Kürzlich bekam Kai Niemann einen Anruf von niemand Geringerem als dem „Vater des Deutschrock“. Mit gewohnt nuschelnder Stimme fragte Udo Lindenberg an, ob man nicht mal gemeinsam auf die Straße gehen könne. „Ich hab sofort zugesagt“, zeigt sich Niemann begeistert. So überraschend, wie es auf den ersten Blick scheint, ist dieser Anruf freilich nicht, denn erstens sind beide auf dem gleichen Label, Berlin Records, und zweitens ist Niemann mit seiner Band in den neuen Bundesländern ein Publikumsmagnet.
Seine Popularität verdankt er dem Top-Ten-Hit „Im Osten“, der den deutsch-deutschen Dauerkonflikt mal von der witzigen Seite betrachtet. 300.000 Fans besorgten sich die Single für die heimische Stereoanlage und der ehemalige Student avancierte prompt zum Talkshow-Experten für Ost-West-Fragen. Fünf Jahre ist das Lied bereits alt. Beinah jede Plattenfirma des Landes hatte es auf dem Tisch, „doch die haben uns alle diese Standard-Absage-Briefe geschickt“, lacht Niemann.
Irgendwann griff Berlin Records zu und war damit auf eine Goldader gestoßen. Auch im Westen der Republik gab es alles andere als ablehnende Statements: „Es gab weniger negative Reaktionen als wir gedacht haben. 90 Prozent der Leute fanden den Song witzig und liebenswert“, erzählt Niemann. Bevor der Erfolg einsetzte, studierte Kai Niemann Jura, um sich mit Urheberrechten besser auszukennen.
Momentan ist an Vorlesungen und Seminare nicht zu denken, die sechsköpfige Gruppe ist permanent auf Achse. Auch das erste Niemann-Album „Die Welt ist ein Irrenhaus“ (CD-Best.-Nr. 503307 2) ist fertig und bietet eine stilistische Vielfalt aus Reggae, Dixie, Ethnosounds, Folk, Funk, Rock und Pop. Überraschend sind die zahlreichen melancholischen Liebeslieder, zu denen auch der Titelsong zählt.
Steht jemand, der einen Hit wie „Im Osten“ geschrieben hat, nun unter Erfolgsdruck? Niemann schüttelt den Kopf: „Auf Krampf Lieder schreiben, das kann ich nicht. Ich muss warten, bis es soweit ist.“ Berlin Records unterstützt die Veröffentlichung mit einer umfangreichen Bauzaun- und Litfass-Plakatierungskampagne sowie diversen P.O.S.-Aktivitäten. Ergänzend dazu gibt es ein Fan-Mailing sowie eine Edgar-Postkarten-Kampagne.



