musikwoche.de: Was bedeuten für Sie die „Politics of Dancing“?
Paul van Dyk: Vor etwa zehn Jahren, als auch WestBam mit Begleittexten auf seinen Platten Stellung bezog, war die Welt der Dance- und elektronischen Musik viel präsenter. Es war allen klar, dass es sich dabei um eine riesige kulturelle Bewegung – vor allem Jugendbewegung – handelte. Attribute wie kosmopolitsches Miteinander und Toleranz waren untrennbar damit verbunden. Die Branche und wir als Künstler haben sie so verinnerlicht, dass wir sie nicht mehr so stark nach vorn gebracht haben. Das führte dazu, dass die gesellschaftlichen Autoritäten Veranstaltungen wie die Loveparade banalisieren konnten. Und wie wichtig die Loveparade ist, sieht man gerade nach dem 11. September.
musikwoche.de: Was macht diese Szene aus?
Paul van Dyk: Ich kenne keine andere Jugendbewegung, die in dieser Größenordnung junge Leute so miteinander vereint – egal wo und mit welchem kulturellem Hintergrund. Auch wenn ich in Südkorea auflege und kein Wort verstehe, kommen wir durch die Musik zusammen. Gerade in arabischen Ländern tragen solche Events zur Verständigung zwischen den Religionen bei. Und dann meinen irgendwelche Oberdirektoren, Clubs schließen zu können. Dadurch nehmen sie den Leuten die Möglichkeit, an einer globalen Kulturbewegung teilzunehmen. Und schließlich gibt es nichts Vergleichbares, was aus Deutschland hinaus auf musikalischem und kulturellem Level so einen Einfluss hatte.
musikwoche.de: Auch nicht der deutsche HipHop?
Paul van Dyk: Da stelle ich die Globalität in Frage, allein schon wegen der sprachlichen Barrieren. Wegen der vielen, von überall her stammenden Elemente der elektronischen Musik kann jeder Zuhörer sich eins davon greifen und sich damit identifizieren. Das ist für mich das Besondere und auch Politische an dieser Musik: Sie vereint. Mir ist eine Party lieber, auf der wir etwas Positives demonstrieren, als Fensterscheiben einzuwerfen oder Autos anzuzünden.
musikwoche.de: Wie beurteilen Sie die Situation von Dance in den Medien?
Paul van Dyk: Die Stücke, die bei den meisten Radiostationen unter der Bezeichnung „Dance“ laufen, haben nichts mit dem zu tun, was in den Clubs stattfindet.
musikwoche.de: Was passiert denn in den Clubs?
Paul van Dyk: Im Jahr 2000 war schlechte Tanzmusik sehr erfolgreich. Selbst etablierte DJs haben sie ohne Rücksicht auf Verluste gespielt. Anfang diesen Jahres entstand dann mit Progressive House eine Gegenbewegung, die aber an sich furchtbar langweilig ist, weil sie ohne Groove nur mit HiHat, Bassdrum und einem Wobbel-Bass auskommt. Wenn man sich aber die ganze Bandbreite elektronischer Musik anschaut, sind dieses Jahr durchaus hervorragende Platten veröffentlicht worden – und auch viel Müll. So wie es schon immer war.
musikwoche.de: Was macht ein gutes DJ-Set aus?
Paul van Dyk: Das Geheimnis ist, gleichzeitig kompromisslos zu sein und die Fähigkeit zu haben, mit den Leuten zu interagieren. Man muss den Leuten einen Track so präsentieren, dass sie vielleicht erst nach zehn Minuten merken, dass sie auf etwas tanzen, worauf sie zuvor nicht getanzt haben. In den DJs lebt das Erbe der 60er Jahre fort, als man auch die verschiedensten Sachen integriert und miteinander kombiniert hat.
musikwoche.de: Wie sehen Sie die Entwicklung in der Branche, bei der Umsatzeinbrüche und Entlassungen an der Tagesordnung stehen?
Paul van Dyk: Ich kann nur sagen, dass wir bei Vandit Records händeringend Leute suchen. Und zwar kompetente, idealistische Mitarbeiter, die in der Lage sind, ein Projekt von vorn bis hinten zu begleiten. Aber da wir uns bei Vandit zum Ziel gesetzt haben, nur die Tracks zu veröffentlichen, die uns gefallen, kann dadurch schon mal ein Finanzierungsproblem auftreten. Dennoch hören wir uns alles an. Und wie zuletzt beim kanadischen Projekt Second Sun entdecken wir immer wieder Künstler mit großem Potenzial.
musikwoche.de: Es heißt, die Branche leide unter einem A&R-Problem…
Paul van Dyk: Ich habe das Glück, bei Universal Records und auch jetzt bei Ministry Of Sound mit Leuten zusammenzuarbeiten, die verstehen, worum es mir geht. Dennoch stehen One-Off-Hits gleichberechtig neben Artist-Development. Diese Künstlerbetreuung ist jedoch wichtig, denn irgendwer muss die Platten ja machen, die man dann schnell signt und rausbringt. Und wenn die Firmen das nicht fördern, wird es die nächsten Underworld oder Prodigy nicht geben. Wir müssen Charaktere aufbauen, die nach draußen etwas präsentieren, mit denen sich die Leute identifizieren und auseinandersetzen können.


