen, indem man die Muster neuer Titel mit den Hits der letzten zwei bis drei Monate vergleicht. „Wenn die Muster des neuen Stücks sehr deutlich einer Menge von Titeln der vergangenen Monate ähneln, dann rate ich, das Lied sofort zu veröffentlichen. Es könnte ein Hit für heute sein. Wenn ich aber sehe, dass die Muster nur einigen aktuellen Liedern ähneln, dann rate ich, zu warten. Es könnte ein kommender Trend sein, mit dem sich einige Monate später sehr viel mehr Geld verdienen lässt.“
Norah Jones heruntergestuft
McCreadys liebstes Beispiel ist der gigantische Erfolg von Norah Jones. Schon Monate bevor die Jazz-Pop-Queen im Februar 2003 bei den Grammy Awards abräumte, hatte Hit Song Science ihren Song als Hit identifiziert – obwohl es in den Datenbanken keinen einzigen Titel gegeben habe, der „Come Away With Me“ hörbar geähnelt hätte. Aber es gab gleiche Muster.
Dies zeige, so McCready, dass die Hiterkennungssoftware der musikalischen Vielfalt sogar eher noch förderlich sei, denn obwohl die Plattenfirma die Musik von Norah Jones mochte, war man unsicher, ob sie kommerziell erfolgreich sein würde. Zu sehr wich sie vom musikalischen Mainstream ab. Erst die Tests mit der HitSongScience-Software, die gleich acht Liedern des Albums „Come Away With Me“ Hitqualitäten bescheinigte, konnten sie restlos überzeugen.
Den Rest der Geschichte kennt man: In der 89. Woche hält sich das Album immer noch auf Platz fünf der deutschen Charts. Natürlich wurde auch „Feels Like Home„, das neue Album von Norah Jones, getestet. Und die Überraschung: „Wir haben einen weniger durchschlagenden Erfolg als beim ersten Album vorausgesagt“, bekennt McCready. Wer das neue Album unabhängig von Hype und Hysterie hört, der mag ahnen, was die Software damit meint. Auf Eins in den Albumcharts steht „Feels Like Home“ trotzdem.
Dürfen Wahrsager irren?
„Es gibt so viele Faktoren, die einen Hit bestimmen, dass wir nicht alle kontrollieren können. Es ist unvermeidbar, dass wir ab und zu mal Fehler machen.“ Die Software könne zwar das mathematische Potenzial eines Liedes voraussagen, liefere aber keinen Hinweis auf all die anderen Faktoren, die aus A&R-Perspektive zu berücksichtigen sind. Denn selbstverständlich, so McCready, beschäftigt sich seine Software weder mit Medienhypes noch „mit dem Ausschnitt, den deine Künstlerin bei der Grammy-Verleihung präsentiert“.
Seine Erfolgsquote, so McCready, sei trotz allem sehr gut. „Bei den Labels kommen zehn Flops auf einen Erfolg. Solange wir diese Quote verbessern können, sind wir okay. Denn eigentlich sind wir besser im Warnen vor Stücken, die man nicht herausbringen soll, als im Empfehlen von Titeln, die man promoten soll. Bisher haben wir nicht ein einziges Mal falsch gelegen, wenn wir einem Label geraten haben, einen Song nicht zu produzieren. Dabei können wir den Firmen Millionen von Dollar sparen helfen.“
Kein Wunder, dass bei diesen Größenordnungen auch die Musikindustrie aufhorcht. So lässt sich Jeff Fenster, Vice President A&R bei Island/Def Jam Records, zitieren, Hit Song Science sei „ein faszinierendes Hilfsmittel, das smarte Unternehmen als ergänzende Information nutzen sollten.“
Hit Song Science im deutschen Markt
Inzwischen sind die „hitvorausgesagten“ Stücke auch im deutschen Markt angekommen. McCready macht noch ein kleines Geheimnis daraus, gibt dann aber doch zu: „Wir haben den ersten Hit eines bekannten Künstlers, der mit Hit Song Science produziert wurde, in Deutschland bereits veröffentlicht, und er beginnt, die Charts zu erklimmen.“
Von welchem Künstler er spricht, will er erst später verraten. Immerhin so tief lässt er blicken: Er arbeite eng mit Produzent Ric Wake zusammen, der unter anderem für Jennifer Lopez, Mariah Carey und Anastacia verantwortlich zeichnet.
Und auch die Briten sollen sich von den Fähigkeiten der Hiterkennungssoftware überzeugen: Mit Antonio Fargas, besser bekannt als Huggy Bear aus der 70er-Jahre-Fernsehshow „Starsky & Hutch“, wurde ein Dance-Track produziert, der zum Start des neuen „Starsky & Hutch“-Films mit Ben Stiller, Juliette Lewis und Snoop Dogg veröffentlicht werden soll.
Auch die deutschen Labels haben inzwischen begonnen, Mike McCready und seine Software zu nutzen. In den nächsten Wochen werden verschiedene Produktionen in den Charts erwartet. Sandra Grudde, Mitbegründerin von Neuton Records, bestätigt: „Wir haben uns auf dem forward2business-Kongress 2003 kennen gelernt und dann beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu machen.“
“ Mike McCready im Internet: www.polyphonichmi.com/
“ Hitscience zum Testen für Jedermann: www.hitsongscience.com
“ Hitscience zum Testen für Jedermann: www.hitsongscience.com
“ Mike McCready im Video von Antonio Fargas: www.hitsongscience.com/media/bbbvid-hi.wmv
“ Die Technologie der Hitscience-Software: www.polyphonichmi.com/technology.html
Daraufhin hat sie eine spezielle Datenbank deutscher Dance-Erfolge erstellt und einen Produzenten gesucht. Dann kam Hit Song Science ins Spiel: „Wir schicken die hier in Frankfurt produzierten Sachen täglich als WAV-Datei nach Barcelona, ins Headquarter der Polyphonic HMI, wo sie dann analysiert werden“, erklärt Sandra Grudde. Mit den Informationen, die von dort zurück kommen, werden dann Änderungen in der Produktion oder im Mixing vorgenommen. Wenn es nach Sandra Grudde geht, soll der erste deutsche HitSongScience-Song im April in die Charts einsteigen.
Und Mike McCready berichtet auch schon über den zweiten Produzenten: Als neulich sein Telefon klingelte, war Frank Otto dran, der am Hamburger Label Safety Records beteiligt ist. Und er berichtete, er habe in musikwoche über die HitSongScience-Premiere auf dem forward2business-Zukunftskongress gelesen.
Produzent Franz Plasa, Geschäftsführer von Safety Records, hat sich in der Vergangenheit vor allem als Entdecker von Selig, Fury In The Slaughterhouse und Echt einen Namen gemacht. Nun entdeckte er Hit Song Science und benutzt die Software für seine neuen Schützlinge Daniel Hall und Shine.
Aber nicht nur die Profis kommen in den Genuss, ihre Songs testen lassen zu können. In einer reduzierten Version bietet Hit Song Science im Internet jedermann die Möglichkeit, Auskunft über die Hitqualitäten seiner Stücke zu erhalten.
Für McCready ist das ein großer Spaß: „Vieles ist zwar nicht besonders gut, aber manche Sachen sind wirklich fantastisch.“ So entdeckte er unter diesen Testern auch die Band Girl Kicks Boy aus Phoenix, Arizona. Von deren künftigem Erfolg ist McCready so überzeugt, dass er kurzerhand ihr Manager wurde. Was ihn da so sicher macht? Seine eigene Entwicklung. Denn natürlich wird mit Hilfe von Hit Song Science produziert.
Die Autorin
“ Claudia Medel, Jahrgang 1981, studierte Medienkultur an der Bauhaus-Universität Weimar und ist Mitarbeiterin im forward2Business-Büro sowie beim forward2business-Zukunftskongress in Halle an der Saale. Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit dem Zukunftskongress forward2business, der am 26. und 27. Mai 2004 in Halle an der Saale stattfindet.
Mehr Infos unter: www.forward2business.com


