Musik

MusikWoche-Dossier: Weltmusik – Balkan, Bollywood und Bossa Nova

Deutschland nach dem Kuba-Boom. An die Stelle eines Megatrends sind in der Weltmusik viele einzelne Strömungen getreten. So erfreuen sich neben der musikalischen Weltsprache Reggae die drei großen B – Balkan, Brasilien und Bollywood – unverminderter Beliebtheit. Während Brasilien aufgrund der Fußballweltmeisterschaft bald im Brennpunkt der Aufmerksamkeit steht, hat der Bollywood-Sender RTL II auch 2006 indische Filme als festen Posten in seinem Programm gebucht.

“Indien ist in, doch mit diesem Erfolg haben wir nicht gerechnet“, freut sich Christian Arndt. „Dank der Programmpolitk von RTL II hielt sich ‚The King Khan‘ im vergangenen Herbst zwölf Wochen in den Longplay-Charts und kletterte bis auf Platz 35.“ Stattliche 50.000 Exemplare wurden von der Compilation mit Shah Rukh Khan bislang abgesetzt. Auch der aktuelle Nachfolger „The King Khan Vol. 2″(Local Media, Vertrieb: AL!VE) tat es seinem Vorgänger gleich und enterte umgehend die Albumcharts. „In Kooperation mit RTL II konnten wir auch mit der Filmmusik zu ‚Mohabbatein‘ fünfstellige Verkaufszahlen erreichen“, so der Inhaber von Peacelounge Recordings/Local Media in Frankfurt. Der Exklusiv-Deal mit Saregama, einer der größten Plattenfirmen Indiens, war für Arndt zweifellos ein Glückstreffer. Denn die Charterfolge aller Soundtracks ranken sich stets um einen Namen. „2005 war bei uns definitiv das Jahr von Shah Rukh Khan“, betont Joyce Mariel, Pressesprecherin bei RTL II. „Der indische Schauspieler bescherte uns traumhafte Einschaltquoten mit bis zu 2,33 Millionen Zuschauern.“ Mit Khan als Kassenmagneten konnte RTL das Thema Bollywood nachhaltig in der deutschen Programmlandschaft etablieren. „Ursprünglich waren die Filme aus Indien für RTL II nur ein Experiment, da sie aufgrund ihrer Überlänge und des Musical-Charakters eigentlich den Sehgewohnheiten der Zuschauer widersprachen“, verrät Mariel. Inzwischen baut der TV-Sender auch dieses Jahr wieder auf das indische Kino – mit durchschnittlich einem Streifen pro Monat, jeweils am Wochenende und zur Prime Time. Nebenbei dient eine ganze Filmindustrie auch als Transportvehikel für exotische Sounds. Dass dabei ein einziger Schauspieler als Aushängeschild für die Musik seines Volkes fungiert, wäre in anderen Ländern undenkbar. „Die Popularität von SRJ, wie er in Fankreisen genannt wird, ist einmalig“, stellt Arndt fest. „Er ist Generationen-übergreifend bei Kindern, Müttern und Großmüttern beliebt. Rund um seine Filme werden Partys gefeiert. Und es existieren Foren im Internet, die diese Filme diskutieren.“ Wer aber sind die Fans von Shah Rukh Khan, die in Deutschland seine Filme sehen und dazu die Soundtracks kaufen? „Wie wir aus dem Handel wissen sind das überwiegend junge Frauen mit einem Migranten-Hintergrund“, berichtet Arndt. „Jedenfalls ist es ein überwiegend weibliches Thema, das aber Frauen quer durch alle Gesellschaftsschichten anspricht.“ Nach einer langen Anlaufphase, deren Beginn der Film „Monsoon Wedding“ markierte, erreichte der Bollywood-Boom 2005 seinen vorläufigen Höhepunkt. „Doch das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht“, behauptet Arndt. Mit „One 2 Ka 4“ und „Saathiya“ kommen bereits im Mai zwei brandneue Soundtracks von A. R. Rahman jeweils zur TV-Premiere in die Läden. Zugleich wurde dem „Mozart aus Madras“ mit „Introducing A. R. Rahman“ auf dem Label beatScience (Vertrieb: rough trade) eine eigene Doppel-CD gewidmet – in einer Reihe mit weiteren Klassikern wie dem Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, dessen Neffen Ananda Shankar und dem traditionellen Meister-Flötisten Chaurasia. Dazu Arndt: „Rahman ist ein veritabler Hitlieferant und in Indien als absolutes Genie anerkannt. Als Tamile ist er in Bollywood eigentlich ein Exot – ein Moslem, der für das Hindu-Kino arbeitet. Doch er gilt völlig zurecht als wichtigster Komponist und zwar nicht nur für Filmmusik. Rahman schrieb auch die Songs für die beiden Musicals „Bombay Dreams“ und „Lord Of The Rings.“

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden