musikwoche.de: Fanden Sie die Volksmusik und volkstümliche Musik bei der Echo-Verleihung 2002 angemessen präsentiert?
Hans R. Beierlein: Soweit sich die Preisträger aus dem Bereich Volksmusik bei der Echo-Verleihung wie ungeliebte, weil übelriechende Verwandte aus Galizien fühlen müssen, gehindert werden ein Lied zu singen und von einem Teil des Publikums ausgebuht werden, finde ich die Präsentation der Echo-Preisträger aus dem Bereich Volksmusik schon seit Jahren nicht angemessen. Die Zusammenfassung von Volksmusik, Schlager und Crossover zu einem Kriterium entspricht in etwa der Zusammenfasssung der Bereiche Jazz, HipHop und Hardrock und kann nur als Ausdruck empfunden werden, dass man Interpreten aus diesen Bereichen als Preisträger zweiter oder dritter Klasse empfindet.
mw: Halten Sie es denn nicht für sinnvoll, im nächsten Jahr eine separate Echo-Verleihung für Volksmusik/volkstümliche Musik zu veranstalten und diese im Rahmen einer TV-Show zu senden?
Beierlein: An sich gibt es eine solche Sendung mit den Preisträgern aus dem Bereich Volksmusik und volkstümliche Musik bereits, nämlich die „Krone der Volksmusik“. Diese Veranstaltung unterscheidet sich von der Echo-Verleihung allerdings deutlich. Sie hat nämlich drei Millionen Zuschauer mehr. Trotzdem: Wenn die Phono-Akademie eine eigene Veranstaltung zur Auszeichnung der Preisträger der Volksmusik und volkstümlichen Musik planen sollte und dadurch die Toleranzbereitschaft eines Teils des Echo-Auditoriums nicht überstrapazieren will, kann ich einer solchen Veranstaltung absolut Gutes abgewinnen.
mw: Welchem Sender würden Sie am meisten Kompetenz für eine derartige Show zutrauen?
Beierlein: Wie gesagt ist die Volksmusik nicht darauf angewiesen, bei der Echo-Verleihung ein Untermietverhältnis einzugehen. Dennoch gibt es kein ernsthaftes Argument, eine solche Veranstaltung nicht zu akzeptieren, wenn die Phono-Akademie in Kauf nimmt, dass sie mit der Volksmusik-Verleihung einen größeren Publikumszuspruch hat als mit der von der Volksmusik erfolgreich befreiten normalen Echo-Verleihung. Ich fürchte, dass RTL nicht allzu große Lust verspürt, eine solche Veranstaltung ins Programm zu nehmen, es sei denn auf einem nicht optimalen Sendeplatz. Sowohl ARD als auch das ZDF verfügen bereits über Veranstaltungen dieser Art, die ARD mit der „Krone der Volksmusik“ und das ZDF mit dem „Grand Prix der Volksmusik“. Daraus ist messerscharf zu entnehmen, dass beide Sender für eine derartige Veranstaltung in Frage kommen. Es wird nun darauf ankommen, wem die Phono-Akademie ein Angebot macht und wie gut sie dabei beraten wird.
mw: Wie müsste Ihrer Meinung nach das Konzept einer solchen Veranstaltung aussehen, um eine möglichst breite Wirkung bei Publikum und Medien zu erzielen?
Beierlein: Es müsste eine Sendung sein, die nicht allein Preisträger aufruft und sie dann singen lässt; es müsste ein wenig mehr an Ideen investiert werden.
mw: Wovon würden Sie unbedingt abraten?
Beierlein: Dass diese Veranstaltung eine 1:1-Übernahme der Echo-Dramaturgie wäre.
mw: Oder sollte die Echo-Verleihung besser im Rahmen einer bereits existierenden Show stattfinden?
Beierlein: Auch darüber kann gesprochen werden. In Frage kämen dabei allein die Sendungen „Krone der Volksmusik“ und „Super-Hitparade“.
mw: Warum wird Volksmusik in den Medien noch immer so oft diffamiert?
Beierlein: Stammtisch und WG existieren nun einmal. Ich wage zu bezweifeln, dass es der Volksmusik besser ginge, wenn sie weniger diffamiert werden würde. Sie lebt nämlich auch dank der Heruntermache in manchen Medien ganz ausgezeichnet. Eigentlich sollte man ihr wünschen, dass sie darauf nicht verzichten muss.


