dossier.lieblingslieder 8 23/2005 dossier.lieblingslieder Texte zum Soundtrack des Lebens Radio Foto: www.robodesign.ro lieblingslieder.dossier 23/2005 9 lieblingslieder.dossier Es gibt sie zwar noch, die Verfechter des Albumkonzepts: Sie argumentieren im Geist der späten Sechziger, dass sich der wahre Künstler nur im Rahmen eines Songzyklus, eines Albums, verwirklichen kann. Doch der Siegeszug des Internet, von Tauschbörsen und Downloadshops hat die Dimensionen wieder zurechtgerückt: Denn am Anfang war der Song; alles andere war und ist Verkünstelung und Vermarktung. Und deshalb hat jeder Musikliebhaber mindestens einen Lieblingssong. George Lindt machte aus dieser Erkenntnis eine Geschäftsidee und gründete in Berlin das Label Lieblingslied Records. Er sagt: „Jeder hat seiner Freundin oder seinem Freund schon mal eine Kassette mit seinen Lieblingsliedern aufgenommen oder eine solche geschenkt bekommen. Dies ist das Konzept von Lieblingslied Records.“ Unter diesem Aspekt hat Lindt bereits das Doppelalbum „Protestsongs.de“ mit 43 ebensolchen aus Deutschland veröffentlicht, außerdem mit „Liebe und Herzschmerz“ ein Package aus Buch und CD mit Liedern und Texten zum Thema. Ebenfalls als Tandem kommt der jüngste Titel, „Mein Lieblingslied“, daher: Im Buch schreiben deutsche Autoren und Musiker über ihre Favoriten; die CD dazu enthält neben drei Videoclips die Songs, um die es geht – von Nick Cave, Depeche Mode, Elvis Costello, Wir sind Helden, Faith Hill, John Cale und vielen anderen. Ohne CD erscheint eine zweite Buchveröffentlichung, die unter dem Titel „Mein Song“ 100 Autoren und Musiker von dem Lied erzählen lässt, das aus dem Soundtrack ihres Lebens nicht mehr wegzudenken ist. Die Bände ergänzen sich: Während „Mein Song“ mit Beiträgen von Elke Heidenreich, Wolfgang Niedecken, Herman van Veen oder Reinhard Mey eher die älteren Semester bedient, gibt sich „Mein Lieblingslied“ in Auswahl und Tonalität jünger. Leseprobe gefällig? Bitte umblättern. Leidenschaft München (gil) – Einen Lieblingssong hat jeder. Für Judith Holofernes von Wir sind Helden ist es „Hallelujah“ von Leonard Cohen; Roger Willemsen nennt als seinen Song „Nothing Compares 2 U“ von Sinead O’Connor. Warum gerade diese Stücke? Das erzählen Holofernes und Willemsen in MusikWoche. 3 Mein Lieblingslied – Songs und Stories; Lieblingslied Records/ Krüger Verlag; ISBN 3-8105- 1130-7; 252 Seiten; CD mit 13 Songs und drei Videoclips; 16,90 Euro Bestellmöglichkeit für den Tonträgerhandel: annette.- [email protected], Tel.: 069 / 60 62 – 341 www.fischerverlage.de, www.lieblingslied-records.de Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens (herausgegeben von Steffen Radlmaier); ars vivendi verlag; ISBN 3-89716-534-1; 382 Seiten; 19,90 Euro www.arsvivendi.com 10 23/2005 dossier.lieblingslieder Mein Lieblingslied hat mich hinterrücks überfallen, an einem Ort, an dem man sich vor solchen Anfechtungen eigentlich sicher fühlt: in einem Multiplexkino, zwischen knisternden, füßescharrenden Prä-Jugendlichen. Auf der Leinwand weinte ein Oger, weil er dachte, dass die hübsche Frau ihn nicht liebe, dabei war doch die Hübsche selbst eine Ogeresse und fragte sich ihrerseits, ob er sie seinerseits vielleicht nicht liebe. Dazu sang ein Mann in völlig genre-unangemessener Ernsthaftigkeit die folgenden Worte: „They say, there was a secret chord, that David played and it pleased the Lord, but you don’t really care for music, do you?“ Eigentlich nichts dabei, oder? Aber diese Zeile, eigentlich nur die letzte, fasste mir in meinen Brustkorb und verknotete alles, was zu finden war. Und dann sang der Mann ein Halleluja, das so wenig jubiliert, dass es einem das Blut gefrieren lässt. „It’s a cold and it’s a broken Hallelujah.“ Und ich habe ein bisschen geweint, nicht um das grüne Ungetüm, für das ja alles gut werden würde, sondern um den Mann, für den nie etwas richtig gut werden würde, und um mich und all meine Traurigkeiten in einer Nussschale. Ich versuchte, dem Text so weit ich konnte zu folgen, während ein heulender Oger durch mein Blickfeld tobte. Eigentlich verstand ich nicht, warum der Mann so traurig war. Nur so viel: Jemand liebte seine Liebe nicht so wie er, etwas war schief gegangen und kaputt, und der Mann sang weiter sein Halleluja. In dem Moment im Multiplex bohrte sich die Stimme des traurigen Mannes durch mein Herz und nagelte mich an meinen Sitz, sodass ich den ganzen Abspann über sitzen bleiben musste. Um herauszufinden, dass der Traurige John Cale war. John Cale mit dem klugen, traurigen Hundegesicht und dem Klavier. Mein geduldiger Begleiter, gewöhnt an mein euphorisches Beim-Abspann-sitzen-bleiben-wegenenorm- wichtiger-Musik, lächelte milde. Judith Holofernes über „Hallelujah“ But you don’t really care for music, do you? Diesmal ist es anders, sagte ich ihm, diesmal ist es Liebe. Im Internet fand ich noch am gleichen Abend heraus, dass der Hundegesichtige wiederum die Traurigkeit von einem noch Traurigeren geborgt hatte, nämlich von Leonard Cohen, wen hätte es verwundert. Genauso wenig verwundert war ich, als ich nach einigen Recherchen feststellte, dass Cohen beim Original alles dafür getan hatte, die Tiefe und die Verzweiflung des Textes durch tonlosen Gesang und hypermotivierte Synthesizer auszugleichen. Die folgenden Monate begleitete mich dieses Lied, besonders gerne auf dem Fahrrad, in der Dämmerung, und versorgte alle Schmerzen, die dicht genug an der Oberfläche herumlungerten. Auch ohne tobenden Oger sollte es aber noch ein Jahr dauern, bis ich mich dem Kern des Liedes auch nur angenähert hatte. Nicht, dass ich jemals sagen würde, ich habe es verstanden, ganz, bis aufs Letzte, und zwar so, wie Herr Cohen es gemeint hat. Wahrscheinlich hat er nicht „gemeint“, dazu sind doch Lieder selten da. Aber ich für mich habe vielleicht verstanden, was mich daran so berührt. „But you don’t really care for music, do you?“ Schon das alleine: einer, der seine große Liebe alleine lieben muss. Und in der Musik, die er alleine liebt, dem Halleluja, das er trotzdem singt, ist doch alles drin: alle Ergebenheit, aller Glaube an die Liebe, an das Gute, an Größe und Wahrheit. Und dazu alle Zerknautschtheit, alles Schiefgehen, alles Kaputte, alle Verlassenheit der Welt. „And even though it all went wrong, I’ll stand before the Lord of Song, with nothing on my tongue Luja, sagt sie, Halleluja singt er: Judith Holofernes und John Cale 23/2005 11 lieblingslieder.dossier but Hallelujah.“ Ja genau, ich auch. Wochen später stellte mir Joachim Hentschel von „Rolling Stone“ die EINE FRAGE, die auf dieser Welt nur Musiker und Musikjournalisten interessiert: Welches Lied würde ich auf meiner Beerdigung spielen lassen? „Hallelujah“, schoss ich heraus, und dann überlegte ich es mir anders. Das möchte ich hier festgehalten haben: doch nicht „Hallelujah“. Ich will niemanden trauriger machen, als er schon ist. Und ich möchte doch gerne glücklicher sein als das, wenn ich sterbe. Vielleicht ist bei mir ja gar nicht so viel schief gegangen, sieht eigentlich ganz danach aus. Eigentlich ist mein Halleluja gar nicht zerbrochen. Ich überleg mir was anderes. Zwei Tage später steh ich nachts vor der Frittenbude vor der Columbiahalle, zusammen mit Pola, unserem Booker Ben und seiner, meiner Freundin Tina, und warte auf den Bus. Auf den Bus, von dem ich träume, seit ich dreizehn bin: der Doppeldecker- Schlafbus, der mich mitnehmen wird auf die erste richtige Tour. Ein großes Gefühl in meiner Brust wartet auf ein fahrendes Zuhause. Und gerade, als wir anfangen zu frieren und trotz der wärmenden Gefühle alles ein bisschen doof zu werden beginnt, kommt aus dem quäkigen Frittenbudenradio mein „Hallelujah“, für mich. Und es geht so schnell vorbei, dass ich kaum Zeit habe, die anderen mit der nötigen Dringlichkeit am Ärmel zu ziehen und sie zu zwingen, es auch zu lieben. Deshalb kommt es danach noch mal. Ehrlich. Andere Version. Und danach noch eine. Diesmal von Jeff Buckley. Und dann noch eine. Und noch eine. Eine Stunde lang. Ein Zauber. Ein Kuss und ein Segen für meine erste Tour, so viel ist mal sicher. Es war eine dieser Radio-Eins-Sendungen, wo sie 60 Minuten lang das gleiche Lied spielen, in allen möglichen Version. Sie holten mich während der verhunzten Leonard- Cohen-Version, der mit den 80 Extrastrophen. „Luajah, sog I“, dachte ich, und stieg in meinen Bus. In come the girls, ja? Die Mädchen, die mit rückenfreien Kleidern in den halbdunklen Klassenraum geschlendert kommen, ja? Und jemand legt „Come Together“ auf oder „Samba Pa Ti“, und die Mädchen bleiben stehen, weil sich von den Wänden gleich mehrere Silhouetten lösen und in einem nur lässig wirkenden, aber peinlichen Ritual der Abschleppung schiebt man die Frau auf die Tanzfläche, ja, schiebt die flache Hand in den schweißnassen Rückenausschnitt, schiebt das Knie wie absichtslos zwischen ihre Beine und wartet, dass ihr Kopf gegen deine Brust, deine Schulter, jedenfalls gegen deinen Körper fällt, und du das Mädchenparfüm riechen kannst, während sie zur Musik den Griff wechselt und die Umarmung enger fasst? Ja? Von da aus ist es nicht mehr weit, und das Lied, das zum Soundtrack dieser wenig verführerischen Verführung wurde, ist ein Fanal, eine Hymne, eine Titelmusik für die Romanze, die sich jetzt anschließt, eine Musik, der man dankbar ist, glaubt man doch, sie habe ihren Zweck erfüllt, dabei hat sie gar keinen Zweck, aber dieser Song zu der Situation, ja, der soll dann das eigene Leben verändert haben? Ja? Nein. Das erste Lied einer Beziehung? Das letzte? Das posthume? Man fährt im Liebeskummer durch eine Gebirgslandschaft und hört dreißigmal hintereinander „Tears In Heaven“? Das ändert gar nichts, verschärft nur dieses widerliche „Candle In The Wind“-Gefühl, das man immer noch einmal umadressieren kann. Musik ist so korrupt, so ein wolkig hochschäumendes Gefühl sorgt schon dafür, dass sie passt. Ob dein Kind aus dem Fenster fällt, ob deine Geliebte mit einem anderen in Ferien fährt, traurig traurig, sagt der Popsong, nichts zu machen, sagt der Popsong, und noch ein paar Jahre und man hat das Mädchen vergessen oder die Frau und den Song und die Erregung und trotzdem steht man noch immer auf der Apfelsinenkiste an Speaker’s Corner und sagt: Dieser Popsong hat mein Leben verändert. Und nebenan steht Dieter Bohlen und sagt „Brother Loui Loui Loui hat ein Mädchen aus dem Wachkoma geholt.“ Ach nein. „Dream on“.Wenn eine so schwerfällige Masse wie das Leben verändert werden soll, dann Roger Willemsen über „Nothing Compares 2 U“ Do not disturb! 3 Reagierte verstört: Roger Willemsen Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Krüger Verlags 12 23/2005 dossier.lieblingslieder geschieht es meist in kleinen Schritten, mit Nuancen der Verschiebung auf der nach unten offenen Skala der Desillusionen. So eine Veränderung kommt ohne Ausrufezeichen und Großaufnahmen und Gewitter am Himmel aus, vielmehr dreht man sich später um und staunt über die feine, nur graduell spürbare Verschiebung, die trotzdem nie wieder rückgängig gemacht werden kann. Das Leben verändert sich meist unmerklich, vor allem, wenn ein Song dabei eine Rolle spielt. Popmusik hat mich ernsthaft kaum je interessiert und mein Geschmack war entsprechend. Ich hörte durcheinander John Mayall und Procol Harum, John Lee Hooker und Canned Heat, Frank Zappa und Leon Russell. Dann hörte ich nichts mehr. Am Horizont kündigte sich die schlimmste Erfindung des letzten Jahrzehnts an, die Boygroup, und ein paar der langweiligsten Individuen der westlichen Kulturgeschichte generierten Kuschelrock, Trennungspop, HipHop zum Träumen, und dieses zweckhafte Zurichten von Werken und Strömungen griff über. Bald gab es „Seneca für Gestresste“ und den Dreiklang „Vivaldi, Peeling, Neuer Duft“. Musikalisch hieß das: Die Industrie nistete sich in den Harmonien ein, und was einmal Jugendkultur gewesen war, ergraute musikalisch zu Richard Clayderman mit EGitarre. Ich erinnerte mich an Janis Joplin, Jimi Hendrix, Frank Zappa, Keith Moon und andere geradlinige Selbstzerstörer, fühlte mich alt, wandte mich John Coltrane, Bill Evans, Charles Mingus und Miles Davis zu und wurde nur manchmal, eher zufällig, von der gegenwärtigen Popmusik gestreift. Und dann war eines Tages ein Gesicht im Fernsehen, ein Gesicht, gefräßig vor einem Mikrophon, das Gesicht einer androgynen, in jeder Hinsicht maßlosen Sängerin, die Ernst machte, furchtbar Ernst. Fassungslos verfolgte ich den Ausbruch dieses Ernstfalls in einem Gesicht, dem man – sang es nicht gerade – so viel Expressivität nicht zugetraut hätte. Denn dieses Gesicht war rein wie die Stimme, asketisch, irgendwie zölibatär und nach innen konzentriert. Der erste Ausbruch von vielen, die noch kommen sollten, zog alle Aufmerksamkeit auf sich: „Nothing Compares 2 U“ hieß der Song. Prince hatte ihn für eine namenlose Irin geschrieben, deren fast glatzköpfige Physiognomie bildfüllend auch das Video beherrschte, und, ja, während ihrer Performance weinte sie. Das war krass, wie man damals noch nicht sagte, aber krass war es, und das vor allem, weil es etwas Nicht-Simulierbares war, etwas Nicht-Gefälschtes, Ungeschütztes, und fast hätte man mit Blick auf die umliegende Popmusik gesagt: Moment, so war das nicht gemeint. Sinead O’Connors Erscheinung auf dem Planeten Pop wurde von eingeweihten Kreisen mit so viel Widerwillen quittiert wie Rainald Goetz, als er sich mit dem Messer beim Klagenfurter Wettbewerb die Stirn ritzte und das organisierte Feuilleton aufschrie. Gerade eher spießig lebenden Zeitgenossen fällt es bei solchen Gelegenheiten nur ein, von „PR“, von „Marketing“ zu reden. Ihnen macht man nichts vor. Deshalb erkennen sie auch kein Echtes. Ich kannte eine Frau, die kotzte über Sinead O’Connor, hielt deren Verzweiflung für künstlich reproduzierbar, unterstellte Kalkül und fand eigentlich, das gehöre sich nicht in der clean moralisierten Welt des Pop (denn es gibt ja in wenigen Sparten der Kultur so viel politische Korrektheit, so viel Fundamentalismus wie in der Popmusik). Die Frau ist heute Yoga-Lehrerin und hat nie etwas hervorgebracht, das nur von Ferne an das Urfeuer in Sinead O’Connors Auftritt erinnerte, aber bezeichnenderweise will sie auch nicht, dass es existiert. Die Sängerin wiederum sollte von den ersten Bildern an fast alles tun, um sich in der Öffentlichkeit zu verzehren und zu zerstören, und das nicht in der Absicht, sich besser zu verkaufen, sondern weil sie zwischen Anliegen, Einfällen, Selbstentblößungen, fixen Ideen, spirituellen Ahnungen, Innigkeiten, Provokationen, lauter unfesten Formen einerseits und einer gigantischen Industrie der Vervielfältigung andererseits, keine Übersetzung fand. Ihre weiteren Auftritte waren ähnlich und machten klar, dass sie den Bereich Die Lieblingssongs der MusikWoche-Redaktion Dietmar Schwenger (DVD/ Media): „Gypsy“ – Fleetwood Mac (Album: „Mirage“) Norbert Schiegl (Redaktionsleiter): „Walk On By“ – Isaac Hayes (Album: „Hot Buttered Soul“) Jörg Reckhaus (Grafik): „Dogs“ – Pink Floyd (Album: „Animals“) Norbert Obkircher (Producer): „Milez Is Dead“ – Afghan Whigs (Album: „Congregation“) Katarina Kezeric (Biz/Online): „Ederlezi“ – Goran Bregovic (Album: „Time Of The Gypsies“) Daniela Gutfleisch (Biz/Online): „Blindfold“ – Morcheeba (Album: „Big Calm“) Frank Medwedeff (Live Entertainment): „Genesis Hall“ – Richard Thompson (Album: „Small Town Romance“) Manfred Gillig-Degrave (Chefredaktion): „Spider And I“ – Brian Eno (Album: „Before And After Science“) Gesicht einer maßlosen Sängerin: Sinead O’Connor 23/2005 13 lieblingslieder.dossier des viel beschriebenen „Authentischen“ nicht mehr verlassen würde. Das war riskant, auch peinlich, denn so ist Emotionalität in der Popindustrie nicht gemeint, nicht als Dauererregung, nicht als Zustand einer Überhitzung, in der eine Sängerin dauernd meint, das Wichtigste, das Brennende mitzuteilen. Weiß sie denn nicht, dass das auch für das Publikum anstrengend ist? Weiß sie nicht, dass man nicht dauernd ein schlechtes Gewissen haben möchte, angesichts ihres heiligen Zorns? Weiß sie nicht, dass komisch wirkt, wer dauernd seelenvoll ist? Doch zumindest jetzt hätte jeder sehen müssen, dass sie echt war, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil sie die Kraft hatte, sich zu schaden. Inzwischen versuchte ich, ihre Auftritte nicht zu verpassen, suchte in ihrem Gesicht, dieser Grimasse der Anstrengung und Abweichung. Wer sagte, dass sie die Öffentlichkeit hinter ihre Fahne bringen wollte? Wer sagte, dass sie Gefolgschaft wollte? Jede trostlose Boyband wird fraglos akklamiert und gefeiert für ihr opportunistisches Leben im Dienst der Öffentlichkeit. Aber die hier, die sich überhaupt traute, abweichende Standpunkte zu vertreten, die sei ihres Nicht-Seins, ihrer Existenzberechtigung in der Öffentlichkeit versichert.Ich hielt mich an den Schauer, mitten darin verschob sich die Wahrnehmung. Es fielen nämlich in den nächsten Jahren alle über sie her, von Frank Sinatra bis zu christlichen Fundamentalisten, von spuckenden Passanten bis zu Dampfwalzenfahrern, die ihre CDs in New York zerstörten, sie wurde bedroht und bei Auftritten wohlmeinend von der Bühne geführt, und auch sie selbst bot ihnen allen jede verfügbare Angriffsfläche, sei es durch Reden und Interviews, ungeschützt intime Liedtexte, schwer verständliche Lebensentscheidungen. Sie war, wie die Presse das nannte, „disturbed“. Und doch veränderte sie etwas in meinem Leben und begründete einen eigensinnigen Glauben an den Wert und die Unzerstörbarkeit der quasi sakralen Ausnahmehandlung, auch im Pop. Die Verhaltensformen der Unterhaltungsindustrie sind ähnlich stark codiert wie die Etikette des höfischen Zeremoniells. Knicks, Verbeugung, Handkuss sind gleich Dank an die Fans, Friede auf Erden und das Versprechen, sich treu zu bleiben. Viele Menschen finden keinen leichten Zugang zu ihren Gefühlen, die anderen aber beweisen gerade im Authentischen, rückhaltlos Expressiven manchmal eine unattraktive, selbstzerstörerische, auch peinliche Seite. So ein Ausbruch steht in sich, mag er auch mit allen möglichen weltanschaulichen Hypotheken belastet sein. Die Industrie, die das Echte zum Fetisch erhebt, kann es am Ende nicht lieben. Denn es ist oft nicht attraktiv, nicht auf Konsens aus, es lässt zu, dass Künstler sich selbst und ihrem Label schaden, und oft wird es auch noch belastet mit Botschaften, Irrlehren, Aberglauben, spirituellem Tinnef. Eben weil der Ausdrucks-Markt ringsum so attraktiv ist, wirkt es noch hässlicher und zugleich faszinierender. Man muss die Erscheinung des hässlichen Echten grundsätzlich verteidigen, nicht nur gegen Yoga-Lehrerinnen. Man muss loyal bleiben einem Moment, nicht allem gegenüber, was auf ihn folgt. Ich bin also der treuliche Fan eines Augenblicks geblieben und habe dieses Prinzip auf die Betrachtung der Musik wie des Sports oder des künstlerischen Lebens ausgedehnt. Ich sehe seither anders, was Größe ausmacht, und sei es auch nur die des Moments, der abrupten Erscheinung. Als ich Sinead O’Connor Jahre später begegnete, war sie aufgerieben gleichermaßen vom Hass, den sie geerntet hatte, wie von den Zumutungen durch die Komplizenschaft ihrer Fans. Ich versuchte, ihr den Charakter meiner Zuneigung zu erklären. „Wie konnten Sie mich mögen und nicht merken, wie verstört ich war“, schimpfte sie fast. „Disturbed“, da war das Wort wieder. Manchmal, erfuhr ich auf diese Weise auch, gibt es dem einzelnen wahren Augenblick gegenüber kein richtiges Verhalten. Diese Erkenntnis bewahrte zumindest in meinem Fall größere Haltbarkeit als der Soundtrack der Pubertät. MBA – MEDIA BUSINESS ACADEMY Einsteinring 24 85609 Dornach/München Tel.: 0 89/4 51 14-339 Fax:0 89/4 51 14-408 E-Mail: [email protected] In Zusammenarbeit mit informiert Aktuelles Seminar Seminarvorschau 2005 Filmwirtschaft im Fokus: Banken, Fiskus und Finanzen Strategien und Lösungen für erfolgreiche Unternehmensfinanzierung. Deutsche Bank, München Kino mit Zukunft Alles rund um D-Cinema: Von der Idee bis auf die Leinwand Marketing, Werbung, Programmplanung, Ticketing, Security. Praxisseminar mit Demos zur Zukunft des Kinobetriebs. ARRI-Kino, München 6. DVD Entertainment Das Branchenforum 2005 Neue Perspektiven für den Home-Entertainment-Markt 18./19. Oktober 2005 ArabellaSheraton Grand Hotel, München 3. 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MusikWoche-Dossier: Lieblingslieder
Einen Lieblingssong hat jeder. Für Judith Holofernes von Wir sind Helden ist es „Hallelujah“ von Leonard Cohen; Roger Willemsen nennt als seinen Song „Nothing Compares 2 U“ von Sinead O’Connor. Warum gerade diese Stücke? Das erzählen Holofernes und Willemsen in MusikWoche.


