Im Kongresszentrum McCormick Place in Chicago trafen sich am ersten Juniwochenende Vertreter der internationalen Buchwelt zur BEA, um für die Herbstsaison zu disponieren und Lizenzrechte zu verhandeln. Neben Frankfurt und London gehört Chicago deshalb zu den wichtigsten Terminen im Kalender der Buchverlage.
Dass Bücher und Tonträger sehr viel gemeinsam haben, lässt sich kaum leugnen. Dass Buch- und Musikbranche nach den gleichen Regeln funktionieren, ist indes nur eine Hypothese. Für den Messeveranstalter Reed Organisation, der auch für die Midem verantwortlich zeichnet, war diese Hypothese Anlass genug, um neben der recht erfolgreichen BEA mit der Retail Music Expo eine neue Musikmesse zu starten.
„Es gibt natürliche Synergien zwischen den beiden Branchen“, betonte Jamie Swanson, Reeds Event Director für die RMX, „und zwar bei Promotion und Distribution sowie in der digitalen Welt“. Doch die Praxis in Chicago ließ eher auf das Gegenteil schließen. Während in der Südhalle des McCormick-Komplexes das pralle Leben der Buchwelt tobte, herrschte im kleinen Nordflügel tote Hose: Die RMX bildete sozusagen den Wurmfortsatz der BEA und somit eine Sackgasse.
Das Ausstellerverzeichnis nannte 106 Firmen an 58 Ständen. Die meisten kamen aus dem Mittleren Westen und dem regionalen Umfeld von Chicago, und überwiegend handelte es sich dabei um Independent-Labels und Zubehörlieferanten. Um Vertriebsfragen und die Folgen der „digitalen Revolution“ im Internet drehten sich die Themen des kleinen und übersichtlichen Kongressprogramms.
Ernüchternd klein und übersichtlich fiel dann auch das Publikum für die Eröffnungsansprache von Pat Martin Bradley, Executive Director der Association for Independent Music (AFIM), aus. Und nur unwesentlich mehr Besucher gaben Clive Davis die Ehre. Der legendäre Branchenveteran fasste vor schätzungsweise 50 Zuhörern seine Erfolgsstrategie zusammen und stand geduldig Rede und Antwort, wenn es den Fragenden darum ging, wie sie bei seiner neuen Firma J Records einen Vertrag bekommen könnten.
Davis ging auch auf seine Trennung von Bertelsmann ein, die ihm letztlich zu einem 150-Millionen-Dollar-Etat für J Records verhalf und dazu beitrug, dass nun 90 Prozent der früheren Arista-Belegschaft für Davis und J Records arbeiten. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum ich mit 60 in Pension gehen soll, wie es die Bertelsmann-Regeln fordern. In unserem Business ist Erfolg keine Frage des Alters.“ Und er betonte: „Ein Independent zu sein, ist keine Frage der Größe einer Firma, sondern der Philosophie. Wenn ich Mist baue, dann will ich das lieber selbst tun als innerhalb eines Konzerns.“
In Napster und ähnlichen Internetdiensten sieht Davis vor allem neue Marketingmöglichkeiten: „Die wirkliche Herausforderung besteht nach wie vor in der Kreativität, im kreativen Kontakt mit den Künstlern.“ Für die Veranstalter dürfte die Herausforderung allerdings darin bestehen, die RMX erfolgreich zu etablieren. Im nächsten Jahr soll sie in New York stattfinden – wieder Anfang Juni und parallel zur Buchmesse, die von Chicago an die Ostküste der USA wandert.



