“Hat Thomas Stein Recht?“, fragt Rechtsanwalt Ulrich Schulze-Rossbach aus Berlin und antwortet mit einem entschiedenen „Ja, aber“: „Ganz sicher, soweit er rügt, dass der Gesetzgeber immer noch nicht für den notwendigen Schutz vor Schwarzbrennerei und Internetpiraterie gesorgt hat. Zwar ist Thomas Stein zuzustimmen, dass ein Deutsches Musikexportbüro ebenso wünschenswert ist wie eine Unterstützung bei der Nachwuchsförderung. Diesen Wunsch aber zu Vorwürfen an die Politik umzumünzen, ist, wie Herr Nida-Rümelin ausführt, absolut unangebracht. Immerhin soll die Politik jetzt plötzlich richten, was jahrelang von der Industrie versäumt worden ist.“
Felix Kautsky, Inhaber von Der Hit-Finder in Hamburg, meint: „Recht haben sie beide irgendwie mit ihrer Kritik an der jeweiligen Gegenseite – Herr Nida-Rümelin und auch Herr Stein.“ Nur sei Stein leider einer der „Top-Ten-Verantwortlichen für die Misere und daher völlig ungeeignet für solch einen Auftritt. Er sollte erst einmal genau erklären, wieso er und die anderen Präsidenten, CEOs und sonstigen hohen Titelträger die letzten fünf bis zehn Jahre so tief und fest geschlafen haben – anstatt uns jetzt den Retter der Enterbten vorzuspielen.“
Frank Maaß, Managing Director von Turbo Beat Music in Berlin, schickte seinerseits einen Brief an Stein, in dem er unter anderem schreibt: „Ich kann dem nur zustimmen, was Sie fordern.“ Auch er habe in der letzten Zeit, im Rahmen seiner Möglichkeiten, mehrfach in Foren oder in Gesprächen mit Politikern angemahnt, „dass ganz schnell etwas passieren muss. Insofern hoffe ich, dass durch Ihren Brief die Diskussion jetzt heftigst aufflammt und dann von Seiten der Bundesregierung schnellstens Entscheidungen getroffen werden.“
Produzent Leslie Mandoki, Red-Rock Productions/Park Studios in Tutzing, hält fest: „Dass der Diebstahl von geistigem Eigentum (und die Aufforderung dazu) kriminell ist, darüber lässt sich gar nicht streiten. Insofern ist jeder Einsatz zu dessen Verhinderung für unsere Industrie substanziell wichtig. Es gilt daher, auch den politischen Entscheidungsträgern die Brisanz dieser Problematik deutlich zu machen. Somit: Danke, Thomas!“ Doch Mandoki sieht hausgemachte Probleme: „Unisono möchte ich als Musiker jedoch nicht in den normativen Minimalkonsens der Industrie einstimmen, wonach ausschließlich illegales Kopieren von CDs und Downloading von Musik-Files zur gegenwärtigen Situation führen. Hier handelt es sich vielmehr um eine multikausale Problematik.“
Philippe Sautot, Geschäftsführer Delta Music, weist auf die Verantwortung der Medien hin: „Auch wenn der Budget-Bereich nicht so extrem von der aktuellen Problematik betroffen ist wie andere Labels, spüren auch wir, dass die Verbraucher den CD-Handel weniger frequentieren als früher und somit auch weniger über unsere preiswerten ‚Mitnahmeartikel‘ stolpern können. Den Hauptgrund für dieses veränderte Verhalten sehe ich einerseits im Euro-Schock, der vor allem hier in Deutschland das Portemonnaie der Verbraucher in den ersten Monaten dieses Jahres extrem geschröpft hat. Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie vor dem 1. Januar 2002.“
In einem umfangreichen Essay ging Matthias Pflugradt, Rocksana Musik & Medienmanagement, Loreley, den Ursachen der Misere auf den Grund. Für ihn ist die Krise der Musikindustrie keine Krise der Kreativen oder der Produzenten: „Davon haben wir mehr als genug fähige Leute. Die Krise, von der wir nun schon seit Jahren reden, ist eine A&R-Krise. Es ist eine Krise der deutschen Musikkultur. Denn auch bei großen Plattenfirmen wird uns in zwei Jahren keiner glaubwürdig erklären können, wofür wir Bands wie die No Angels oder Bro’Sis brauchen. Um einen Künstler zu etablieren, braucht es vor allem Durchhaltevermögen, Repertoirekenntnisse und kreative Ideen zur Umsetzung des vorhandenen musikalischen Potenzials. Und genau das ist im Laufe der Jahre verloren gegangen.“
Independent Thomas Ritter, Büro 76/elbtonal/stumble, in Hamburg, begrüßt die klaren Worte von Julian Nida-Rümelin ausdrücklich und beglückwünscht ihn „zu seiner klaren Sicht der Dinge. Wenn ich mir als Manager von Nachwuchsbands jahrelang von Industrieseite anhören musste, man sei leider nur noch in der Lage, Bands von ‚20.000 Einheiten auf 50.000 Einheiten‘ zu bringen (Klartext: Aufbauarbeit müssen andere leisten) und zudem reihenweise Bands gedroppt werden, weil die erste Single nicht ‚funktioniert‘ hat, dann kann die Industrie nicht ernsthaft nach der Politik rufen. Das ist außerordentlich peinlich. Des Pudels Kern liegt in der Großmannssucht von Weltkonzernen, die sich die Musikbranche einverleiben und sie wieder ausspucken, wenn die wirtschaftlichen Vorgaben nicht erfüllt werden.“
„Natürlich muss die Musikbranche jetzt besonders aufpassen, vor wessen Karren sie sich spannen lässt“, warnt Hans Seelenmeyer, Director Sales & Marketing bei Connected, in Hamburg. „Ebenso gilt es allerdings, eigene, jahrelang wissentlich gezüchtete Probleme nicht auf einmal zum Allgemeingut der deutschen Kultur- und Wirtschaftspolitik zu machen. In der Tat – da macht es sich Herr Stein schon etwas einfach. Schließlich sind insbesondere die Monokulturen der deutschen Handelslandschaft (und auch Medienlandschaft!) durch eine sehr kurzsichtige, rein absatzorientierte Vertriebs- und Promotionpolitik maßgeblich beeinflusst worden.“
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