Musik

Roundtable-Gespräch zur Lage der Studiobranche: Monokultur in Moll

Innerhalb nur weniger Jahre sind mit den Union Studios, Sound Studio N, den Arco Studios, dem Country Lane- und dem Trixi Studio mehrere etablierte Groß-Studios von der Bildfläche verschwunden. Ein Signal für die ganze Branche? Diese und weitere Fragen wurden beim musikwoche.de-Roundtable kompetent diskutiert.

musikwoche.de: Herr Cress, im letzten Jahr sagten Sie im Interview mit musikwoche.de, dass es Anzeichen für eine Verbesserung der Situation gibt. Dadurch bedingt, dass Rock „n“ Roll wieder im Kommen ist. War die Einschätzung zu optimistisch?

Curt Cress: Nein, ich sehe das noch genauso. Es sind zwar ein paar Studios in München und in anderen Städten weg gebrochen, aber es haben sich mit der Zeit wieder neue gebildet. Es ist eine neue Generation nachgewachsen, die in ihren Studios Rock „n“ Roll produziert. Bands wie die Emil Bulls, Guano Apes sind dafür Beispiele. Doch die goldenen Zeiten der etablierten Prunkstudios aus den 60er Jahren sind vorbei. Heute betreiben nicht irgendwelche Businessmen ein Studio, meist sind es Musiker, Tonmeister oder Producer, die von der Materie eine Ahnung haben und die selbst in diesen Studios arbeiten. Deshalb glaube ich auch, dass der Rock „n“ Roll weitergeht. Neben dem ganzen cleanen Dance-Sound hat sich da eine Gegenbewegung mit lauten Gitarren entwickelt.

mw: Die Nachfrage an handgemachtem Rock besteht also weiter?

Rüdiger Veith: Es kommt wieder, der Aufwärtstrend ist da. Das geht nicht von heute auf morgen. Fest steht jedenfalls: Rock ist nicht tot – das war er noch vor ein paar Jahren.

Artur Silber: Wir haben vor ein paar Jahren eine Musikentwicklung gehabt, die einfach sehr viel mit Technologie zu tun gehabt hat und das hat die Musik erst Mal in einer ganz andere Richtung beeinflusst, das heißt, es wurde sehr viel programmiert und mit Samples gearbeitet. Das hat die ganze Musikszene schwer geprägt.

Veith: Ich denke, dass alles zusammenwächst. Elektromusik ist längst salonfähig, jetzt werden Gitarrenklänge integriert und dadurch interessieren sich mehr Leute wieder für Rock und Pop.

Cress: Auch was Xavier Naidoo und die Fantastischen 4 live und im Studio machen, ist für die Musiker sehr förderlich. Da ist wieder viel handgemachte Musik drin.

mw: Macht sich diese positive Entwicklung auch auf dem Studiosektor bemerkbar?

Cress: Rein finanziell wird das für die Studios, die ausschließlich Musik produzieren nach wie vor sehr schlecht sein. Schon alleine deshalb, weil deutsche Firmen nicht das zahlen, was englische oder amerikanische Firmen – die für den Weltmarkt produzieren – zahlen können.

Veith: Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu dem was man letztendlich kriegt. Egal, wo in Deutschland – es bestimmen Dumping-Preise das Geschäft. Du bekommst heutzutage für 1.200 Mark pro Tag ein Studio mit feinstem Equipment, mit SSL-Konsole, mit akustischer Aufnahme, mit SAL und das inklusive Tontechniker. Wenn man sich den Preis durchrechnet, liegt man damit bei einem Drittel des Preises, den man dafür eigentlich verlangen müsste. Erst dann wäre es wirtschaftlich interessant.

mw: Der Preis errechnet sich durch Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage ist, so ihrer aller Meinung, gegeben. Das Angebot wird, durch die Aufgabe vieler Studios, kleiner. Eine Gesundschrumpfung?

Veith: Ich glaube, dass es immer Studios geben wird, die Dumping-Preise anbieten und dadurch auch die Preislandschaft prägen. Deshalb muss man wohl auch eine Art Mischkalkulation machen. Oder man macht Eigenproduktionen, die man verkauft und dadurch Geld reinholt, oder man bietet Tontechniker-Schulen oder andere Ausbildungs-Arten an, oder man ist im Filmmusik-Bereich tätig – irgendetwas, wodurch man eine Streuung von Einnahmequellen hat und nicht nur reiner Dienstleister ist, der sein Tonstudio vermietet. Davon kannst du auf Dauer nicht überleben.

Cress: Das ist ja genau der Grund gewesen, warum die Pilotstudios zum F.A.M.E Sound House geworden sind. Wir machen hier weiterhin Musik. Nur um das weiterhin machen zu können, musste ich mir überlegen, was hier in München am meisten gebraucht wird. München ist eine Filmstadt – also: Sounddesign, Filmmischungen für Kino und Fernsehen. Das kannst du hier exzellent machen. Wir können hier sogar Kinofilme vormischen. Und somit können wir mit den Studios Geld verdienen – und auch weiterhin Musik produzieren.

Silber: Ich denke, ich bin mit knapp 20 Betriebsjahren der dienstälteste Studiobetreiber in dieser Runde. In diesen 20 Jahren haben ich natürlich so ziemlich alle Ups-and-Downs mitgemacht. Ich denke, dass so Häuser wie das Arco Studio und das Trixi Studio und wie sie alle heißen, dicht gemacht haben, liegt auch am mangelnden Einsatz von jungen Kräften. Von Leuten, die in der Lage sind, die aktuelle Denkweise der Musik im Studio entsprechend umzusetzen. Man muss aufpassen: Vielleicht ist man selbst – jenseits der 40 – nicht mehr der geeignete Ansprechpartner für die jungen Musikkunden. Dann muss man das Personal verjüngen. Doch das junge Personal muss auch extrem qualifiziert sein, muss das Equipment beherrschen und die Ohren und Sichtweisen der jungen Musiker haben. Weil einfach auch andere Verhältnisse angesagt sind, zum Beispiel durch die Kombination von Live- und Elektromusik. Daneben muss man etwas Zusätzliches bieten. In unserem Falle ist es die PR-Agentur „Silberpfeil“ und der Musikverlag „Modern Times“. Das hält ein Tonstudio am Leben, da brauchen wir uns nichts vormachen. Alleine vom normalen Geschäft kann man nie und nimmer existieren. Die Studios, die den Bach runter gehen, dumpen bis zum Erbrechen und ziehen die anderen mit ins Preisgefälle. Irgendwann sind diese Studios weg – doch die übrig bleiben, haben das Problem, dass sie mit diesem billigen Kurs weiterleben müssen. Wir zum Beispiel arbeiten heute zu einem deutlich günstigeren Kurs als noch vor fünf Jahren.

mw: Kann so eine Flurbereinigung auch positive Konsequenzen für die Studios haben, die sie überleben?

Veith: Nein, weil es für Musikrichtungen wie HipHop keine großen Studios braucht. Die brauchen eine schöne Schallkabine, einen Aufenthaltsraum und eine Regie – mehr muss gar nicht sein. Damit machen sie Welterfolge. Also für was ein großes Studio? Gitarre kann man da locker einspielen und Drums braucht man dafür ohnehin selten. Für den Mainstream – also deutschen HipHop, Rap oder Soul – braucht man kein Riesenstudio. Und englische Popmusik wird auch in England produziert, da kommt selten etwas vergleichbares aus Deutschland.

Cress: Der Gag ist, wenn du mal einen Akt in Deutschland hast, der richtig Kohle hat, um mal in ein Studio zu gehen, dann gehen sie nach Belgien. Das Galaxy ist ein Riesen-Teil, wo der Quadratmeter 2,50 DM kostet, das kannst du hier in München oder Hamburg gar nicht hinstellen. Die Leute kassieren damit eine Mördermark, aber das interessiert eine Grönemeyer-Produktion nicht so sehr, ob sie jetzt 2.500 oder 3.500 DM bezahlen. Das ist ein Luxus, den können die Superstars sich leisten. Oder Westernhagen – der geht schon seit einigen LPs nach England. Singt zwar in Deutsch, gibt aber den Deutschen kein Geld für seine Produktion, und so passiert es, dass hier nicht mehr die großen Produktionen stattfinden. Das macht man schickerweise in Südfrankreich, am besten auf einem Schloß.

mw: Haben große Studios eine Zukunft?

Veith: Ich glaube, das haben wir vorhin eigentlich schon beantwortet. Rein kalkulatorisch kann man nicht 500 DM am Tag anbieten und dann technisch auf dem höchsten Stand sein. Allein die Kosten für Strom, Klimaanlage, Beleuchtung usw. sind enorm.

Artur Silber: Die großen Studios haben einfach aus diesem Grund dicht gemacht, weil die Auftragslage es nicht mehr hergibt. Die sind ja auch sehr personalintensiv mit Servicetechnikern, fest angestellten Tonmeistern, Bürokräften usw. Ich denke eine Betriebsgröße, wie wir es mit dem Downtown Studio haben, ist überlebensfähig. Bei uns gibt es geringe Overheads, die Besitzer und Betreiber arbeiten eben selber immer noch am meisten. Wenn“s zu viel wird, holt man sich Freelancer, aber wir haben einfach nicht die Kosten von den Festangestellten. Wir machen das nun schon fast zwei Jahrzehnte, es scheint also gut zu funktionieren. Aber wir müssen sehr wirtschaftlich denken, uns Jahr für Jahr klar werden, welche Auftragslage wir erwarten dürfen. Das was Curt gemacht hat, ist deshalb mit Sicherheit die richtige Entscheidung: weg vom reinen Musikbetrieb, hin zur Filmindustrie.

Curt Cress: Aber das funktioniert nur mit den Partnern, die ich hier habe. Alex Saal und Daniel Dietenberger – das sind die jungen Leute, die aus diesem Bereich kommen, einen guten Ruf und Kunden haben. Schließlich kannst du nicht einfach ein Studio umbauen, in eine neue Branche einsteigen und sagen: So jetzt können wir. Das funktioniert nicht. Meine Partner sind an der F.A.M.E. Soundhouse AG beteiligt. Dazu kommt Jens Petersen, der kennt alle Kunden, weiß, welche Sprache die überhaupt sprechen. Genau das musst du liefern – sonst bist du selbst geliefert.