3/2006 o-ton.daniela geißler MusikWoche: Das Musikaushängeschild von RTL II, „The Dome“, ist vor Ort jedes Mal ausverkauft, aber die Quoten bewegen sich in niedrigen Bereichen. Stört Sie das? Daniela Geißler: „The Dome“ ist auf allen Ebenen ein sehr erfolgreiches Projekt. Die Quoten sind dabei nur ein Indikator für den Erfolg. Man muss das gesamte Paket aus Show, Ausstrahlung und schließlich CD-Verkäufen sehen. Was den Sendeplatz von „The Dome“ angeht, haben wir 2005 verschiedene Varianten ausprobiert. Nachdem wir lange Zeit den gelernten Platz am Sonntagnachmittag hatten, haben wir uns nun auf den Samstagnachmittag festgelegt. Nach wie vor erreichen wir unsere Kernzielgruppe sehr gut. Man darf sich nicht nach dem absoluten Marktanteil richten, sondern muss die Zuschauerschaft im jeweiligen Segment betrachten. Und da sind wir – und auch die Industrie – sehr zufrieden. Natürlich haben wir uns für 2006 vorgenommen, den Sendeplatz so zu etablieren, dass es bald wieder heißt: „Heute kann ich nicht, ich muss,Dome‘ schauen.“ MW: Wie wichtig ist für Sie die CD-Reihe zu „The Dome“? Geißler: Die Plattenfirmen argumentieren seit Jahren, dass speziell das Compilation- Segment rückläufig sei. Wir stellen fest, dass unsere „The Dome“-Reihe konstant hohe Verkäufe verzeichnet. „The Dome“ hat sich als Marke etabliert, und wir scheuen uns nicht, uns neben die „Bravo“ zu stellen und zu sagen: „,The Dome‘ ist die Marke, die es auch in Zukunft als Tonträger, als Event und als TV-Sendung geben wird.“ MW: Wie kann man denn so eine arrivierte Marke frisch halten? Geißler: Das ist ein wichtiger Punkt. „The „Dome“ ist für 2005 in punkto Produktion sicherlich State Of The Art, aber wir wollen uns weiterentwickeln und neben der Musik die Entertainmentschiene intensivieren. Langfristig wollen wir, dass sich „The Dome“ von einer reinen Auftrittsshow zur Entertainmentshow entwickelt. Dazu gehört neben den Auftritten auch die Einblendung von Informationen, Gossip oder Comedy-Elementen. Wir bieten dem Künstler damit eine Plattform, sich und seine Musik noch emotionaler zu transportieren. Ziel ist, dass „The Dome“ noch einzigartiger wird und jede Veranstaltung für sich weiter an Eigenständigkeit gewinnt. Das kann beispielsweise mit der Wahl einer besonderen Location oder mit individuelleren Inszenierungen erreicht werden. An diesen Ideen arbeiten wir derzeit gemeinsam mit MME. Man darf auf Überraschungen gespannt sein. MW: Hat die Konstellation „The Dome“, Universal und Sony BMG für Verstimmungen bei den Mitbewerbern gesorgt? Geißler: Nein, wir bekommen aus der gesamten Industrie Angebote. Und im Dreieck zwischen Event, Fernsehsendung und CD-Vermarktung haben wir immer darauf geachtet, eine gesunde Konkurrenzsituation unter allen Partnern zu schaffen. Es gibt ein Gremium mit Vertretern der Plattenfirmen, der Produktionsfirma, der Redaktion von RTL II und dem Special Marketing, das zweimal vor jeder Sendung tagt und über die Besetzung der Show entscheidet. Hier werden vor VÖ die Songs angehört und deren Marketingkampagnen geprüft. MW: Sie haben für „The Dome“ den Vertrag mit der Produktionsfirma MME verlängert. Bei der Compilation arbeiten Sie 2006 nur mit Universal als Partner zusammen. Wie kam es dazu? Geißler: Wir haben uns nach einem Pitch dazu entschieden, bei „The Dome“ weiter mit MME zusammenzuarbeiten. Dabei haben die guten Erfahrungen aus sieben Jahren gemeinsamer Arbeit bei diesem Großevent eine große Rolle gespielt. Auch die große Affinität zur Musik war ein Grund, genauso wie die Tatsache, dass MME bereits im Pitch innovative Ansätze für die Weiterentwicklung des Formats präsentiert hat. Das hat uns sehr gefallen. Wichtig war, dass wir mit unserem Partner auf der Produktionsseite unsere Vorstellungen umsetzen können, wie wir das Format weiterentwickeln Bei der Compilation werden wir in einem etwas veränderten Businessmodell mit dem Marktführer Universal zusammenarbeiten. Wir wollen gemeinsam „The Dome“ stärken. Aber, und jetzt wiederhole ich mich, wir arbeiten selbstverständlich auch mit allen anderen Playern gut zusammen. Das gilt nicht zuletzt auch für unseren bisherigen Partner Sony BMG. MW: Wie sieht es mit der Kooperation zwischen „The Dome“ und Viva/MTV aus? 20 Über Musik im Fernsehen und die Zukunft von „The Dome“ „Wir wollen den Künstler noch emotionaler transportieren“ Grünwald – Als Herrin über die RTL-II-Musikshow „The Dome“ ist sie eine der wichtigsten Musikfrauen Deutschlands. Daniela Geißler, Leiterin Special Marketing bei RTL II, erläutert im Gespräch mit MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger die Rolle des Fernsehens als Marketinginstrument. Und sie kündigt Änderungen des Erfolgsformats an, das im Dezember vor über 10.000 Zuschauern in Mannheim zum 36. Mal über die Bühne ging. „Wir arbeiten mit allen Playern gut zusammen'“ „Wir sind nach wie vor für alle Konzepte offen“ 3/2006 21 daniela geißler.o-ton Geißler: 2005 hat sie sich bewährt. Wir gehen daher davon aus, dass sie in diesem Jahr intensiviert wird. Das war bisher für alle eine Win-win-Situation. Wir sind jedenfalls offen – auch für andere Sender. So hat Super RTL mit eigenen Acts wie zuletzt Banaroo bewiesen, dass es im Musiksegment sehr stark ist. Hier könnten wir uns auf jeden Fall eine Kooperation gut vorstellen, da Super RTL ein sehr junges Publikum erreicht, während unseres schon etwas erwachsener ist. Diese Konstellation könnte man beim gemeinsamen Aufbau eines Acts gezielt einsetzen. MW: Ein Kritikpunkt am „Dome“ ist der Playback-Einsatz. Bei der letzten Comet-Gala sind fast alle Bands live aufgetreten. Wäre das für den „Dome“ denkbar? Geißler: Die Kritik ist so deutlich bei uns noch nicht eingegangen. Wir haben immer wieder Acts, die live singen. Aber unabhängig davon soll die Neukonzeption der Show auch den Live-Charakter stärken. Doch es ist auch so, dass man grundsätzlich in dieser Frage sehr vorsichtig sein muss. Denn nicht jeder Künstler trägt eine echte Live- Performance. MW: Welchen Stellenwert haben Musikprogramme für RTL II? Geißler: Unser Programm richtet sich an alle Zuschauergruppen, und Musik spielt eine vergleichsweise wichtige Rolle. Musik funktioniert bei RTL II auf zwei Ebenen. Wir arbeiten mit allen Labels und der gesamten Industrie zusammen. Dabei reicht das Spektrum von einzelnen, gezielten Spot-Rotationen bis hin zu großen Kooperationen. Bei RTL II kommen neben eigenen Rotationen auch unsere Tools wie verschiedene Musik-Tipps oder die Integration in redaktionellen Beiträgen zum Einsatz. Diese Angebote, die vor zehn Jahren Holger Strecker mit ins Leben gerufen hat, laufen nach wie vor wunderbar. Im Bereich Kampagnen ist RTL II neben den klassischen Musiksendern für die Musikindustrie sicherlich der wichtigste Partner. MW: Gibt es dafür Gründe? Geißler: Das liegt an unserer Musik- und Zielgruppenaffinität, aber auch einfach daran, dass wir bei RTL II das Thema Musik gelernt haben und wir sehr genau wissen, welche Maßnahmen an welcher Stelle erfolgreich funktionieren. Und das spiegelt sich dann auch im Programm wieder – der zweiten Säule in unserem Konzept. Denn da gab und gibt es neben dem „Dome“ Formate wie „Big In America“, aus dem die Formation US5 hervorging, oder die „Après-Ski-“ und „Ballermann- Hits“ sowie Specials wie die Ausstrahlung eines Konzerts von DJ BoBo. Und man darf nicht vergessen, dass die ersten beiden Staffeln von „Popstars“ auf RTL II liefen, die mit den No Angels und Bro’Sis erfolgreiche Formationen hervorbrachten. MW: Welche Vorteile bieten Spots und Kampagnen im Programm von RTL II den Plattenfirmen? Geißler: Die Industrie realisiert sie immer wieder, weil sich die Kampagnen unmittelbar auf die Verkäufe auswirken. So bieten wir zum Beispiel die „RTL II Highlight“- Kampagne, mit der wir einen Monat lang unsere Spielfilme bewerben. Inzwischen gibt es ganz eindeutige Erfahrungswerte für die Songs aus dieser Kampagne: Es ist am wirkungsvollsten, einen Titel nach drei Wochen Laufzeit in den Handel zu bringen. Und wir wissen von unserer Medienforschung, die weitere Tools wie unseren „Music Tipp“, den „Dance-„, „DVD-“ oder „Album Tipp“ analysiert hat, wie diese Kampagnen im Detail wahrgenommen werden. MW: Wären für RTL II denn auch redaktionelle Musiksendungen denkbar – ohne Casting- oder Doku-Anbindung? Geißler: Wir sind nach wie vor für alle Konzepte offen. Aber eine Sendung wie „Bravo TV“, die lange bei RTL II gelaufen ist, hat uns gezeigt, dass es nicht einfach ist, die Vielfalt eines Heftes für den Fernsehzuschauer auf die gleiche spannende Weise zu übersetzen. Und da das Prinzip einer Charts-Show mit „Top Of The Pops“ bereits vergeben ist, bräuchten wir ein redaktionelles Konzept mit einer gewissen Raffinesse, mit dem RTL II dann wieder Trendsetter sein könnte. MW: Hat RTL II denn eine eigene Musikredaktion? Geißler: Nein, im Bereich Special Marketing haben wir alle Abteilungen wie Marketing, Merchandising, Events und Kooperationen oder das Feld Kampagnen und den später entstandenen A&R-Bereich zusammengefasst, um uns zum Thema Musik noch besser aufzustellen. In der Praxis bedeutet das, dass ein Thema über unsere Abteilung läuft, sobald es um die Bestückung von Sendungen mit Musik geht oder um Fragen, wie wir Kampagnen 3 zur person Die studierte Diplom-Kaufwirtin kam am 25. August 1968 in Regensburg auf die Welt und startete ihre Karriere 1994 in der acm Werbeagentur, bevor sie ein Jahr später zu RTL II wechselte. Hier stieg sie zur Leiterin Eventmarketing/Kooperationen auf und zeichnete auch für die Abteilung Werbung/ Brandmanagement verantwortlich. In den Jahren 2000 und 2001 arbeitete sie als Head of Marketing/Communications beim Label Berlin Records von Sony Music. Danach kehrte sie als Leiterin Artist and Repertoire zu RTL II zurück, seit Juli 2003 ist sie dort Leiterin Special Marketing. Anzeige Nur im livepaper! www.musikwoche.de/livepaper O-Töne aus Interviews? 22 3/2006 o-ton.daniela geißler planen, ob wir an einen bestimmten Act glauben, oder welche Songs wir für ihn auswählen. MW: Wie kann man sich das am Beispiel US5 vorstellen? Geißler: Bei der Vermarktung von US5 handelte es sich im Grunde um ein Triumvirat aus der Produktionsfirma MME, Triple M als unabhängigem Label – übrigens gemeinsam mit Lou Pearlmans Trans Continental Group – sowie uns als TV-Sender. Gemeinsam mit der Unterhaltungsredaktion war der Bereich Special Marketing in allen Phasen der Entstehung der Band dabei: beim Casting, aber eben auch direkt bei der kreativen Arbeit im Studio. Wir haben uns konstruktiv bei den Arrangements der einzelnen Songs eingebracht und am runden Tisch mit unseren Partnern überlegt, wie die nächsten Schritte aussehen sollten. Diese Möglichkeiten der Einflussnahme möchten wir haben – und bisher waren unsere gemeinsamen Entscheidungen ja auch sehr erfolgreich. MW: Inwiefern haben Sie mit einem Projekt wie US5 Neuland betreten? Geißler: Vom Geschäftsmodell wie auch von den internationalen Verbindungen her war das gesamte Projekt sicherlich Pionierarbeit – und es war definitiv auch eine Herausforderung, so ein Thema zusammen mit Lou Pearlman zu lancieren. Dafür nutzten wir die eigenen redaktionellen Möglichkeiten wie auch unsere langjährigen Kontakte zu Medienpartnern aus TV und Radio. Auf RTL II traten US5 unter anderem beim „Dome“ und bei „Big Brother“ auf. MW: RTL II hat in den vergangenen Monaten einige Umstrukturierungen vorgenommen – unter anderem ist mit Jochen Starke ein neuer Geschäftsführer im Amt. Hat das auch den Musikbereich berührt? Geißler: Die Musikbranche ist ständig in Bewegung. Insofern sind Veränderungen vollkommen normal für uns. Das gilt auch für unsere Premiumproduktion in diesem Segment, „The Dome“, die wir auch im kommenden Jahr gemeinsam mit MME fortsetzen werden. Die Entwicklungen bei RTL II haben dazu sogar noch beigetragen. Denn Geschäftsführer Jochen Starke war einer der Gründungsväter des „Dome“. Er hat das Projekt nie in Zweifel gezogen. Wichtig für uns war allerdings, dass sich der „Dome“weiterentwickelt. MW: Wie sehen Sie generell die Verbindung von Musik und Fernsehen? Geißler: Der Musikanteil in der Fernsehlandschaft ist allgemein zurückgegangen, nicht nur bei den reinen Clipsendern. Musik gehört zum täglichen Leben und ist ein sehr emotional behaftetes Produkt. In den Medien wird es sie immer geben. Aber Formate unterliegen auch gewissen Zyklen. In der Bandbreite zwischen Auftrittsund Entertainmentshow wird sich zeigen, wohin die Entwicklung geht. MW: Gab es für Sie persönlich so etwas wie die schönste Musikerfahrung in Ihrem jetzigen Arbeitsfeld? Geißler: Es gibt schon sehr viele Dinge, bei denen ich nach wie vor Gänsehaut bekomme. Es macht immer wieder Spaß, wenn man bei einem Thema von Anfang an dabei ist und es dann auf Platz eins in den Charts landet. Ob das nun US5 oder die „Popstars“ waren. Und natürlich liegt mir der „Dome“ besonders am Herzen, weil ich auch da von Anfang mit dabei bin. Ich bin sehr glücklich, dass wir die Idee „The Dome“ nun schon das 36. Mal umsetzen konnten. „Bisher waren unsere Entscheidungen sehr erfolgreich“ Kann auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen: Daniela Geißler inmitten ihrer Kooperationspartner (v.l.n.r.) Dirk Ewald (Managing Director EMI Catalogue Marketing), Christopher Gersten (Managing Director Universal Strategic Marketing) und Christoph Post (Vorstandsmitglied MME) beim „Dome“ 36 in Mannheim
O-Ton: Daniela Geißler über Musik im Fernsehen und die Zukunft von „The Dome“
Als Herrin über die RTL-II-Musikshow „The Dome“ ist sie eine der wichtigsten Musikfrauen Deutschlands. Daniela Geißler, Leiterin Special marketing bei RTL II, erläutert im Gespräch mit MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger die Rolle des Fernsehens als Marketinginstrument. Und sie kündigt Änderungen des Erfolgsformats an, das im Dezember vor über 10.000 Zuschauern in Mannheim zum 36. Mal über die Bühne ging.


