musikwoche.de wollte wissen: 1. Wie wird Ihr Unternehmen versuchen, den Anteil nationaler Signings am Gesamtumsatz zu erhöhen? 2. Warum war ausgerechnet im deutschen Markt der Anteil an nationalem Produkt in den Jahren bis 2001 rückläufig?
Gregor Stöckl, Managing Director Virgin Music: 1. „Den Anteil an lokalem Repertoire müssen wir dringender denn je steigern. Leider war 2002 da bei uns etwas dürftig. Seit dem einen Jahr, in dem ich für Virgin verantwortlich bin, konnten wir neben RZA und Edyta originär vier neue Acts lokal unter Vertrag nehmen. Insbesondere vom schwedischen Duo Itchycoo versprechen wir uns mittelfristig weltweite Erfolge, ebenso von der Sängerin Maya Saban im deutschsprachigen Bereich. Generell lautet mein Anspruch in diesem Repertoire-Bereich: Wäre die lokale Abteilung ein eigenes Profitcenter, müsste es schwarze Zahlen schreiben können. Das wäre der erste Schritt, danach muss im Laufe der Zeit ein respektabler Umsatzanteil erarbeitet werden.“
- „Die Branche selbst und die an uns angelehnten Medien haben in der Vergangenheit leider den oft großen Worten keine Taten folgen lassen, was nationales Produkt betrifft. Die Radio- und TV-Landschaft ist eines der größten Konfliktfelder. Erst mit Gallionsfiguren wie Herbert Grönemeyer oder Xavier Naidoo schaffen wir es, dass die Entscheider bei den Medien wieder ernsthafter und verantwortungsbewusster über deutschsprachige Musik nachdenken. Aber immerhin tut sich langsam etwas bei den Radios. Außerdem ist ein leichtes Umdenken in der Musikbranche spürbar. Labels, Verlage und Managements haben erkannt, dass nicht mehr so viel Geld im Markt ist wie früher. Die Folge: Es wird bewusster gesignt.“
Katharina Aliaga Leiva, Director A&R/Marketing BMG: 1. „Wir wollen den Anteil nationaler Signings zum einen durch optimale und intensive Arbeit mit unseren aktuellen Künstlern erhöhren, um das bestehende Umsatzpotenzial voll auszuschöpfen. Zum anderen werden wir weiterhin in neue Signings investieren. Jedes lokale Signing muss mit 150 Prozent Einsatz bearbeitet werden. Ich halte viel von einer gesunden Mischung aus kurzfristigen und trendorientierten Projekten, strategischen Medienkooperationen im konzeptionellen Bereich und vor allem langfristigem Künstleraufbau. Mit unserem Repertoire sind wir für das Jahr 2003 gut aufgestellt. Wir konzentrieren uns auf Künstler, die musikalisch und durch ihre Persönlichkeit Starpotenzial haben. Damit sichern wir uns auch mittelfristig und langfristig eine erfolgreiche Zusammenarbeit.“
- „Nationales Produkt und seine Möglichkeiten sind nach wie vor sehr stark, aber es gibt immer wieder Schwankungen. Das hängt auch mit der Anzahl und der Qualität der internationalen Veröffentlichungen zusammen. Die DSDS-Veröffentlichungen haben gezeigt, dass die Kaufkraft der Konsumenten auch außerhalb der klassischen Musikmedien geweckt werden kann. Dieses Interesse zu halten und auszubauen ist eine Chance, die wir für alle Repertoirebereiche wahrnehmen wollen. BMG hat sich immer durch ein starkes lokales Repertoire ausgezeichnet – ob im Pop oder im Schlager – und war dadurch auch in der Lage, Schwankungen im internationalen Produktbereich auszugleichen. Entgegen dem Markttrend hat BMG im nationalen Produktsegment keine rückläufige Entwicklung zu verzeichnen. Im Gegenteil: BMG ist nach wie vor Marktführer im Pop-Domestic-Bereich.“
Bernd Dopp, President Warner Music: 1. „Die Frage müsste eigentlich lauten: Ist es überhaupt erstrebenswert, angesichts der dramatischen Marktentwicklung und der mit nationalen Signings verbundenen, erheblichen Kosten, den Anteil am Domestic-Umsatz auszubauen? Wir sind der Meinung, dass diese Strategie richtig ist. Die Erfolge von Grönemeyer, Nena und dem ‚Steuersong‘ belegen deutlich, dass gerade deutschsprachige Künstler die Konsumenten besonders emotionalisieren. Die gegenwärtige Marktsituation zwingt uns allerdings dazu, weniger Singles zu veröffentlichen und unsere Politik der Fokussierung – das heißt Konzentration von Manpower und Budgets auf weniger VÖs – stärker zu verfolgen. Wir setzen beim Künstleraufbau nicht nur auf den schnellen Erfolg, sondern wir geben unseren Künstlern Zeit, um ihr Talent zu entfalten. Warner Music Germany konnte im vergangenen Jahr die Stellung als eine der ersten Anlaufstellen für Produzenten, Künstler und Songwriter erheblich ausbauen. Insbesondere durch Labeldeals, die wir mit Gang Go, Eimsbush und Superstar geschlossen haben, werden wir unsere nationale Performance in diesem Jahr weiter signifikant steigern.“
- „Leider wird seit geraumer Zeit versucht, den Verlust von A&R-Kompetenz durch Marketingdruck und hohe Veröffentlichungsschlagzahl zu kompensieren. Das ist sicher nicht der richtige Weg. Wir wollen diesen marketinggetriebenen A&R-Ansatz nicht total verteufeln, nur darf das schnelldrehende Hit-Geschäft nicht zu Lasten unserer Hauptaufgabe gehen: Nationale Künstler, die alle Anlagen für eine langlebige Karriere mitbringen, entdecken und sorgfältig aufbauen. Generell fehlt es einfach an medialen Plattformen. Der Erfolg von ‚Deutschland sucht den Superstar‘ hat gezeigt, dass solche Themen vom Konsumenten angenommen werden, allerdings lässt das Interesse der Zuschauer meist schon bei der zweiten Staffel merklich nach. Das Fehlen von Plattformen für nationale Newcomer-Acts ist in der deutschen Funklandschaft noch beklagenswerter. Ich kann nur hoffen, dass unsere Forderung nach einer Radioquote bald Früchte tragen wird. Warner Music ist mit den demnächst erscheinenden Alben der vielversprechenden deutschen Newcomer-Acts Tape, Cosmo und Patrick Nuo sowie mit den Alben von Seeed und The Beatsteaks bestens für die Herausforderungen des Domestic-Marktes gerüstet.“
Petra Husemann, Managing Director MotorUrbanDefJam Group (MUD): 1. „Bei MUD ist im Bereich Motor Music konstantes Arbeiten und Weiterentwickeln unserer nationalen Künstler an oberster Stelle. Neue Bands sind ebenfalls gesignt. So setzen wir große Hoffnungen auf Virginia Jetzt!, die sich wie einst Sportfreunde Stiller bereits eine veritable Fanbase erspielt haben und im April debütieren. Zudem schauen wir über die Grenzen hinweg und binden große Talente zum Beispiel aus Skandinavien wie die Whyte Seeds an uns. Kurzum: Im Bereich Motor ist die A&R-Arbeit noch intensiver geworden, um schneller Erfolge erzielen zu können, zudem werden die Investments den Marktgegebenheiten mehr und mehr angepasst, so dass wir nach wie vor in der Lage sind, eine Band über einen längeren Zeitraum aufzubauen. Denn Motor ist nun mal nicht der Bereich, der für ‚television made superstars‘ steht – sondern für die ‚handmade superstars‘. Im Bereich Urban wurde die Anzahl der Titel für den Clubbereich erhöht und neue Strömungen aufgegriffen wie Elektro bei Düse. Nach wie vor werden aus großen Clubhits bei Urban schnell ernsthafte Projekte aufgebaut – just geschehen mit Sylver.“
- „Man kann feststellen, dass es in unserer Medienlandschaft für deutsche Produktionen und insbesondere deutschsprachige Produktionen kaum Unterstützung gibt. Zudem gab es erst mit Techno und dann mit HipHop zwei große Jugendbewegungen, die das nationale Produkt nach vorn gebracht haben. Ein solcher Trend ist momentan auch nicht zu erkennen. Es wird sicher einige Jahre dauern, bis sich da etwas Neues entwickelt, um eine neue Jugendbewegung entstehen zu lassen. Aus beiden Bewegungen sind keine Superstars hervorgegangen – vielleicht abgesehen von den Absoluten Beginnern. Überhaupt waren die 90er-Jahre im Nachhinein betrachtet wohl das Jahrzehnt, in dem am wenigsten große Künstler etabliert wurden. Das spiegelt sich jetzt natürlich im Markt wieder, denn unsere festen Künstlergrößen sind fast alle über vierzig und ein Überbleibsel aus den späten Achtzigern. Techno hat halt keinen Grönemeyer hervorgebracht und auch kein Rammstein. Das können wir auf die Schnelle kaum ändern, aber im A&R-Bereich ist viel Nachholbedarf.“
Boris Löhe, Managing Director Sony Music Domestic: 1. „Wir agieren auf verschiedenen Ebenen: Wir schaffen kurzfristiges Wachstum über schnelldrehendes Pop- und Dance-Repertoire. Daneben bauen wir Künstler in den Genres Pop, Rock und anderen Marktsegmenten auf. Durch unsere eigenen wie auch durch die A&R-Aktivitäten der angeschlossenen Labels erreichen wir eine Repertoire-Bandbreite, die nur wenige Nischen auslässt. Einen weiteren wichtigen Focus bildet die Anbindung an erfolgreiche Medienplattformen.“
- „Dass nationales Repertoire rückläufig ist, kann man so nicht sagen. Der Domestic-Anteil ist im Jahr 2002 gegenüber 2001 ja wieder deutlich gestiegen. Zum anderen war 2001 das Umfeld für den lokalen Markt schwierig. 2002 konnten wir nach unserer Strukturreform, die den Bereich Domestic ganz bewusst gestärkt hat, die Zahl der lokalen Newcomer nahezu verdoppeln. Insgesamt gilt: Das lokale Produkt ist im Kommen. Auch für 2003 rechnen wir mit weiterem Zuwachs. Die Sehnsucht nach einer Identifikation mit lokalen Künstlern wird größer, und zwar quer durch die Genres. Sprache und räumliche Nähe werden für den emotionalen Zugang zum Künstler immer wichtiger.“
Evelyn Junker, Director A&R Capitol Music: 1. „Wir werden weiter mit der Konzentration auf hochkarätige Produktionen wie das neue Pur-Album im September, ein neues Live-Album von Reinhard Mey im Mai sowie Mathias Reim mit einer neuen Produktion im Juni auf unserem durchaus bewährten Kurs fortfahren. Mit Veröffentlichungen wie ASD, Samajona oder Beam vs. Cyrus bauen wir im jungen Segment ebenfalls unser Standbein aus.“
- „Auch wenn der Anteil des nationalen Produkts im Jahr 2002 sicher durch den immensen Erfolg von Herbert Grönemeyer bestimmt war, sollte es nicht darüber hinweg täuschen, dass sich die Situation für lokale Newcomer dramatisch darstellt. Durch kaum vorhandene Medienkanäle ist es extrem schwierig, für neue Künstlern eine Fanbindung zu schaffen. Das betrifft nicht nur das Radio, sondern auch den TV-Bereich, wo eine musikalische Plattform nach der anderen abgesetzt wird. Es ist Fakt, dass ohne die mediale Unterstützung nur wenige Newcomer den Duchbruch schaffen können, und die etablierten lokalen Künstler veröffentlichen auch keine neue Alben im Jahrestakt.“
André Selleneit, Managing Director BMG Berlin: 1. „Die BMG in Deutschland hat traditionell einen nationalen Anteil, der deutlich über dem Marktdurchschnitt liegt, und dies war bereits in den Jahren 2001 und 2002 so. Durch unsere Aktivitäten mit ‚Deutschland sucht den Superstar‘ wird mit Sicherheit in diesem Jahr weiterhin unsere Performance weit über dem Durchschnitt liegen. Natürlich hat uns der schwierige Markt der letzten zwei Jahre dazu gezwungen, uns wesentlich mehr zu fokussieren, denn die Anlaufinvestitionen für Domestic Repertoire lassen derzeit nicht viele Fehler zu.“
- „Ich denke, dass unsere neue Struktur bei BMG und speziell der Focus unserer Berliner Firma nur auf nationales Repertoire sehr viel Neues und Interessantes hervorbringen wird. Die Radioquotendiskussion aller Majors ist ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Aufmerksam beobachten wir verschiedene Szenen und suchen nach neuen Trends, die in den letzten Jahren gefehlt haben, um einen Sog für nationales Repertoire zu erzeugen.“


