musikwoche.de: Welche Chancen rechnen Sie sich beim diesjährigen Grand Prix Eurovision in Tallinn aus?
Ralph Siegel: Corinna hat das Zeug zu einer Weltkarriere. Das beweist auch das in einigen Tagen erscheinende Album. Und wir erträumen uns natürlich für sie, dass wir in Tallinn ganz oben stehen. Unser Startplatz 18 ist jedenfalls ein gutes Omen, denn wir standen vor 20 Jahren mit Startplatz 18 ganz oben in Harrogate. Diesen Traum noch einmal zu erleben, das ist unser Ziel. Ob es klappt, das weiß ich nicht. Dazu gehört Glück. Aber ich glaube, wir haben einen Song von guter Qualität und eine gute Message, dazu eine Sängerin von Weltformat, unterstützt von der Gruppe Queensize, die wirklich ihr Handwerkszeug versteht und deren Künstler selber Solokarrieren machen. Das alles gibt es sehr selten.
mw: Was erwarten Sie von den Medien?
Siegel: Wir wünschen uns von den deutschen Medien ein gutes Feedback. Ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, dass wir nach Tallinn mit einem guten Gefühl fahren. Und von allen, die mitfahren – toi toi toi, viele Journalisten hoffentlich! -, wünschen wir uns ganz einfach Good Vibrations. Ich wünsche mir, dass wir mal wirklich alle zusammenhalten – und vielleicht international früh genug ein paar Weichen stellen, die sich positiv auf Corinna auswirken.
mw: Wie war die Zeit im „Hotel der Intrigen“, wie „Bild“ die Unterkunft in Kiel nannte?
Siegel: Wir haben jeden Abend an den Bars sehr viel Spaß gehabt. Es waren ganz tolle Kollegen und so viele gute Songs. Wir haben uns gegenseitig am Klavier musikalisch befruchtet, haben Jam-Sessions gemacht. Die meisten, die nachts in den Bars dabei waren, haben erlebt, wie wir alle von Musik und für unser Publikum leben. Und ob das nun die Disco Boys oder die Weather Girls waren – wir haben einfach eine Woche lang Spaß gehabt. Dasselbe wünschen wir uns für Tallinn.
mw: Wird Corinna May „I Can“t Live Without Music“ auch auf deutsch aufnehmen?
Siegel: Wir haben diesen Song für den Grand Prix geschrieben, und wenn der liebe Gott will, dass wir das wirklich noch einmal schaffen, dann würden wir es wahrscheinlich in allen Sprachen aufnehmen. Wir haben das immerhin schon einmal in sieben Sprachen geschafft. Aber Englisch ist nunmal die Pop-Sprache. „Ich kann nicht schlafen ohne Musik“ oder „Ich kann nicht leben ohne Musik“ – das klingt eben doch ein bisschen anders. Wenn ich geschrieben hätte „Ich kann nicht leben ohne Musik“, dann hätten wir heute Abend nicht gewonnen.
mw: Klingt der Song nicht zu sehr wie 70er-Jahre-Disco-Pop?
Siegel: Ich schreibe seit 30 oder 35 Jahren Melodien. Und wenn man die Popmusik heute betrachtet, dann glaube ich, ist das ein Popsong im Stil von Kylie Minogue. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine zeitlose Ballade. Die Melodie und der Text sind – denke ich – eine Einheit. Und wenn die Leute das auf der Straße singen, dann ist es nicht unbedingt Disco-Pop, sondern eben ein Song, der gesungen wird und der viele Facetten hat.
mw: Werden Sie davon Remixe machen, die das belegen?
Siegel: Wir haben ihn schon jetzt in einer Pop-Version aufgenommen; wir hatten Remixer, die eine Dance-Version gemacht haben. Und wir haben eine Rave-Version, die wir hoffentlich auf der Love Parade hören werden. Es gibt neun verschiedene Versionen – die einen sind Disco, die anderen Pop. Und wir werden irgendwann eine lange Balladen- sowie eine A-capella-Variante machen.
Corinna May, die Siegerin von Kiel: „Ich lass mich einfach überraschen“ Im dritten Anlauf hat sie es nun doch geschafft. Nach ihrem Sieg bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix zeigte sich Corinna May glücklich und zufrieden.
musikwoche.de: Wie geht es Ihnen jetzt?
May: Sehr gut. Um nicht zu sagen saugut. Ich denke, wir haben wirklich hart dafür gearbeitet. Und ich habe letztlich – so blöd es auch klingt – nichts anderes getan als zu singen. Singen ist mein Leben. „I Can“t Live Without Music“. Mehr habe ich nicht gemacht. Ich bin Sängerin mit Leib und Seele.
mw: Womit belohnen Sie sich jetzt privat?
May: Gute Frage! Ich hoffe, ich kann demnächst mal ein paar Wochen in den Süden fliegen und am Strand relaxen. Aber das wird sicherlich noch ein bisschen dauern, bis ich dazu komme.
mw: Werden Sie uns in Tallinn die Goldmedaille verschaffen?
May: Das ist schwierig. Ich weiß es einfach nicht. Ich denke mal, auch da werde ich richtig starke und tolle Konkurrenz haben – genau wie heute. Ich lass mich einfach überraschen. Aber ich werde mein Bestes geben – wie heute auch. Und dann entscheidet letztlich das Publikum vor dem Bildschirm.



