Musik

MusikWoche-Dossier: Live Entertainment

Angesichts des schwächelnden Tonträgermarkts gewinnt der Bereich Live Entertainment seit Jahren stetig an Bedeutung. Diskussionsbedarf ist jedoch auch hier gegeben: GEMA, Steuerrecht, sich verändernde Zielgruppen und die Rolle der Plattenfirmen sind nur einige Themen, die beim Seminar „Die Zukunft von Live-Entertainment“ auf der Tagesordnung stehen.

8 47/2005 dossier.live entertainment Zukunft von Live Entertainment in der Diskussion Livebiz als Lokomotive Nicht zuletzt nutzt die Live-Branche ihr Zusammentreffen, das am 1. Dezember in der Alten Oper in Frankfurt stattfindet, um einen ganz Großen ihrer Zunft zu ehren. Fritz Rau wird am Tag nach dem Seminar sein 50-jähriges Jubiläum als Konzertveranstalter feiern. Er lieferte auch die Anregung zur Veranstaltung: Aus seinem Plädoyer für eine Aufhebung der Trennung zwischen E- und U-Musik bei der GEMA-Ausschüttung, das er auf einer Mitgliederversammlung des Verbandes der deutschen Konzertdirektionen (VDKD) hielt, entstand die Grundidee zum Seminar, das die MBA Media Business Academy nun in Zusammenarbeit mit dem VDKD veranstaltet (siehe „Nachgefragt“). Standesgemäß wird Fritz Rau selbst mit einer Keynote zu seinen GEMA-Thesen die Veranstaltung eröffnen. Anschließend beleuchtet der Kongress unter dem Motto „Die Zukunft von Live Entertainment“ die Branche aus allen Blickwinkeln. So wird Klaus Doldinger den Stellenwert der Konzertbühne aus Sicht des Musikers und Komponisten darstellen. „Der Live-Auftritt, egal in welchem Rahmen, erscheint mir für einen Musiker und Komponisten unverzichtbar“, sagt Doldinger hierzu. Die Bedeutung von Auftritten habe sich im Lauf der Zeit eher noch verstärkt. Allerdings merkt der „Tatort“-Komponist und Passport-Chef kritisch an: „Man muss leider angesichts der Riesenmenge der Menschen, die sich heute im Bereich der Musik tummeln, auch feststellen, dass die Zahl derer, die eine überzeugende Live-Performance hinzulegen in der Lage sind, im Verhältnis zu vergangenen Zeiten nicht gleichermaßen gestiegen ist.“ Prinzen- Sänger Tobias Künzel sieht als Grundlage für eine überzeugende Performance vor allem Dinge, die man nicht unbedingt lernen kann. „Beim Live Entertainment geht es zuerst um Ausstrahlung und Talent, was dann durch entsprechendes Helfen eines Lehrers unter Umständen optimiert werden kann“, erklärt der Sänger, der unter München – Angesichts des schwächelnden Tonträgermarkts gewinnt der Bereich Live Entertainment seit Jahren stetig an Bedeutung. Diskussionsbedarf ist jedoch auch hier gegeben: GEMA, Steuerrecht, sich verändernde Zielgruppen und die Rolle der Plattenfirmen sind nur einige Themen, die beim Seminar „Die Zukunft von Live Entertainment“ auf der Tagesordnung stehen. 47/2005 9 live entertainment.dossier der Tonträgerindustrie? anderem als Gastdozent für Popmusik an den Universitäten in Halle-Wittenberg und Leipzig fungiert. Wichtig findet Künzel vor allem Toleranz und Respekt gegenüber den unterschiedlichen musikalischen Genres, die man durch eine musikalische Ausbildung fördern könne. „Ich habe schon klassische Musiker erbärmlich einbrechen sehen, als sie im Studio zu einem ganz normalen Schlagzeug-Groove spielen sollten“, so der Künstler. „Genauso kenne ich Popstars, die noch nie ein Sinfoniekonzert besucht haben. Beides finde ich sehr traurig.“ Welchen Stellenwert die Konzertbranche mittlerweile für die Musikindustrie hat, werden in Frankfurt Vertreter von Tonträgerfirmen, Konzertagenturen und Phonoverbänden diskutieren. „Der Live-Entertainment- Bereich ist sehr wichtig für die Entwicklung einer dauerhaften Künstlerkarriere und damit auch wichtig für die Musikindustrie“, urteilt Jörg Hellwig, Senior Vice President Ariola bei Sony BMG. „Nur ein dauerhaft auf der Bühne erfolgreicher Künstler wird auch nachhaltigen Tonträgererfolg haben.“ Allerdings sieht er die Plattenindustrie nach wie vor als Grundlage für den Erfolg von Künstlern. Rechtlicher Rahmen muss stimmen „Die Live-Entertainment-Branche ist massiv abhängig von den Tonträgerfirmen, die zunächst auf sich gestellt den Plattenerfolg erarbeiten müssen, danach engagieren sich dann die Veranstalter“, sagt Hellwig. „Beispiele für auf Live-Erfolg aufsetzende Tonträgererfolge kann ich in jüngerer Vergangenheit nicht entdecken.“ Auch Fitz Braum, Geschäftsführer von Four Music, sieht die Bedeutung des Segments Live Entertainment differenziert. „Für die nach wie vor wichtigsten Medien wie Radio und Fernsehsender spielt es kaum eine Rolle, wie sich das Live-Business entwickelt“, erklärt er. „Hier ist,Recorded Music‘ immer noch unangefochten das Nonplusultra.“ Für die Künstler selbst sei der Konzertbereich mittlerweile „die Einnahmequelle schlechthin“, beobachtet Braum. Ebenso dürften sich seiner Ansicht nach die Verlage und die GEMA freuen, dass es in diesem Bereich aufwärts geht. Den Zustand der Branche beschreibt er drastisch: „Für die Tonträgerindustrie spielt es keine Rolle, wer als neuer Pate am Grab steht, falls sie die Krise nicht überlebt.“ Die Tatsache, dass mit Four Artists eine Booking-Agentur quasi im eigenen Haus existiert, sieht Braum nicht als besonderen Vorteil für das Label. „Wir sind zwei unabhängig voneinander operierende Gesellschaften“, erläutert er. Generell sei aber „die Booking- Agentur mit dem Label im Rücken besonders gut aufgestellt“. Das Label profitiere außerdem nicht vom Live-Boom, „sondern ausschließlich die Booking-Agentur und damit auch unsere Künstler“. 3 Foto: Rock am Ring 10 47/2005 dossier.live entertainment Nicht zuletzt prägen auch rechtliche Rahmenbedingungen die Diskussion um den Stellenwert des Live Entertainment. Der Münchner Rechtsanwalt Johannes Kreile, der unter anderem als Justiziar des VDKD fungiert, wird beim Seminar in Frankfurt problematische Situationen erläutern und Tipps zur Bewältigung geben. „Live Entertainment will dem Publikum nationale und internationale Interpreten bieten, manche von ihnen haben wegen der steuerlichen Gesetzgebung in der Bundesrepublik Deutschland einen Weg um das Veranstaltungsland Deutschland gemacht“, führt Kreile aus. Er erinnert an Michael Jackson, der seinerzeit wegen der deutschen Ausländerlohnsteuer ein Konzert nach Prag verlegt hatte. „Auch wenn die Ausländersteuer nun von 25 auf 20 Prozent gesenkt wurde – viele Künstler verlangen Nettopreise; der Veranstalter muss den steuerlichen Aufwand hinzu rechnen“, berichtet der Anwalt. „Selbst wenn im Ausland viele Künstler mit ihrem Einkommen besteuert werden, steckt der Teufel oft im Detail der Doppelbesteuerungsabkommen.“ Auch bei der umsatzsteuerlichen Behandlung von Künstlern sieht Kreile immer noch großen Informationsbedarf. Orchester, Kammermusikensembles und neuerdings auch Einzelkünstler seien von der Umsatzsteuer befreit, wenn es sich um Orchester oder Kammermusikensembles des Bundes handelt. „Wochenlang haben wir versucht, für Dirigenten und Solisten die entsprechenden Bescheinigungen von den zuständigen Landesbehörden zu erhalten, und bis heute hat sich ein Erlass des Finanzministeriums in Nordrhein-Westfalen noch nicht überall herumgesprochen, dass auch Dirigenten zu denjenigen Künstlern zählen, die von der Umsatzsteuer befreit werden können“, erläutert Kreile ein typisches Problem. „Feinheiten wie die Neufassung des deutsch-polnischen Doppelbesteue- Nachgefragt bei Michael Russ: „Gewisse Grenze ist erreicht“ Über das Seminar „Die Zukunft von Live Entertainment“ sprach Jörg Laumann mit Michael Russ, dem Präsidenten des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen (VDKD). MusikWoche: Wie kam es zur Idee, das Symposium „Zukunft des Live Entertainment“ mit der MBA Media Business Academy zu veranstalten? Michael Russ: Bei der Mitgliederversammlung des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen vor zwei Jahren in München hat Fritz Rau eine flammende Rede gehalten, die die Trennung von U- und E-Musik zum Inhalt hatte. Außerdem sprach er sich für neue Entwicklungen und Differenzierungen aus. So kam es zur Idee des Symposiums „Zukunft des Live Entertainment“. Mit der MBA haben wir zudem bereits im Jahr 2003 ein gemeinsames Symposium zum Thema „Musik am Fördertropf. Freier Wettbewerb oder subventionierte Verdrängung?“ veranstaltet. MW: Ist die von der GEMA vorgenommene Trennung zwischen E- und U-Musik aus Ihrer Sicht noch zeitgemäß? Russ: Zunächst gibt es zwei verschiedene Tarifverträge im Bereich der U- und E-Musik, und es wird in Zukunft Ziel sein, einen einheitlichen Tarifvertrag für beide Musikrichtungen zu finden. Es gibt bereits die ersten Schritte in diese Richtung. MW: Welche weiteren Themen stehen für Sie aus VDKD-Sicht im Vordergrund? Russ: Es sind immer wieder steuerliche Probleme, die im Fokus stehen; natürlich die Künstlersozialversicherung, außerdem die Lärmschutzverordnung. Es muss aber auch über die Situation von Journalisten bei Konzerten in der BRD gesprochen werden. MW: Wie sind Sie aus VDKD-Sicht mit dem zu Ende gehenden Veranstaltungsjahr 2005 zufrieden? Russ: Im Bereich der klassischen Musik zeichnet sich ein gewisser Rückgang bei den Abonnementzahlen bundesweit ab. Ferner eine nicht weg zu diskutierende Überalterung in den Konzertsälen. Im Bereich der Unterhaltungsmusik hält der positive Trend an. MW: Ist der Live-Entertainment- Markt noch ausbaufähig, oder gibt es schon jetzt zu viele Shows und Konzerte? Russ: Es ist immer eine Frage des Angebots, und dies scheint mir in der Saison 2005/2006 ganz besonders groß und abwechslungsreich zu sein. Daher kann man nicht davon ausgehen, dass es zu viele Shows oder Konzerte gibt. Ich denke aber, mit dem bis zum heutigen Tag Angebotenen ist eine gewisse Grenze, ganz speziell beim Publikum, erreicht. MW: Was erwarten Sie vom Veranstaltungsjahr 2006? Was will der VDKD in der nahen Zukunft erreichen? Russ: Im Unterhaltungsbereich wird natürlich Robbie Williams im Jahr 2006 einen ganz außergewöhnlichen Erfolg in der Bundesrepublik haben. Aber auch Anna Netrebko wird gerade im klassischen Bereich für neue Zuschauerströme sorgen. Beide Namen stehen für eine generell gute Entwicklung im Veranstaltungsjahr 2006 in beiden Musiksparten. Dass der VDKD die Punkte, die ich zuvor bereits erwähnt habe, weiter voranbringen möchte, liegt auf der Hand. Zunächst aber steht das Symposium, das zu Ehren von Fritz Rau konzipiert wurde, im Vordergrund des Geschehens. Erwartet gute Entwicklung 2006: VDKD-Präsident Michael Russ Sie alle haben in ihrer täglichen Arbeit mit der Veranstaltungsbranche zu tun und beleuchten auf dem Seminar die die Musiker Klaus Doldinger und Tobias Künzel, die Labelmanager Jörg Hellwig (Sony BMG) und Fitz Braum (Four 47/2005 11 live entertainment.dossier rungsabkommens, das den Kulturaustausch mit polnischen Live-Orchestern schwieriger macht, seien hier nur am Rande erwähnt.“ Als weitere Themenfelder, zu denen Diskussions- und Aufklärungsbedarf herrsche, sieht der Justiziar unter anderem Bootlegging, die Versammlungsstätten-Verordnung und die Künstlersozialkasse. Live-Auftritt bleibt besonderes Erlebnis Nicht zuletzt will das Seminar in Frankfurt auch die „Zukunft von Live Entertainment“ in den Mittelpunkt rücken, wie bereits das Tagungsmotto ankündigt. Über den künftigen Stellenwert der Konzertbranche herrschen zwar durchaus geteilte Meinungen. Weitgehend einig sind sich die unterschiedlichen Vertreter der Musikindustrie aber darin, dass Live Entertainment nicht den Tonträgerbereich als Lokomotive ersetzen kann. „Die Tonträgerindustrie wird weiterhin entscheidend für das Aufspüren und Entwickeln von Talenten verantwortlich sein“, sagt Jörg Hellwig von Sony BMG. „Diesen Part sehe ich nicht in den Händen der Veranstalter, insofern glaube ich auch nicht an die Ablösung.“ Allerdings sei es auch eher unwahrscheinlich, dass sich Plattenfirmen in größerem Stil als Veranstalter engagierten. „Das Veranstaltungsgeschäft ist genau wie das Tonträgergeschäft sehr viel komplexer, als man vielleicht annimmt“, findet Hellwig. Mit einem saloppen „das machen wir jetzt mal selbst“ sei es da nicht getan. „Bessere Kooperation ist der erste Schritt, Beteiligungen sind denkbar, der Aufbau einer eigenen Veranstaltungsstruktur funktioniert aus meiner Sicht nur für auf bestimmtes Repertoire spezialisierte Indies“, zählt der BMG-Manager auf. Auch Klaus Doldinger sieht Potenzial für beide Bereiche. „Nur der Live-Künstler wird letztlich überleben“, betont er. „Der Tonträger, in welcher Form auch immer, wird als solcher allerdings auch überleben, so lange es Menschen gibt, die die Musik wirklich lieben.“ Für Tobias Künzel stellt der Live-Auftritt in jedem Fall immer wieder ein besonderes Erlebnis dar. „Die eigene Musik vor Publikum live zu spielen und zu singen und dann die spontane Reaktion sofort direkt zu bekommen, kann durch keine noch so hohe Tonträgerverkaufszahl ersetzt werden“, erklärt der Prinzen-Sänger. Fitz Braum von Four Music sieht die Zukunft der eigenen Branche eher kritisch, kann sich den Live-Bereich aber auch nicht als unmittelbaren Nachfolger vorstellen. „Solange es Talente gibt, die entdeckt werden wollen und in die man eine Menge Zeit und Geld investieren muss, um sie aufzubauen und sie unter anderem für das Live Entertainment interessant zu machen, wird es Firmen geben, die sich genau diesen Aufgaben stellen werden. Diese Firmen werden immer den Ton angeben“, sagt er. „Ob das noch die klassischen Plattenfirmen sein werden, darf bezweifelt werden. Ob allerdings die Live-Promoter Geld in den Aufbau von Newcomern stecken werden, ebenso.“ Jörg Laumann Die Zukunft von Live Entertainment Music Business zwischen iPod, Downloads und DVD Donnerstag, 1. Dezember 2005, Alte Oper Frankfurt – Hindemith Foyer 10.00: Begrüßung – Michael Russ, Präsident des VDKD 10.10: Auf den Brettern, die die Welt bedeuten …: Der Künstler hat das Wort – Klaus Doldinger 10.30: Keynote: Mahler contra Maffay? – Fritz Rau Fritz Rau überreicht den Teilnehmern signierte Exemplare seines Buches „50 Jahre Backstage“ 11.00: Marken, Märkte und Macher: Das Live-Biz aus Sicht der Industrie – Jörg Hellwig 11.30: Generation X: Die Zukunft von Live Entertainment aus Sicht der Veranstalter – Karsten Jahnke 13.45: „Ohne Musik wäre die Schule ein Irrtum“: Gedanken zur Musikausbildung – Tobias Künzel 14.15: Ein Romancier ergreift das Wort: Ist Deutschland immer noch eine Kulturnation? – Martin Mosebach, Schriftsteller 15.00: No Music ohne Legal Business – Prof. Dr. Johannes Kreile, Rechtsanwalt und Justiziar des VDKD 15.30: Musik, Unterhaltung, Unterhaltungsmusik gespielt oder gespeichert – Ein Ausblick und Einführungsvortrag von Prof. Dr. Wolfgang Sandner zur anschließenden Paneldiskussion mit Fitz Braum, Gerd Gebhardt, Jörg Hellwig, Folkert Koopmans, Tobias Künzel, Michael Russ und Peter Zombik Veranstalter: MBA – Media Business Academy, VDKD und Alte Oper Frankfurt Programm und Anmeldung: MBA – Media Business Academy Tel.: 0 89/4 51 14-339 Mail: [email protected] Weitere Infos unter: www.m-mba.de Entertainmentbranche aus ihrem persönlichen Blickwinkel heraus (v.l.n.r.): Konzertveranstalter Fritz Rau, Music) sowie Rechtsanwalt Johannes Kreile (VDKD)

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