musikwoche.de: Dieter Thomas Heck meinte vorab, das deutsche Grand-Prix-Publikum erwarte Schlager. Hat er Recht behalten? Jürgen Meier-Beer: Er hat mich für unsere angeblich geschmacklose Programmgestaltung öffentlich gerügt – als längst klar war, dass wir für das Fehlen provokanter Geschmacklosigkeiten mit Zuschauerverlusten würden büßen müssen. Nun deklariert er unseren Siegel-Titel als „Schlager“ – das wäre der erste englischsprachige deutsche Schlager. Solche Aussagen kann ich nicht mehr ernst nehmen.
mw: Heck bezeichnete den Sieger als einzigen geeigneten Festival-Beitrag. Bestätigt Siegels Erfolg die konservative Orientierung des Countdowns? Meier-Beer: Wir organisieren Zuschauerentscheidungen, weil diese im Bereich der Popmusik besser sind als Expertenmeinungen. Daher werden wir die Zuschauerentscheidung dieses Jahres so engagiert umsetzen, wie wir das mit jeder anderen Zuschauerentscheidung auch getan hätten und in den vergangenen Jahren auch immer getan haben. Hinter dieser Loyalität steht jeder Privatgeschmack zurück: der von Dieter Thomas Heck genauso wie mein eigener.
mw: Hat die temperamentlose Moderation von Axel Bulthaupt der Sendung geschadet? Meier-Beer: Axel Bulthaupt hat ausschließlich aus den Fanblöcken heraus moderiert und sollte dort als ruhender Pol wirken. Damit haben wir es ihm nicht einfach gemacht. Aber wegen einiger Fehler bei schwierigen Rahmenbedingungen werde ich mich nicht von ihm distanzieren. Selbst wenn er schlecht moderiert hätte, wäre das keine Erklärung für unsere diesjährigen Quotenverluste. Sonst hätte RTL mit „Deutschland sucht den Superstar“ doch überhaupt keine Einschaltquoten erzielen können.
mw: Werden Sie am Sendekonzept festhalten? Meier-Beer: Wie nach jeder Sendung wird auch beim „Countdown Grand Prix Eurovision“ alles kritisch überprüft. Allerdings ist zunächst festzustellen, dass wir keinen Flop gelandet haben, sondern vom Quotenknüller auf etwas über Normalmaß geschrumpft sind. Damit hätten wir auch gute Gründe, zufrieden zu sein. Ansonsten gibt es ein breites Spektrum von Möglichkeiten: es reicht vom kompletten Verzicht auf die Vorentscheidung – wie in den Jahren 1993 bis 1995 – bis hin zur Ausdehnung auf eine große Staffel.
mw: Wofür sind Sie selbst denn? Meier-Beer: Ich kann nur sagen, dass wir unsere zukünftigen Entscheidungen nicht nur auf die Einschaltquote ausrichten dürfen. Vielmehr müssen wir auch das Ziel im Auge behalten, einen chancenreichen Song für das internationale Finale zu finden. Letztes Jahr hatten wir gute Quoten, aber im internationalen Wettbewerb einen Misserfolg. Diesmal hatten wir eine nicht so gute Quote – vielleicht werden wir aber im internationalen Wettbewerb mit einem Erfolg belohnt.
mw: Schließen sich denn Qualität und Quote aus? Meier-Beer: Zu den Quotenerfolgen trug immer auch ein gewisser Ekelfaktor bei. Ich vermisse ihn nicht, denn langfristig hat man nur mit Qualität eine Chance. Allerdings waren wir jahrelang Spitzenreiter mit der am meisten emotionalisierenden deutschen Musikshow. In dieser Hinsicht hat uns der RTL-„Superstar“ überholt, weil man mit einer Serie stärker emotionalisieren kann als mit einem Einzel-Event. Aber ein serieller Ansatz verbraucht sich auch schneller, wie es letztes Jahr die „Popstars“ erleben mussten.
mw: Sind Sie enttäuscht? Meier-Beer: Ja, denn trotz aller Nüchternheit bin ich auch ein Mensch mit Gefühlen. Aber nachdem ich mich berappelt habe, konnte ich wenigstens feststellen, dass wir mit fast unbekannten Namen immer noch eine erstaunlich quotenstarke Show zustande gebracht haben.
mw: Ihre Wünsche für 2004? Meier-Beer: Erstens, dass der internationale Grand Prix die Königsklasse der Musikwettbewerbe bleibt. Zweitens wollen wir weiterhin zu den beteiligten Ländern gehören. Drittens wollen wir immer wieder neu den Publikumsgeschmack treffen, ohne dabei jemals zu stagnieren.
Geschafft…
… hat es mal wieder Ralph Siegel: Er hat mit Lou und dem Song „Let’s Get Happy“ den diesjährigen Vorentscheid zum Grand Prix Eurovision gewonnen und vertritt Deutschland am 7. Mai im lettischen Riga. Lou setzte sich in der Endrunde mit 38 Prozent aller Stimmen durch. Außerdem erreichten die Formation Beatbetrieb („Woran glaubst Du“) und Kanzler-Imitator Elmar Brandt („Alles wird gut“) die Endrunde der Abstimmung – Beatbetrieb mit 31,63 Prozent aller Stimmen und Elmar Brandt mit 30,37 Prozent. Senaït („Herz aus Eis“) landete auf Rang vier, weitere Platzierungen gab der NDR nicht bekannt. „Let’s Get Happy“ stieß in ersten Pressereaktionen auf wenig Begeisterung. So schrieb beispielsweise „Spiegel online“: „Mit ihrer Wahl haben die Zuschauer dafür gesorgt, dass Deutschland es im Mai beim Länderwettkampf in Riga sehr schwer haben wird.“ Beißende Kritik kam auch von Dieter Bohlen: „Es ist doch bezeichnend, wenn jemand, der seit 15 Jahren keinen Treffer hatte und nicht einmal in den Single-Charts war, mit einer Nummer gewinnt, die wie von 1952 klingt. Der ganze Grand Prix bräuchte dringend ein Ganzkörperlifting“, gab er der Zeitung „Welt am Sonntag“ zu Protokoll. Siegel hingegen zeigte sich auf der Pressekonferenz nach dem Vorentscheid ungewohnt zurückhaltend: „Mit einem bisschen Glück werden wir in Riga hoffentlich eine bessere Platzierung bekommen als im Vorjahr“, erklärte der Komponist und Produzent. Die Einschaltquote des Vorentscheids lag bei 5,64 Millionen, der Marktanteil bei 18,1 Prozent – gegenüber dem Vorjahresergebnis von 8,7 Millionen (26,7 Prozent Marktanteil) ein deutlicher Rückgang.



