Das Quintett um Sänger und Songwriter Marcus Wiebusch nähert sich der Realität auch diesmal wieder auf ganz eigenwillige Weise. Seine Songs sind nach wie vor frei von Klischees, mit denen gerade Popmusik aus Deutschland so oft zu kämpfen hat. Dementsprechend fällt es vielen Kritikern schwer, die Gruppe mit anderen Bands zu vergleichen.
Mit „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ ist Kettcar etwas gelungen, nach dem sich viele Künstler sehnen: eine eigenständige Popmusik, der textlich wie musikalisch das Schielen auf Vorbilder fremd ist. „Der größte Unterschied zum ersten Album war, dass wir diesmal vier Monate Zeit hatten, die Platte einzuspielen“, so Marcus Wiebusch.
Der Weg zur Gruppenleistung
„Wir konnten also viel genauer an den Songs und Arrangements arbeiten.“ Diese Sorgfalt hört man dem Album deutlich an. Viele Details offenbaren sich aber erst nach mehrmaligem Hören. Kettcar hat auch nicht den Fehler gemacht, die Songs mit möglichst vielen verschiedenen Sounds zuzukleistern.
Wie beim Debüt, von dem die Formation inzwischen über 30.000 Exemplare absetzen konnte, überzeugen die Stücke auch diesmal mit ihrer einzigartigen Klarheit. Zwar stammen noch immer zwei Drittel der Musik und fast alle Texte von Marcus Wiebusch, doch die restlichen Bandmitglieder, allen voran Reimer Bustorff und Erik Langer, engagierten sich diesmal deutlich stärker als beim ersten Album.
Authentizität kostet Zeit
„Wir haben sogar eine richtige Vorproduktion gemacht, um zu wissen, wie die Songs klingen sollen. Das war ein wichtiger Prozess, um ein Zwischenfazit ziehen zu können.“ Kettcar haben sonst auf Bewährtes zurückgegriffen und die Platte im selben Studio wie das Debüt eingespielt.
„Das Wesen unserer Musik zielt nicht darauf ab, dass wir eine Highend-Produktion benötigen, um uns richtig entfalten zu können“, erklärt Marcus Wiebusch. „Deshalb können wir auf die gleichen Rahmenbedingungen zurückgreifen wie beim Debüt. Das Entscheidende ist der Zeitfaktor. Es dauert eben ein wenig länger, einen Kinderchor aufzunehmen oder mit echten Streichern zu arbeiten.“
So gesehen ist „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ für die Band ein gewaltiger Schritt nach vorne. „Bei der ersten Platte habe ich gelitten wie ein Hund, dass wir nicht mit richtigen Streichern arbeiten konnten.“
Keine Angst vor Statements
Verglichen mit dem Debüt klingen die meisten Songs auf dem zweiten Album deutlich offener. Kettcar haben zwar die dezente Melancholie, die ihre Songs ausstrahlen, nicht ganz abgestreift, aber insgesamt präsentiert sich die Band doch eindeutig positiver.
Auf politisch gemeinte Statements verzichtet die Gruppe deshalb aber noch lange nicht, wie sich in Songs wie „Stockhausen, Bill Gates und ich“ oder „Deiche“ zeigt. Vor allem die Texte zeichnet eine erfrischende Poesie aus, die sich der deutschen Sprache von einer bisher nur wenig bekannten Seite annähert.
„In meinem kleinen Büchlein habe ich in den letzten zwei Jahren Hunderte von Gedanken und Wörtern gesammelt. Auf diese Materialsammlung greife ich zurück, wenn es darum geht, den emotionalen Kern eines Songs zu treffen.“


