Musik

Nachgefragt: Bill Wyman

Bill Wyman, 31 Jahre lang ein Rolling Stone, heute Rhythm King und Restaurantbesitzer, verwendete für sein Buch „Bill Wyman’s Rolling Stones Story“ Tagebuchaufzeichnungen und seine Memorabilia-Sammlung, die er auf eine halbe Million Einzelstücke schätzt.

musikwoche.de: Warum haben Sie nicht mehr Songs für die Stones geschrieben?

Bill Wyman: In den Sechzigern sprachen Brian, Charlie und ich mit Mick und Keith darüber. Wir fanden es etwas unfair, dass alle Credits an Mick und Keith gingen. Doch Charlie und Brian blieben stumm, ich wurde niedergeschrien. Darauf habe ich das akzeptiert.

mw: Wie groß war Ihr Einfluss auf die Kompositionen der Stones?

Wyman: Wir haben viel geändert. „Satisfaction“ war anfangs eine Countryballade, das Bass-Riff von „Miss You“ war meine Idee, doch darunter stand stets Jagger/Richards. Charlie und ich waren immer da. Wir waren verlässlich und nüchtern, denn wir nahmen keine Drogen. Wenn die anderen ein bisschen stoned oder betrunken waren, sorgten wir dafür, dass die Band dennoch rockte.

mw: Gibt es Dinge, die Sie bereuen?

Wyman: Es war eine fantastische Zeit, aber es wurden viele Stunden verschwendet. Ich hatte Interesse am Produzieren, an Filmmusik, Fotografie und Archäologie, doch ich konnte kaum dergleichen tun, denn wir saßen im Studio und warteten auf die anderen. 1988 wurde Charlie gefragt, wie er seine Zeit bei den Stones sieht, und er antwortete in einem Satz: „Fünf Jahre Arbeit und 20 Jahre Warten.“

mw: Wie haben die anderen Stones auf ihre Soloprojekte reagiert?

Wyman: Sie haben sie ignoriert. Als ich „(Si Si) Je Suis Un Rock Star“ herausbrachte, fand Mick den Song „albern“, Keith ihn „großartig“. Vielleicht war Mick etwas neidisch, es war der einzige Nummer-eins-Solohit einesStones-Mitglieds.

mw: Sie galten als Womanizer. Mit Recht?

Wyman: Was soll man auf Tour sonst machen? Du sitzt in deinem Hotelzimmer und kannst nicht raus, weil Fans das Gebäude belagern. Dann klopft es an der Tür: „Kann ich reinkommen?“ Sex ist eine gesunde Angewohnheit, davon kann man keine Überdosis nehmen, von Drogen schon.

mw: Wie sehen Sie die Rolle von Brian Jones?

Wyman: Ohne Brian Jones gäbe es keine Rolling Stones. Vielleicht hätte es eine andere Band aus Dartford gegeben mit Mick und Keith und einigen Freunden. Brian gründete die Band, er fand den Namen, er wählte die Musik aus, Blues. Er schrieb an Veranstalter, um Arbeit zu bekommen, er schrieb an Magazine und Zeitungen, um Publicity zu erhalten, und er nahm die Mitglieder in die Band auf.

mw: Wann haben Sie begonnen zu sammeln?

Wyman: Ich habe schon als kleiner Junge gesammelt. Briefmarken, Münzen, Zigarettenkarten von Stars. Das mache ich immer noch, ich bin ein Sammler. Ich musste allerdings mehr Häuser kaufen, um alles unterzubringen, doch ich sage nicht, wo die sind. Das neue Buch enthält beinah alles aus meiner Sammlung und meinen Tagebüchern. Mein Co-Autor Richard Havers hatte die wenig beneidenswerte Aufgabe, den Text von sieben Millionen auf 270.000 Worte zu kürzen.

mw: Gibt es weitere Stones-Mitglieder, denen Sie den Titel Sir verleihen würden?

Wyman: Ich kenne viele Sirs, Paul McCartney, Bob Geldof, Roger Moore – aber ich nenne sie nicht so. Titel sind immer ungerecht. Die Stones bekamen nie Awards. Als Mick ein Sir wurde, war ich überrascht, denn er lebt nicht in England, sondern im Steuerexil. Tony Blair ist Jagger-Fan, als Kind imitierte er Mick, heute will er trendy sein.

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