Schon jetzt steht fest: Der Konzertsommer 2006 wird ein ganz besonderer. Einen Monat lang regiert König Fußball mit seiner Weltmeisterschaft das Geschehen in und um die deutschen Veranstaltungsstätten. Die Promoter sind dennoch zuversichtlich, dass vor und nach den Titelkämpfen eine erfolgreiche Saison absolviert wird. @0:Zwischen dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM am 9. Juni in München und dem Finale einen Monat später in Berlin wird sich in Deutschland (fast) alles um das Spiel mit dem runden Leder drehen. Auch auf den sonstigen Veranstaltungssektor hat das Großereignis Auswirkungen. Während der Titelkämpfe – und vereinzelt auch schon im Vorfeld – sind die WM-Stadien von der FIFA geblockt. Der Fußball-Weltverband richtet zudem an allen zwölf Spielorten offizielle Fan-Feste aus, in deren Rahmen z. T. auch bekannte Pop- und Rock-Acts auftreten. Oftmals können diese Events gratis oder mit deutlich billigeren Ticketpreisen als bei „regulären“ Konzerten angeboten werden, da die FIFA die technische Infrastruktur an den Fan-Fest-Orten bezahlt. „Da wird sich der Zuschauer fragen, warum er bei dem nächsten Konzert einen hohen Eintritt bzw. überhaupt Eintritt bezahlen muss“, gibt Alex Richter von Four Artists zu bedenken. Nicht zuletzt dürfte es gerade für Veranstalter kleinerer Sommer-Events schwierig sein, gegen die geballe Fußball- und Entertainment-Übermacht in Konkurrenz zu treten. „Der Konzertsommer wird wegen der WM noch stärker selektiert“, sagt Klaus Maack von Contour Music. „Das Publikum wird sich in Anbetracht der vielen kostenlosen Konzertangebote nur für wirklich außergewöhnliche Events entscheiden.“ Die besondere Situation in diesem Sommer erfordere auf einigen Seiten Zugeständnisse. So wandert das von Contour veranstaltete Reggae-Festival Summerjam von seinem traditionellen Termin am ersten Juli-Wochenende, der sich diesmal mit dem Endspiel überschneiden würde, auf den 14. bis 16. Juli. Ossy Hoppes Wizard Promotions hat die Tournee von Bon Jovi in den Mai vorgezogen, um nicht mit der WM zu kollidieren. Vor allem die entscheidenden Spieltage des Fußball-Wettbewerbs sind ein Tabuthema für fast alle Veranstalter. „Man kann nicht gegen Viertel-, Halbfinale oder Finale veranstalten“, stellt Henning Tögel von Moderne Welt fest. Auch Folkert Koopmans hat sich mit FKP Scorpio eine Konzertabstinenz für die letzten vier WM-Spieltage auferlegt. Manchmal bleibt aber auch keine andere Wahl. „Wir haben die vermeintlich wichtigen Termine versucht zu berücksichtigen, was allerdings auch nicht in allen Fällen funktioniert hat“, berichtet Björn Gralla von Contra Promotion. „Jetzt kann ich nur hoffen, dass Deutschland nicht ins Halbfnale kommt“, schmunzelt der Bochumer Veranstalter. An anderer Stelle rechnet man mit „mehr oder weniger einem Monat Pause“, wie Michael Löffler von Target Concerts erklärt. „Davor und danach ballt sich alles und frisst sich gegenseitig die Zuschauer weg.“ Die Karsten Jahnke Konzertdirektion in Hamburg ist als Koordinator des Musikprogramms für das Fan-Fest in der Hansestadt aktiv und hat auch einige Künstler an sonstige WM-Events vermittelt. Dennoch blickt man nicht wirklich optimistisch auf die Auswirkungen der Fußball-Großveranstaltung. „Aus der Sicht des Konzertveranstalters wird sich die WM eher negativ auswirken, da wir während der WM so gut wie keine Veranstaltungen anbieten können“, sagt Christian Gerlach, General Manager der Karsten Jahnke Konzertdirektion. „Das Zusatzgeschäft durch WM-Aktivitäten wird dies nicht ausgleichen können.“ Insgesamt sei die anfängliche „Goldgräberstimmung“ schnell der Ernüchterung gewichen. „Sämtliche Bookings für den Sommer haben sich extrem verzögert, weil auf Veranstalterseite erst nach den Spielauslosungen gebucht wurde, die WM-Event-Veranstalter sich nur extrem langsam entscheiden und die Künstler-Managements und -Agenturen hoch pokern“, führt Gerlach aus. Auch wenn die Fußball-WM zu vielen Konzessionen und Beeinträchtigungen im Konzertgeschäft führen wird, sind sich doch die meisten Veranstalter in einem Punkt einig: Die Termine für das Weltturnier stehen seit geraumer Zeit fest, eine enstprechende Vorbereitung und Koordination der eigenen Aktivitäten war möglich. „Wir sind grundsätzlich davon ausgegangen, dass sämtliche Promotion- und Marketingkampagnen bis Mitte Mai ihren Höhepunkt erreicht haben müssen“, sagt Mario Mendrzycki von Triple M Entertainment. „Ab dann wird es aufgrund der Dominanz von,König Fußball‘ schwer werden durchschlagende mediale Aufmerksamkeit zu generieren.“ Auch Veranstalter Manfred Hertlein geht davon aus, „dass sich jeder Veranstalter bewusst ist, dass die FIFA Fussball WM das Highlight des Jahres 2006 ist und jeder dementsprechend dieses bei der Buchung künstlerabhängig berücksichtigt hat.“ Marek Lieberberg zeigt sich ebenfalls pragmatisch. „Die WM-Termine sind seit langem bekannt“, so der Frankfurter Impresario. „Wir vermeiden Spieltage und präsentieren Künstler – wenn überhaupt – nur an fußballfreien Tagen oder im Rahmen der lokalen WM-Events.“ Björn Gralla sieht für die Veranstalter, die sich gut auf die Terminsituation vorbereitet haben, keinen Grund zur Besorgnis. „Wer aber versucht, auf der WM-Welle mit mittelmäßigem Programm mitzureiten, der wird sich sicherlich eine blutige Nase holen“, gibt er aber zu bedenken. Negative Auswirkungen auf das allgemeine Interesse an Konzerten erwarten vor allem die großen Veranstalter nicht. „Die Vorverkaufszahlen für Veranstaltungen in diesem Zeitraum sind sehr vielversprechend“, sagt Folkert Koopmans, der zur WM-Zeit u. a. die Festivals Hurricane und Southside und die Tournee des britischen Senkrechtstarters James Blunt an den Start bringt. Auch für Ossy Hoppe ist eine drohende Übersättigung des Publikums „nicht ersichtlich, zumindest wenn man sich die Verkaufszahlen von Robbie Williams oder Bon Jovi anschaut.“ Auch „viele andere Tourneen oder Einzelkonzerte wie z.B. Metallica, Eros Ramazzotti, Eric Clapton usw. verkaufen sich sehr gut“, so der Wizard-Chef. Manfred Hertlein setzt während des Fußball-Monats auf zwei En-Suite-Produktionen mit Max Raabe und dem Palast Orchester in Hannover und dem Cirque Éloize in München. „Cirque Èloize ist ein neue Thema, welche ich langfristig am deutschen Markt platzieren möchte“. Hermjo Klein bringt mit ACE Placido Domingo für seine einzigen beiden einzigen Deutschlandkonzerte nach Hamburg (2. Juli) und nach Berlin, wo der Tenor am 7. Juli mit Anna Netrebko und Rolando Villazón beim Open Air von DEAG Classics in der Waldbühne auftritt. „Falls die deutsche Mannschaft wirklich weiterkommt und eine Euphorie durch Deutschland geht, wird dies nicht nur eine Werbung für den Fußball, sondern eine Werbung für alle Live-Events sein“, sieht der Frankfurter Veranstalter Klein mögliche positive Effekte. „Insofern wird sich eine tolle Stimmung auch positiv auf den gesamten Live-Sektor auswirken.“ Marek Lieberberg sieht für sein Pfingst-Festival Rock am Ring/Rock im Park (2. bis 4. Juni), das wenige Tage vor dem WM-Beginn stattfindet, ebenfalls große Perspektiven. „Ein Jahrhundertprogramm“ werde man am Nürburgring und in Nürnberg präsentieren, wozu er in beiden Städten ausverkaufte Gelände erwarte. Insgesamt geht auch er von einem positiven Einfluss der WM auf die sonstigen Sommer-Veranstaltungen aus. „Große Ereignisse lösen wechselseitig positive Impulse aus“, so Lieberberg. Noch konkreter wird Peter Schwenkow von der DEAG, der sich „höhere Abendkassen durch die Hunderttausenden von WM-Besuchern“, verspricht. „In unseren Varietés spüren wir die Nachfrage internationaler Touristen schon jetzt.“ Schwenkow selbst ist mit seiner Firma umfassend ins WM-Geschehen involviert. Neben dem oben erwähnten Klassik-Open-Air veranstaltet DEAG Fußballfeste in Berlin und anderen Städten. Trotz der allgemein positiven Stimmung hat die WM für einige Veranstalter ganz konkrete, negative Auswirkungen. So musste die Karsten Jahnke Konzertdirektion ihre traditionelle Open-Air-Saison im Hamburger Stadtpark fast ausschließlich auf die Monate Juli und August konzentrieren. „Natürlich ist es trotz der vielen Schwierigkeiten ein besonderes Highlight, die Fußball-WM im eigenen Land zu haben, und es ist ein Privileg, bei dem wichtigsten Public Viewing in Hamburg als Host City der WM mitwirken zu können“, räumt Christian Gerlach dennoch ein. Four Artists muss hingegen auf sein erfolgreiches Open Air, das MTV Hip Hop Open in Stuttgart, in diesem Jahr komplett verzichten. „Wir haben an unserem Wunschtermin keine Genehmigung bekommen, da wir in unmittelbarer Nähe zum Stadion liegen“, erkärt Alex Richter. Dennoch hat der Veranstalter seinen Humor nicht verloren. „Für meine Kollegen und mich wird sich die WM dahingehend auswirken, dass wir weniger arbeiten und mehr Fußball schauen“, blickt er voraus. „Ich habe mir vorgenommen, kein Spiel zu verpassen. Das erwarte ich auch von meinen Kollegen & Kolleginnen.“ Auch Hermjo Klein outet sich als bedingungsloser Fan: „Ja, ich habe es vermieden an Spieltagen Konzerte zu veranstalten, zugegebenermaßen aber auch aus rein egoistischen Gründen: Ich will die Spiele selber sehen.“ Unter dem Strich gehen die Veranstalter von einem weiteren erfolgreichen Geschäftsjahr aus, auch wenn einige mahnende Stimmen unter den positiven Prognosen auszumachen sind. „2006 wird wohl ein eher schlechteres Jahr für die freien Konzertveranstalter, die WM wird einen gehörigen Anteil vom aufzuteilenden Kuchen wegschnappen“, sagt Klaus Maack. „Es ist eigentlich eine ziemlich logische Sache: Die Bevölkerung hat ein bestimmtes Budget für Entertainment zu Verfügung. Je mehr Großveranstaltungen am Markt sind, desto mehr wird dieses Gesamtbudget aufgeteilt werden. Diese Sicht teilt auch Henning Tögel: „Die WM wirkt sich auf den Kartenverkauf nachteilig aus, weil Kaufkraft abgezogen wird.“ Er sieht Moderne Welt aber mit guten Vorverkäufen für die Status-Quo-Tournee und Konzerten mit u. a. Art Garfunkel, Alan Parsons Live Project und Joshua Kadison für den Sommer gut aufgestellt. Auch für das Gesamtjahr herrscht Optimismus vor. „Wir konsolidieren uns auf der Ebene der Sensationszahlen von 2005“, so Tögel. Ebenfalls von einem erfolgreichen Jahr gehen Ossy Hoppe und Marek Lieberberg aus, wobei letzterer sogar prognostiziert, dass „die ersten sechs Monate bereits alle Erwartungen erfüllen“. Folkert Koopmans erwartet für FKP Scorpio „eine Umsatz- und Gewinnsteigerung in allen Segmenten“, während Peter Schwenkow schon ganz konkrete Größenordnungen für die DEAG vor Augen hat. „Wir erwarten eine Steigerung des Umsatzes um mindestens 30 Prozent und der Gewinn sollte sich mindestens verdreifachen.“ Mario Mendrzycki freut sich vor allem auf einen neuen Act. „In Kooperation mit MLK haben wir soeben Englands kredibelste und vielversprechendste Newcomerin Corinne Bailey Rae verpflichtet“, berichtet der Triple-M-Gründer. Für das gesamte Segment Live Entertainment fällt auch sein Blick in die Zukunft vielversprechend aus. „Die Prognose für den Gesamtmarkt 2006 sehe ich positiv. Festivals und Großereignisse von Robbie bis Depeche Mode über Bon Jovi zu Naidoo und Madonna werden neben anderen Events für ein erfolgreiches Jahr sorgen.“
MusikWoche-Dossier: Live Entertainment
Schon jetzt steht fest: Der Konzertsommer 2006 wird ein ganz besonderer. Einen Monat lang regiert König Fußball mit seiner Weltmeisterschaft das Geschehen in und um die deutschen Veranstaltungsstätten. Die Promoter sind dennoch zuversichtlich, dass vor und nach den Titelkämpfen eine erfolgreiche Saison absolviert wird.


