musikwoche: Was ist das Reizvolle am Eurovision Song Contest? Jürgen Meier-Beer: Hier wirbt jedes Land um die Sympathien aller anderen Länder. Und hier offenbart sich, wer wem die meisten Sympathien schenkt. Damit ist der Eurovision Song Contest das größte europäische Spiel füreinander statt gegeneinander. Dies macht ihn im Gegensatz zu den sportlichen Wettkämpfen so einzigartig.
mw: Geht es nicht um den besten Musiktitel? Meier-Beer: Doch, aber das allein würde den Reiz des Eurovision Song Contest nicht erklären. Hier geht es um mehr – und gerade darin zeigt sich, was Musik wirklich bedeutet: eigene Befindlichkeiten auszudrücken, um die Gefühle anderer zu erreichen. Man wirbt also um andere mit der eigenen Identität. Im Eurovision Song Contest sucht jedes Land nach einem Anteil seiner eigenen musikalischen Identität, mit dem es das Ausland am überzeugendsten ansprechen kann.
mw: Warum tut sich Deutschland damit so schwer? Meier-Beer: Stimmt gar nicht! Wir haben als größeres Land zwar den Nachteil, dass sich unsere größere Musikkultur mehr nach innen und weniger nach außen richtet als die kleinerer Länder. Dafür verfügen wir aber als größeres Land über mehr Möglichkeiten, um internationale Impulse zu setzen. Wir müssen nur die richtigen Energien mobilisieren.
mw: Warum sind wir dann so erfolglos? Meier-Beer: Stimmt auch nicht! Deutschland gehörte in den Jahren 1998 bis 2001 zu den erfolgreichsten Teilnehmern des Eurovision Song Contest, mit Guildo Horn auf Platz sieben, Sürpriz auf Platz drei, Stefan Raab auf Platz fünf und Michelle auf Platz acht. Das falsche Gefühl der Erfolglosigkeit hat nur, wer sich krampfhaft allein auf Platz eins fixiert.
mw: Geht es denn nicht um den Sieg? Meier-Beer: Wer Europa erobern will, geht musikalisch unter. Der Erfolg der Türkei im letzten Jahr beruhte gerade darauf, dass Sertab nicht auf Platz eins fixiert war, sondern ihr Land europäisch-modern präsentieren wollte. Dafür ist sie von folkloristischen Fundamentalisten angefeindet worden. Aber Europa nahm ihre Botschaft an, ihr Musiktitel wurde ein europäischer Hit.
mw: Worum geht es dann für uns? Meier-Beer: Ein deutscher Hit soll ein europäischer Hit werden. Dazu müssen wir auf einen Anteil unserer musikalischen Identität setzen, mit dem wir die beste internationale Resonanz erzielen. Also muss der deutsche Beitrag zum Eurovision Song Contest relevant für die deutsche Musikszene sein und uns internationalen Respekt einbringen.
mw: Wo blieb dieser Anspruch in den letzten Jahren? Meier-Beer: Diesen Anspruch hatten wir schon immer. Aber um ihn zu erfüllen, können wir nur Nominierungen und Abstimmungen organisieren. Das Nominierungsverfahren richten wir immer wieder neu darauf aus, dass wir möglichst viele geeignete Musiker ansprechen. Deren Resonanz war in den letzten Jahren mal besser, mal schlechter. Diesmal ganz hervorragend.
mw: Entsprach Zlatko Ihrem Anspruch? Meier-Beer: Das war eine Übergangserscheinung. Davor wäre der Eurovision Song Contest fast untergegangen, als er noch durch Jurys, Orchester und Sprachregeln beherrscht wurde. Der neue Schwung kam erst, als die überholten internationalen Vorschriften abgeschafft und die Nominierungen für den deutschen Vorentscheid den Plattenfirmen überlassen waren. So kam es zu den prägenden Auftritten von Rosenstolz, Guildo Horn, Jeanette Biedermann, Stefan Raab, Lotto King Karl usw. Als in diese Riege der damals verkaufsstarke Zlatko eingereiht wurde, entschieden sich die deutschen Zuschauer umso engagierter für Michelle.
mw: Und damit war die Sendung laut Focus „wieder bieder“… Meier-Beer: Nein, die deutsche „Schlagerprinzessin“ Michelle trat international als „Popqueen“ auf. Dass das Engagement der deutschen Plattenfirmen für den Eurovision Song Contest nachließ, hatte andere Gründe. Neu positionieren mussten wir uns, als musikalische Anfänger in den Castingshows à la „Superstars“ andere Fernsehflächen fanden. Für unseren internationalen Anspruch war es logisch, nun unsere professionellen Hürden anzuheben.
mw: Das veränderte Konzept stieß nicht überall auf Begeisterung. Gab es keine andere Alternative zu den Castingshows? Meier-Beer: Nein. Weder ist mir eine andere Idee gekommen. Noch hat mir jemand einen anderen Vorschlag gemacht.
mw: Stehen Sie in diesem Jahr unter größerem Erfolgsdruck als früher? Meier-Beer: Unter Erfolgsdruck steht die von mir geleitete Redaktion mit hunderten von Sendungen im Jahr. Bei der Weiterentwicklung des Eurovision Song Contest, für den ich ja nicht nur national, sondern auch international zuständig bin, hilft die jahrelange Erfahrung. Viel unsicherer fühlen wir uns in der Redaktion mit völlig neuen Konzepten, zuletzt mit dem Loriot-Geburtstag und „Einfach Millionär“, demnächst zum Beispiel mit einer großen neuartigen Udo-Jürgens-Show.
mw: Worin besteht der Neubeginn 2004? Meier-Beer: Wir haben wenig verändert, aber viel erreicht. Nach wie vor kann sich niemand selbst bewerben. Wir haben bewusst an den Nominierungen ausschließlich durch die Plattenfirmen festgehalten, da sich deren Entscheidungsfähigkeit ständig am Musikmarkt bewähren muss. Wir haben lediglich den vorherigen Einsatz von Musikvideos, der früher nur erwünscht war, zur Pflicht gemacht, und zwar auf Viva.
mw: Wieso auf Viva? Meier-Beer: Viva ist mit dem Anspruch gegründet worden, die moderne deutsche Musikszene zu fördern. Dies passt perfekt mit unserem Anspruch zusammen, einen deutschen Hit zum internationalen Hit zu machen. Die nationale Promotion auf Viva ist also eine sinnvolle Voraussetzung für den internationalen Anspruch des ARD-Auftritts.
mw: Wird der Eurovision Song Contest durch Viva nicht zu jung? Meier-Beer: Wir müssen die jüngeren Zuschauer, die wir im letzten Vorentscheid verloren haben, zurückgewinnen. Denn die jüngere Generation bestimmt die internationalen musikalischen Trends. Wir beschränken uns aber mit dem deutschen Vorentscheid schon deshalb nicht auf das Viva-Publikum, weil das durch das Interesse an Musikclips definiert ist. Dagegen sprechen wir im Ersten breitere Zuschauerschichten dadurch an, dass wir unterschiedliche Musiker und Musiktitel in einer aufwändigen Live-Show präsentieren.
mw: Und wo bleibt der deutsche Schlager? Meier-Beer: Der deutsche Schlager wäre im Eurovision Song Contest weiterhin willkommen, würde er sich wie zur Zeit seiner früheren Erfolge als deutschsprachige Popmusik verstehen. Ungeeignet für den internationalen Wettbewerb ist nur das rein nationale Genre, als das sich der deutsche Schlager heute versteht. Folglich haben sich aktuelle Schlagergrößen wie Andrea Berg und Roland Kaiser nie für den Eurovision Song Contest beworben. Auf der anderen Seite haben Guildo Horn und Stefan Raab bewiesen, dass man in deutscher Sprache auch außerhalb des Schlager-Genres international erfolgreich sein kann. Daher hoffe ich, dass die deutsche Sprache auch zukünftig im Eurovision Song Contest erfolgreich ist. Denn die deutsche Sprache ist nun wirklich nicht dem deutschen Schlager vorbehalten.
mw: Warum ist dann nicht die deutsche Sprache für den deutschen Beitrag vorgeschrieben? Meier-Beer: Entscheiden sollen nicht Vorschriften, sondern Zuschauer. Die Zuschauer sollen maximale Entscheidungsfreiheiten bekommen. Diese werden umso größer, je größere Entscheidungsfreiheiten – auch sprachlich – die Musiker bekommen. Jede noch so gut gemeinte Vorschrift würde das musikalische Spektrum nur einschränken. Dass die deutsche Sprache mit der Entscheidungsfreiheit nicht untergeht, zeigt der hohe Anteil deutschsprachiger Musiktitel auch im diesjährigen deutschen Vorentscheid.
mw: Wo bleibt Ralph Siegel? Meier-Beer: Er weiß, wie sehr ich ihn verehre. Er weiß aber auch, dass wir nie eine „Lex Siegel“ hatten, weder früher für ihn noch jetzt gegen ihn, sondern dass wir immer nur das Nominierungsverfahren fortentwickelt haben. Diesem hat er sich früher unterworfen, mal erfolgreich, mal erfolglos. Indem er sich diesmal lieber in Malta als in Deutschland angemeldet hat, hat er demonstriert, dass er ein internationaler und nicht nur ein deutscher Künstler ist. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen viel Erfolg, wo auch immer.
mw: Sind Sie mit dem Teilnehmerfeld insgesamt zufrieden? Meier-Beer: Sehr, denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten sind im Vorentscheid wieder viele große Namen der deutschen Charts versammelt. Wir haben also unsere professionellen Hürden zu Recht erhöht. Und Viva hat seine enorme Leistungskraft für die deutsche Musikszene unter Beweis gestellt. Am beeindruckendsten ist jedoch, dass sich die deutschen Musiker gemeinsam engagieren, damit einer von ihnen die deutsche Musikszene kompetent im Ausland vertritt. Zu diesem Engagement gibt es eine Fülle weiterer Informationen, für die ich auf unser Internet-Angebot www.eurovision.de verweise.
mw: Wie geht es mit dem deutschen Siegertitel weiter? Meier-Beer: Der deutsche Siegertitel wird am 15. Mai 2004 auf der Bühne von Istanbul mehr als hundert Millionen Zuschauer erreichen. Das Erste überträgt die größte Unterhaltungsshow der Welt wieder live von 21 bis 24 Uhr. Deutscher Kommentator in Istanbul ist erneut – fachkundig und unterhaltend zugleich – NDR-Moderator Peter Urban.
mw: Erstmals gibt es ein internationales Halbfinale. Wozu? Meier-Beer: Dem internationalen Finale am Samstag haben wir erstmals ein internationales Halbfinale am Mittwoch vorgeschaltet, damit endlich alle interessierten Länder teilnehmen können. Im vergangenen Jahr waren viele Länder ausgeschlossen, und dennoch platzte das Finale mit 26 Teilnehmern aus allen Nähten. Dieses Jahr haben sich 36 Länder angemeldet, die alle zum besonderen Reiz des Eurovision Song Contest beitragen: traditionsreiche und neue, westliche und östliche, große und kleine, glückliche und erfolglose.
mw: Wieso ging es früher ohne Halbfinale? Meier-Beer: Anfangs hatten alle EBU-Mitglieder in einer Show Platz. Das war mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vorbei, als die EBU um neue osteuropäische Mitglieder erweitert wurde. Inzwischen umfasst die EBU 51 Länder, auch außerhalb Europas, zum Beispiel Israel und Marokko. Daher mussten beim Eurovision Song Contest zunächst in jedem Jahr mehrere Länder aussetzen. Erst mit dem Halbfinale können wieder in jedem Jahr alle interessierten EBU-Mitglieder teilnehmen.
mw: Wird das Halbfinale auch in Deutschland übertragen? Meier-Beer: Ja, denn die deutschen Fernsehzuschauer sollen mit abstimmen können. Das Halbfinale wird Mittwoch, 12. Mai 2004, ab 21 Uhr live nach Deutschland übertragen und wie das Finale von Peter Urban kommentiert. Weil aber das deutsche Zuschauerinteresse ohne deutsche Beteiligung niedriger sein dürfte, übertragt nicht das Erste, sondern „nur“ das NDR-Fernsehen, das aber überall in Deutschland per Satellit empfangbar ist.
mw: Wie wird abgestimmt? Meier-Beer: Die Entscheidungen liegen nur noch bei den Zuschauern. Die früher international vorgeschriebenen Jurys werden nur noch für Notfälle bereit gehalten, in denen die Zuschauerabstimmung nicht funktioniert.
mw: Sind die Ergebnisse wirklich korrekt? Meier-Beer: Nach allen Erkenntnissen ja. Wir können die Abstimmungsverläufe auf vielfältige Weise kontrollieren und gehen jedem Verdacht nach. Zwar gibt es immer wieder Manipulationsvorwürfe, doch kein einziger konnte je erhärtet werden. Gegen Dauerzweifler und Wichtigtuer ist allerdings kein Kraut gewachsen. Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass wir in den Fernsehsendern gar kein anderes Interesse haben können, als die Zuschauerentscheidungen so durchzusetzen, wie sie tatsächlich getroffen werden.
mw: Bestreiten Sie denn, dass viele Anrufer gar nicht durchkommen? Meier-Beer: Natürlich nicht, denn keine Zähltechnik hat unbeschränkte Kapazitäten. Aber für die korrekten Ergebnisse ist einzig entscheidend, dass alle Anrufer technisch die gleichen Chancen haben durchzukommen, egal für wen sie stimmen. Dies wird durch die beauftragten Firmen sichergestellt. Die Ergebnisse sind damit nach allen statistischen Erkenntnissen repräsentativ.
mw: Dennoch bleibt ein Unbehagen. Können Sie es zerstreuen? Meier-Beer: Natürlich halten alle Anrufer, die nicht durchkommen, ihr eigenes Votum für benachteiligt und bezweifeln damit das Gesamtergebnis. Dies ist aber eine kollektive subjektive Täuschung. Denn objektiv ist auch das Unbehagen repräsentativ auf alle Anrufer verteilt, weil sich die unberücksichtigten Stimmen genauso auf alle Wettbewerbstitel verteilen wie die berücksichtigten.
mw: Ist der Eurovision Song Contest überhaupt so wichtig? Meier-Beer: Er ist das größte gemeinsame Spiel Europas – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dazu sind die Spielregeln ernst zu nehmen. Aber wichtiger als Sieg oder Niederlage ist die Spielfreude. Also sollten wir zwar durchaus versuchen, gut abzuschneiden. Aber wenn andere erfolgreicher sind als wir, sollten wir als gute Europäer herzlich gratulieren. Und keinem noch so glücklosen Land unseren Respekt versagen.



