Musik

Nachgefragt bei Marc Bell und Dagmar Obernosterer

Mit dem Lied „Dort auf Wolke 7“ schrieben sie den Siegertitel des diesjährigen Grand Prix der Volksmusik für das Nockalm Quintett und Stefanie Hertel. Im Gespräch mit musikwoche.de berichten Dagmar Obernosterer und Marc Bell über ihre Erfahrungen.

musikwoche.de: Sie haben in diesem Jahr den Grand Prix der Volksmusik gewonnen, gleichzeitig auch den dritten Platz gemacht und waren bereits vor zwei Jahren Sieger. Haben Sie ein besonderes Rezept, diesen wichtigsten Wettbewerb volkstümlicher Musik zu gewinnen?

Marc Bell: Ein sicheres Rezept gibt es keines. Wenn man aber übers Jahr hindurch verfolgt, wie das Publikum auf diverse Künstler anspricht oder auch nicht, kann man sich die eine oder andere Möglichkeit für den Grand Prix ausdenken.

mw: Vor zwei Jahren gewannen für Sie Oswald Sattler und Jantje Smit, in diesem Jahr das Nockalm Quintett und Stephanie. Lässt sich daraus schließen, dass Duos eine sichere Kapitalanlage sind, eine Art Gewinn-Garantie? Kommt es also darauf an, dass man möglichst prominente Sänger zusammenbringt, um zu gewinnen?

Dagmar Obernosterer: Nur bedingt. Denn es gibt viele Beispiele, dass auch prominente Interpreten beim Grand Prix gescheitert sind. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass es sich um einen Wettbewerb mit vier Ländern handelt, von denen jedes einzelne eine andere Vorstellung davon hat, was Volksmusik oder volkstümliche Musik ist. Judith und Mel haben in Deutschland alles gewonnen, was nur geht. Den Grand Prix konnten sie gar nicht gewinnen, weil ihre Mentalität außerhalb Deutschlands nicht angenommen wurde.

mw: Haben Sie auch für den Wettbewerb im nächsten Jahr eine Kombination zweier erfolgreicher Interpreten vor?

Bell: Ob wir wieder mitmachen, ist gar nicht so sicher. Wenn man bedenkt, was die Deutsche Jury in diesem Jahr ausgewählt hat, müsste einem die Lust am Grand Prix vergehen.

mw: Für manche Beobachter waren die Ladiner, die den zweiten Platz gemacht haben, die eigentlichen Sieger des Grand Prix 2002. Dabei kannte außerhalb von Südtirol kaum jemand die beiden Herren. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Bell: Ehrlich gesagt, waren die Ladiner die größte Konkurrenz für das Nockalm Quintett. Das wussten wir schon, seit wir den Titel das erste Mal hörten. Publikumsnäher kann ein Lied gar nicht sein. Und die Stimme des Sängers war einzigartig. Außerdem trug die allgemeine Stimmung unter den Menschen gerade in dieser schweren Zeit wesentlich zum Erfolg bei.

mw: Wie sollte der Grand Prix in seinem 18. Jahr veranlagt werden, damit er der Aufgabe, die sein Erfinder und die beteiligten Sender von Anfang an an ihn gestellt haben, gerecht wird – nämlich neue Interpreten mit neuen Liedern zu etablieren, um die Volksmusik von dem Altenheim-Image zu befreien?

Obernosterer: Diese Frage kann man so nicht gelten lassen. Bedenken sie doch, daß wir seit zehn Jahren bis auf wenige Ausnahmen nur neue Gesichter hatten. Die letzten Sieger waren allesamt Newcomer, und auch in diesem Jahr hatten wir viele Grand-Prix-Neulinge. Von einem Altenheim-Image kann daher keine Rede sein. Aber was nützen uns neue Interpreten, die nicht einmal die Grundausbildung für einen Auftritt mitbringen? Die Zeiten, wo jeder nur Hallo sagen muss, damit er ein Star wird, sind gottseidank vorbei. Außerdem wird der Grand Prix schon lange von der Industrie missbraucht, um Pop- oder Schlagerleichen wieder auferstehen zu lassen.

mw: Karl Moik hat in einem Interview gesagt, dass die Lieder in den letzten Jahren Eintagsfliegen sind und dass Konstellationen, wie Sie sie beispielsweise mit Stephanie und dem Nockalm Quintett etabliert haben, praktisch nur den einen Zweck haben, den Grand Prix zu gewinnen. Ist der Grand Prix eine Veranstaltung zur Förderung von Eintagsfliegen?

Bell: Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, was Karl Moik dazu sagt. Außerdem verstehe ich die Frage gar nicht, denn wozu sind Wettbewerbe denn überhaupt da? Aber ich entschuldige mich gern bei Herrn Moik dafür, dass wir zweimal gewonnen haben.

mw: Eine der erfolgreichsten Autorinnen des deutschsprachigen Volksmusikgeschäfts, Hanneliese Kreißl-Wurth, beteiligt sich nicht mehr am Grand Prix, weil sie glaubt, die Jurys seien sowieso nicht bereit, originelle und aus dem Rahmen fallende Themen zu akzeptieren. Was sagen Sie zu dieser Kritik? Halten Sie sie für berechtigt?

Obernosterer: Es ist schade, dass sich Frau Kreißl-Wurth nicht mehr beteiligt, denn sie war eine großartige Denkerin und in vielen Dingen immer einen Schritt voraus.

mw: Was schlagen Sie vor, wie sich die Jurys zusammensetzen sollten? Mit Vertretern der Industrie oder mit Autoren? Oder sollen Disponenten der Schallplattengeschäfte die Entscheidung treffen, welche Lieder ausgewählt werden?

Obernosterer: Über die Jury-Entscheidungen wird man sich nie einigen können, genauso wenig über deren Besetzung. Eine für alle zufriedenstellende Lösung gibt es nicht. Allerdings sollte an der TED-Wertung nicht gerüttelt werden.