Den richtigen Weg beschrieb Frank Krause in einem Leitartikel der „Stuttgarter Nachrichten“. Denn obwohl die Werbeeinnahmen in der Medienbranche dieses Jahr um 7,4 Prozent sinken werden, ist eine Änderung im Marktverhalten der einzelnen Medien nicht erkennbar. Plakative Aktionen und „Programme“ sowie beständiges Kopieren schiffen die Branche nicht aus der Flaute. Bewusst stellt er die Frage: „Wer will schon immer mehr vom immer Gleichen sehen?“ Wir ergänzen: „… und hören?“ Nach Krause fehlt es an wirklich neuen Ideen und Kreativität. Sein Fazit: „Nur Medien, die ihre Konsumenten mit verlässlicher Qualität überzeugen, werden noch ihren Platz behalten.“ Sehr richtig! Doch dazu muss erst einmal die Einsicht her, dass derzeit von Qualität keine Rede sein kann. Wer auf seine Hörerrückgänge immer noch damit reagiert, weiterhin Call-Outs und Auditions in der bekannten Form durchzuführen und darüber hinaus meint, höhere Werbeeinnahmen durch inhaltsleere Öffentlichkeitsaktionen („Wer wohnt wie lange in einem Auto?“!) zu bekommen, der wird früher oder später dem „Akt der Selbstreinigung“ (Krause) anheim fallen. Und da sind wir auch schon bei Thema Nummer zwei: Einführung der Radioquote.
Dankenswerterweise widmet sich musikwoche.de zurzeit verstärkt dem Thema Radioquote. Wodurch die herrschende Konfusion verdeutlicht wird.
· Steffen Kampeter sinniert neuerdings über eine weitere (Un-) Möglichkeit zur Belebung der Rundfunklandschaft: Nicht Quote, sondern Abschaffung des Sendeprivilegs für öffentlich-rechtliche Sender heißt seine Devise. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten für jeden Titel, den sie spielen möchten, eine Lizenz von den Rechteinhabern einholen. Auf diese Weise könnten Verlage und Plattenfirmen beispielsweise über den Preis der Lizenzen steuern, welche Titel im Radio auf die Playlist kommen. Doch wozu würde das führen? Erste Alternative: Um Geld zu sparen, werden nur günstige Titel lizenziert. Gehen wir einmal davon aus, dies wären solche, die kein großes Publikum haben. Dann würde, mangels Interesse, der Sender seine Hörerschaft verlieren – und niemandem wäre geholfen. Wären aber die Charts-Titel günstiger, weil die Industrie sie fördern will beziehungsweise muss, gäbe es zwar einen erhöhten Verwaltungsaufwand (und damit hörere Kosten beziehungsweise Gebühren), aber ansonsten würde sich nichts ändern. Zweite Alternative: Der Sender lizenziert auch teurere Titel. Dann braucht er immer noch eine neue Verwaltungseinheit für die Lizenzeinholung. Das heißt: höhere Kosten und damit höhere Gebühren. Außerdem ginge ihm wahrscheinlich die Aktualität verloren. Neue Produkte könnten nicht mehr gespielt werden, da das Lizenzverfahren noch im Gange ist.
· Gerd Gebhardt und Jochen Rausch beziehen Stellung: Für Gebhardt ist die Quotenforderung vor allem eine Forderung nach Neuheiten. Seiner Meinung nach spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu wenig neue Musik. Die Präsentation neuer Musik sei so einfältig wie nie. Recht hat er! Doch betrifft es die gesamte Rundfunklandschaft, einschließlich der Privaten.
Durch die geforderte Quote lässt sich keine Zufriedenheit erreichen. 50:50-Quote bedeutet 25 Prozent deutschsprachige Musik (alles Newcomer). Ob die Radiosender eine noch höhere Quote an deutschsprachigen Titeln spielen möchten, ist unwahrscheinlich. Das würde jedoch dazu führen, dass etablierte Künstler wie Westernhagen und Grönemeyer (wegen Newcomer-Definition) keinen Platz mehr im Programm finden würden. Das will doch bestimmt niemand. Rausch lehnt die Quote unter Hinweis auf historische Gründe ab. Zum einen verweist er auf den Erfolg von Eins Live. Jeder dritte Titel käme aus einem deutschen Studio. Natürlich sind wir erfreut, wenn die deutsche Industrie gefördert wird. Aber lieber Jochen: Deutsches Studio heißt noch nicht, deutschsprachig zu singen. Und darum geht es in dieser Diskussion. Dennoch freuen wir uns mit dir über den Erfolg von Eins Live. Leider ist der Vergleich mit der DDR nicht korrekt. Am 2. Januar 1958 wurde eine Quote von 60 Prozent Anteil von Komponisten aus der DDR und sozialistischen Brüderländern eingeführt. Dies hatte jedoch auch zur Folge, dass 1965 die AG Tanzmusik im DDR-Rundfunk gegründet wurde und 1968 das zentrale Studio für Unterhaltungsmusik des Ministeriums für Kultur. Ziel war es, eine eigenständige Musikkultur zu fördern, um die 60-Prozent-Quote zu erfüllen. Quote allein bewirkt nämlich noch nichts. Das merkte sogar die DDR.
Es lag auch nicht an der Quote, wenn die Menschen heimlich Westsender hörten. Denn erstens war dies offiziell nicht verboten. Honecker erwähnte 1973 auf der ZK-Tagung beiläufig: „… westliche Radio- und TV-Sender dürfen genutzt werden“ (Quelle: K. Dussel). Zudem hörten zwei Drittel der Bürger Radio DDR, und 1979 gaben 50 Prozent der Jugendlichen an, Ost-Titel als Lieblingstitel zu haben. Freilich schwankte diese Zahl vorher und nachher teilweise massiv. Auch der Hinweis auf den französischen Markt ist hier vollkommen verkehrt, da ausgerechnet dieser Markt weiterhin boomt. Wen interessiert es da, ob Daft Punk auch international erfolgreich ist. Englisch zu singen, soll in Deutschland doch nicht verboten werden. Richtig finden wir jedoch die Anmerkungen, dass es um redaktionelle Freiheit geht und auch die Privatsender mit einbezogen werden sollten. Denn eines ist klar: Im Radio muss sich etwas ändern. Das gilt für die Mehrheit der Sender in Deutschland. Die Programme werden schließlich für die Hörer gemacht. Und die sind unterschiedlicher, als es von vielen Beratern suggeriert wird. Und bei allem Diskussionsbedarf darf eine Sache nicht vergessen werden: Es ist Zeit zu handeln! Wie sich ein Radiosender anzuhören hat, sollte nur der Hörer im Sendegebiet bestimmen. Deshalb: Regeln ja – Quote nein! Es gibt neue Wege zum Erfolg.
Heiko Volkmer Radio-Vision, Gerlingen
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