Musik

Popkomm.-Zwischenruf: Steve Redmond

Als Popkomm.-Besucher macht sich Steve Redmond, früher Publisher der britischen Music Week Group und Initiator der Website dotmusic, jetzt Pendler zwischen London und Berlin, so seine Gedanken.

Während am Samstagnachmittag ein paar tausend deprimierte Businessprofis der Stadt Köln den Rücken kehrten, strömten an die drei Millionen lachende, lebendige, laute Jugendliche in die Stadt, um dem größten Musikfestival der Welt beizuwohnen – dem Ringfest. Der Kontrast war un-übersehbar: Obwohl man auf der Popkomm. drei Tage lang düstere Endzeitvisionen für das Musikbusiness diskutiert hatte, machte das Volk klar und deutlich, dass es durchaus gewillt ist, die Produkte der Industrie in rauen Mengen zu konsumieren. Dass die Musikindustrie diesen Enthusiasmus nicht in Profit verwandeln kann, liegt zu einem großen Teil daran, dass sie nicht versteht, was die Kids von ihr wollen. Immer und immer wieder hörten wir bei den Popkomm.-Panels den Schlachtruf: „Es geht um die Musik!“ Die Antwort auf die gegenwärtigen Probleme könne nur sein, so meinten die Panelisten, dass man zurück an die Basis gehen und sich auf die Essenz des Ganzen konzentrieren müsse: DIE MUSIK. Falsch! Falsch! Falsch!

In der Musik ging es eben nie „nur“ um die Musik. Hatte Elvis nur wegen seiner Musik Erfolg? Nein. Es ging mindestens genauso sehr darum, dass er ein hübscher weißer Knabe war, der mit seinem Leder-Outfit die Elternschaft verschreckte. Hatten etwa die Beatles nur wegen ihrer Musik Erfolg? Wiederum nein. Oder was hätten seinerzeit wohl die hysterischen Mädels im Shea Stadium zu diesem Thema gesagt, die vor lauter Gekreisch nicht einen einzigen Ton von der Musik der Pilzköpfe mitbekamen? Oder wie war das mit dem Siegeszug der CD in der jüngeren Vergangenheit? Hing der etwa damit zusammen, dass die Qualität der Musik in den Achtzigern und Neunzigern unvermittelt sprunghaft anstieg? Wohl kaum. Die CD setzte sich dank der Vorzüge der Abspielgeräte durch – und nicht wegen der Musik, die sie speicherte. Sie war smart. Sie war angesagt. Es war cool, sie zu besitzen. Selbstverständlich brauchen wir gute – und bessere – Musik.

Aber das mag zwar normalerweise eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg sein – allein für sich reicht es indes nur selten aus. Solange man sich nur auf die Musik fokussiert und alles andere ausblendet, wird man nur diejenigen Musikbesessenen ansprechen, die in der Branche arbeiten. Aber die bezahlen sowieso nichts für ihre Platten. Die Antwort auf die derzeitige Krise liegt also nicht allein in der Musik, sondern in der Herausforderung, eine Verpackung für die Musik zu kreieren, die sexy, smart, cool und ansprechend genug ist. Wenn uns das gelingt, werden uns die drei Millionen Ringfest-Besucher in Köln demnächst wieder anflehen, ihr Taschengeld im Tausch für Tonträger zu akzeptieren.