Musik

„Reinkommen, proben, aufnehmen“

Eine Band im Spannungsfeld zwischen notwendigen Veränderungen und längst geschriebener Musikgeschichte. Ian Gillan im Gespräch.

“Wir hatten beim Songwriting und bei den Aufnahmen im Studio nie ein Problem, aber auf Seiten der Produktion war in den vergangenen Jahren alles ein klein wenig festgefahren“, räumt Ian Gillan, seit 1969 Sänger bei Deep Purple, ein.

Und auch die Zusammenarbeit mit dem Organisten und Gründungsmitglied Jon Lord sei zuletzt schwieriger gewesen: „Seit etwa drei oder vier Jahren war ziemlich offensichtlich, dass Jon müde war. Er war nicht wirklich begeistert, ständig unterwegs zu sein. Er wollte das Touren reduzieren und stellte uns vor die Alternative: Entweder kommen wir dem nach, oder wir müssen ohne ihn auskommen. Und da wir weiter so viel live spielen wollten, verließ er Deep Purple.“

Beide Probleme – die Produktionsweise und die leere Stelle hinter den Keyboards – löste die Band mit einem radikalen Schritt. Seit dem Sommer 2001 spielt Don Airey, der einstige Organist von Rainbow, Ozzy Osbourne und Gary Moore, als festes Bandmitglied bei Deep Purple. Er brachte einen verloren gegangenen Enthusiasmus zurück, wie Gillan berichtet: „Mit ihm zu spielen, war einfach unbeschreiblich. Deep Purple hob wieder ab.“

„Roger als Produzent nie eine Chance“

Als noch bedeutsamer stellte sich dann die Entscheidung heraus, erstmals seit den frühen Tagen der Band wieder mit einem externen Produzenten zu arbeiten. Denn nach der Wiedervereinigung im Jahr 1984 übernahm Bassist Roger Glover die Produktion der Platten – was aber in eine Sackgasse führte, so Gillan: „Roger ist zwar ein fantastischer Produzent. Der Punkt aber ist, dass er einer von uns ist. Wir lehnen uns an ihn und sagen ihm, tu dies oder tu jenes. Das führte dazu, dass wir die Mixing Sessions beinahe wie in einem Ausschuss regelten. Dadurch hatte Roger als Produzent nie eine Chance, eine bestimmte Entscheidung durchzusetzen.“

Das führte dazu, dass Deep Purple für „Bananas„, das 17. reguläre Studioalbum der Band, das Capitol/EMI am 25. August veröffentlicht, einen externen Produzenten gesucht hat. Ian Gillan wollte zunächst Quincy Jones verpflichten. Daraus wurde jedoch nichts, und auch Deep-Purple-Fan Phil Ramone musste absagen, weil er für die nächsten zwei Jahre ausgebucht war.

Deswegen kam die Bewerbung von Michael Bradford, der bisher unter anderem Kid Rock produziert hatte, genau zum richtigen Zeitpunkt. Zusammen mit dem neuen Keyboarder hauchte er der Band neues Leben ein, was sich auf dem Album hörbar niedergeschlagen hat.

Konservativ, aber im guten Sinne

Dabei besticht vor allem das neue Songmaterial wie der kraftvolle Opener „House Of Pain“, das rhythmisch vertrackte Titelstück oder das vom Reggae beeinflusste „Doint It Tonight“. Dennoch sei das neue Album eher konservativ, aber in einem guten Sinne, meint Gillan, etwas „back to the roots“.

„Bradford hatte eine sehr klare Vorstellung davon, wie der ideale Deep-Purple-Sound klingt. Die ganze Vorgehensweise war sehr ehrlich: Wir spielten, und er nahm es auf.“ Trotz dieser ungekünstelten Herangehensweise ließ Bradford Raum für Innovationen wie den verstärkten Einsatz von Backing-Vocals und ein dezent eingesetztes Orchester auf dem melodiös balladeskem Song „Haunted“, der ersten Single.

Reinkommen, proben, aufnehmen

Geradezu euphorisch berichtet Gillan von den Aufnahme-Sessions. Vor Weihnachten 2002 traf sich die Band, um gemeinsam neue Stücke zu schreiben. Die CD nahm man dann im neuen Jahr in nur dreieinhalb Wochen in Los Angeles auf. „Michael war sehr streng, er hatte einen harten Zeitplan, an den wir uns auch gehalten haben. Bei ihm hieß es immer: Reinkommen, proben, aufnehmen – so wie damals in den alten Tagen.“

Und wie früher ist jetzt auch wieder EMI Music für die Veröffentlichung des Albums zuständig, nachdem ein Livemitschnitt von der Wiederaufführung des „Concerto For Group And Orchestra“ im Jahr 2000 bei Eagle Rock erschienen war.

Unglücklich ist Gillan nur über die Veröffentlichungssituation des Backkatalogs von Deep Purple. Denn die neuen Ausgaben alter Platten – in remasterten Editionen oder auf SACD – plus den erstmals legal auf CD erscheinenden alten Livemitschnitten, unter anderem die von Soulfood vertriebene Live-CD „Kneel & Pray“, kämen immer zum ungünstigen Zeitpunkt, etwa wenn gerade wie jetzt ein neues Studioalbum ansteht. Deswegen befinden sich Band und Management derzeit in Gesprächen mit EMI, um in Zukunft eine bessere Abstimmung zu erreichen.