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RIAA verklagt tote Ur-Oma

Der US-Branchenverband RIAA wurde ein weiteres Mal Opfer seiner PR-Strategie: Im Kampf gegen mutmaßliche Filesharer verklagte man nun eine 83-Jährige. Das Problem dabei: Gertrude Walton starb im Dezember und hatte nie einen Computer.

Die RIAA wurde ein weiteres Mal Opfer seiner PR-Strategie: Im Kampf gegen mutmaßliche Filesharer verklagte der US-Branchenverband RIAA nun eine 83-Jährige. Einziges Problem dabei: Gertrude Walton starb im Dezember 2004 und hatte nie einen Computer. Die Urgroßmutter aus dem Bundesstaat West Virginia hatte sich zu Lebzeiten sogar heftig dagegen gewehrt, dass ein Rechner ins Haus kommt. Das berichtete nun ihre Tochter Robin Chianumba der „Charleston Gazette“, die den Fall öffentlich machte. „Sie hasste Computer. Sie hätte noch nicht einmal gewusst, wie man ihn anschaltet.“

Die RIAA-Ermittler hatten zunächst andere Erkenntnisse als Begründung für ihre Klage vorgebracht. Gertrude Walton habe unter dem Pseudonym „smittenedkitten“ über 700 Titel in Tauschbörsen zur Verfügung gestellt – Pop, Rock und HipHop. In Washington gibt man sich nun peinlich berührt: RIAA-Sprecher Jonathan Lamy gab zu, dass man in Walton vermutlich das falsche „smittenedkitten“ ausfindig gemacht hat, und schob die Panne auf die Ermittlungsmethode: Da die RIAA zunächst nur der IP-Adressen der von ihr identifizierten P2P-Missetäter habhaft wird, muss sie bei den Service Providern dieser anonymen „Max Mustermänner“ Klage gegen unbekannt erheben. Erst dann wird aufgrund der IP-Daten und der vermuteten „Tatzeiten“ beim ISP eine reale Person ermittelt.

Fälle wie der von Gertrude Walton lassen vermuten, dass dies mit Ungenauigkeiten verbunden ist. Schon zu Beginn der Klagewelle im September 2003 und noch einige Male danach hatten sich die RIAA-Ermittler vergriffen und Minderjährige und Rentner vor den Kadi gezogen. Das Verfahren gegen Walton wird nach Auskunft von Lamy nun eingestellt, was ihre Tochter mit zynischer Genugtuung zur Kenntnis nahm: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie wegen der Anhörung kaum den Friedhof verlassen hätte.“

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