“Ohne die DVD wäre die Musikindustrie sicherlich nicht in der Lage, einige Fehler, die in den letzten Jahren bei der CD gemacht worden sind, zu korrigieren“, erlärte Hans-Otto Villwock, Senior Marketing Manager Pop/Mainstream bei wea, auf dem Popkomm.-Panel „DVD – Chance und Herausforderung.“ Dieses Motto spielte auf das kreative wie finanzielle Potenzial des neuen Formats an, das bei der von musikwoche.de präsentierten Runde im Mittelpunkt stand. Vor einem interessierten Auditorium waren sich alle Teilnehmer einig, das Geschäft mit der Musik-DVD in Zukunft weiter auszubauen.
„Die DVD ist eine große Chance für die Musikindustrie, die Umsatzeinbrüche der letzten Jahre zu kompensieren“, fasste Alexander Welzhofer, Geschäftsführer Warner Vision Germany, zusammen. Und auch auf Seite der Produktionsfirmen herrschte Zustimmung: „Ohne die DVD wäre die Musikindustrie nicht mehr innovationsfähig“, erläuterte Jürgen Klimmeck, Geschäftsführer Syrinx. „Denn mit der DVD erreicht man eine junge Zielgruppe, die sich über interaktive Zugriffsmöglichkeiten, wie sie von der Sony Playstation 2 oder sonstigen PC-Medien als modern definiert.“ Allerdings bereitet die DVD, deren Produktionskosten das Vielfache einer herkömmlichen Audio-CD verschlingen, auch Probleme. Martin Klein, Vorstand der Produktionsfirma mediacs, führte aus: „Die Konflikte liegen vor allem in der Budget-Situation. Denn eine Live-Produktion mit 16 Kameras kostet zwischen 150.000 und 200.000 Euro. Und bei einem neuen Act ist niemand bereit, solche Summen in die Hand zu nehmen.“ Als Lösungsmöglichkeit bietet Klein an, dass die Produktionsfirmen, wie mediacs das bereits tut, auch vorab investiv tätig werden oder durch Medien-Kooperationen die Kosten gering halten sollten.
Weitere Statements der Panelteilnehmer
„Wir müssen abwarten, ob die DVD in den nächsten Jahren nicht längere Lebenszyklen der Produkte schaffen wird. Denn bei der von uns gefertigten DVD „Stand der Dinge“ von Herbert Grönemeyer lagen die ersten Schätzungen bei 20.000 – und nun haben wir 180.000 Einheiten verkauft, wobei jede Woche gehen noch 700 Stück über die Ladentheke.
Wir müssen bei den anfallenden Produktionskosten, wie mediacs das bereits tut, auch vorab investiv tätig werden oder durch Medien-Kooperationen die Kosten gering halten. Wenn die Musikindustrie nicht auf die DVD baut, würde sie den nächsten Massenmarkt aufs Spiel setzen. Denn der Kunde will das neue Medium. Falls wir die DVD nicht offensiv von der Musikseite besetzen, wird sie nicht die Bedeutung haben, die sie haben könnte.
Das Thema New Acts macht mir noch Sorgen, denn dafür haben wir noch keine adäquate DVD-Möglichkeit gefunden. Die Ideen sind zwar da, aber das Geld fehlt.
Wir sollten nicht den Fehler machen, Backkatalog-Titel eins zu eins auf DVD zu nudeln. Auch da gibt es immer die Möglichkeit, über zeitgeschichtliche Redaktionen das Material aufzuwerten. Grundsätzlich muss man aber unterscheiden zwischen Backkatalog, durchschnittlichen DVD-Veröffentlichungen und High-End-Produktionen.
Junge Hörer, die ja noch mit einem knappen Taschengeld-Budget auskommen müssen, haben erfahrungsgemäß eine sehr hohe Erwartungshaltung an DVDs. Denn sie wollen dann wirklich mehr als nur die Videos, die sie eh von Viva und MTV kennen. Zudem stehen wir dort vor dem Problem, dass gerade diese Gruppe in den letzten Jahren an kostenlose Musik und Bilder gewöhnt wurde.“
Martin Klein mediacs AG
„Die Kritik an den vermeintlich geringen Absatzzahlen bei Musik-DVDs kann ich nicht nachvollziehen. Denn man muss diese Werte im Verhältnis zu der Haushaltspenetration an DVD-Playern sehen. Hausintern gehen wir als Richtgröße davon aus, dass wir bei einer DVD von einem Künstler rund 20 Prozent der Absatzzahlen, die wir bei einer CD erreichen, schaffen könnten.
Unsere erfolgreichste DVD war bislang die Live-DVD von AC/DC, die über 50.000 Einheiten verkauft hat. Und das Erfreulich am DVD-Geschäft – im Gegensatz zum CD-Markt – liegt darin, dass es sich hierbei um langfristige Abverkäufe handelt. Dagegen sind manche CDs nach ein paar Wochen schon vollständig durchverkauft.
Die These, dass sich Konzert-DVDs totlaufen würden, verwundert mich etwas. Das hat man früher bei den Live-Alben auch schon gesagt. Wir werden weiterhin Live-DVDs veröffentlichen und auch auf unser Archiv weiterhin zurückgreifen. Ich sage immer, dass gerade Live-DVDs ein spannendes Medium sind, weil sich hier Bild und Ton ergänzen. Reine Clip-Collections sehe ich in der Tat etwas problematischer, da müsste man kreativere Lösungen finden. Und das werden wir auch tun.
Die Kosten für Live-Produktionen waren schon immer hoch, deswegen ist es nicht verkehrt, nach Kooperationspartnern zu suchen, um die Kosten gering zu halten.
In der Tat besteht bei der Formatvielfalt bei der DVD noch ein großer Informations- und Aufklärungsbedarf. Dazu planen wir im Herbst eine Arbeitsgemeinschaft mit Vertretern der Hardware-, Software- und Musikindustrie.
Ja, die DVD-Audio wird die CD ablösen, auch wenn das ein längerer Prozess ist und nicht von heute auf morgen passieren wird. Gerade das Medium DVD-Audio wird vielfach kritisiert, besonders bei der Systemunsicherheit. Aber man sieht oft nur die negativen Seiten und übersieht die positiven Seiten. Deswegen sollten wir gemeinsam an den Chancen arbeiten, die das Medium bietet.“
Alexander Welzhofer Warner Vision Germany
„Wir waren bei den neuen Anforderungen der DVD ganz unbeleckt. Für die Produktion brauchten wir neues Fachpersonal. Inzwischen arbeiten bei uns 30 Mitarbeiter mehr, die vor allem die Bildtechnik abdecken und sich um das umfangreiche Projektmanagement kümmern.
Die Formatvielfalt bei den DVDs ist in der Tat ärgerlich. Der Konsument wurde permanent zwischen den verschiedenen Playern und Formaten hin- und hergerissen und das nur weil ein paar audiophile Enthusiasten etwas hochgetrieben haben, was den ganz normalen Markt gar nicht so sehr beeindruckt hat. So viele Formate bräuchten wir nicht.“
Hans-Dieter Queren Sonopress
„Die für uns wichtige Frage lautet:,Was passiert mit dem Medium?“ Wir müssen den Markt analysieren, um etwa die Fehler, die wir beim Kopierschutz der CD gemacht haben, zu vermeiden.
Bei der derzeitigen Marktgröße müssen wir von Firmenseite noch sehr viel investieren. Deswegen kann es sehr sinnvoll sein, bei einer DVD-Produktion TV-Stationen ins Boot holen oder Kosten über Ticketverkäufe zu refinanzieren. Eine andere Strategie sehe ich in den Musikvideos, die wir ständig produzieren müssen. Über die DVD-Single, die bei Warner direkt bei den einzelen Firmen, und nicht wie die Longplay-DVD bei Warner Vision, angesiedelt ist, können wir Clips, die bei MTV oder Viva nicht laufen, versuchen, zu refinanzieren.
Ich muss immer wieder feststellen, dass den Leuten der Stereo-Sound reicht und sie 5.1 oder ähnliche Formate gar nicht wollen. Deswegen müssen wir genau überlegen, an wen wir uns eigentlich wenden, bevor wir den Markt mit DVDs überschwemmen. Sonst kommt irgendwann das große Weinen, wenn dann alle sagen: Auch die DVD hat nicht funktioniert.
Konzert-DVDs sind zwar ein sehr spannendes Medium, und ich denke, hier werden sich durch neue Technologien auch in Zukunft die Kosten reduzieren. Aber wir sprechen viel zu wenig von ganzen Alben, die wir parallel zu einem neuen CD-Studioalbum auch auf DVD veröffentlichen können. Mir schwebt etwa vor, nicht gleich zu jeden Album-Track ein Video zu machen, aber dafür von jungen Regisseuren Kurzfilme drehen zu lassen. Dadurch wird eine DVD wie eine Vernissage, bei der die Bilder mitschwingen. Die Möglichkeiten von DVD sind unerschöpflich, weil die Diskussion ja jetzt erst anfängt. Gerade jenseits des Live-Betriebs gibt es viele Ideen, die auch bei den Kosten günstiger sind als Mitschnitte.
Die Entwicklung der DVD-Single wird parallel zur DVD-Audio passieren. Denn hier gibt es mehr Möglichkeiten, den Fans mehr vom Künstler zu geben.
Das Problem bei jungen Hörern liegt darin, dass sie sich mit PCs und Spielkonsolen so die Ohren, verdorben“ haben, dass man sie erst einmal wieder an eine höhere Audioqualität heranführen muss. Ich würde mir wünschen, dass die Medien weniger über die Formatvielfalt diskutieren oder gar vorstellen, wie man den Kopierschutz knackt, sondern die Audio-Vorzüge betonen.
Die Präsentation von DVDs im Handel ist nicht mehr zeitgemäß. Denn eine Trennung von Audio- und Video-Produkten passt nicht mehr ins Bild. Die jetzige Präsentation ist mir zu steril.“
Hans-Otto Villwock wea records
„Wir sollten uns bei einer anstehenden DVD-Produktion zuerst fragen, was man wirklich an Features auf der DVD braucht. Denn schließlich wollen wir auch Geld verdienen. Deswegen sollte man ein Produkt zuerst konzipieren. Man kann viel über interaktive Medien visionieren, aber erst einmal muss Geld verdient werden. Wir müssen die Auswertung der Backkataloge klug organisieren, denn für eine Glenn-Miller-Monoaufnahme brauchen wir keinen Surround-Sound. Zudem besteht das Problem, dass viele Produktmanager gar nicht ausgebildet sind für den Umgang mit einer DVD. Wir stehen noch vor einem Universum an ungelösten Aufgaben. Deswegen rate ich für den Anfang, nicht zu viele Experimente einzugehen.
Bei der Formatvielfalt mache ich mir nicht zu viele Sorgen. Denn die aktuelle Entwicklung läuft dahin, dass Formate wie auch die Player wachsen zusammen.
Wir wollen für jedes Produkt gleichsam als Agentur in Zusammenarbeit mit der Firma und idealerweise mit dem Künstler Visionen zu entwickeln. Und die müssen nicht immer extrem kostenaufwändig sein. So haben wir mit Nils-Petter Movaer aus einer ursprünglich geplanten DVD-Audio mit Ach und Krach ein spannendes DVD-Video gemacht, weil wir das Konzert eh mit sieben Kameras mitgeschnitten hatten. Aber weil uns das nicht reichte, haben wir für kleines Geld Cutter von der Hamburger Kunstschule gebeten, aus dem aufgezeichneten Material stimmungsvolles Material zu machen.
DVDs wie zuletzt von Scooter, für die wir das Authoring gemacht haben, zeigen, dass auch Titel für junge Fans möglich sind.“
Jürgen Klimmeck Syrinx



