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musikwoche-Dossier: Im Südsüdwesten viel Neues

Europas Musikindustrie hat Popkomm und Midem. Beide sind für die Branche Fixtermine und ernste Businessveranstaltungen. Die Amerikaner dagegen haben seit 19 Jahren South by Southwest (SxSW). Beim größten Branchentreff der USA geht es auf den ersten Blick nicht ganz so ernst zu, doch neben einem Festival der Superlative bietet SxSW auch eine ordentliche Ausstellermesse und einen von Jahr zu Jahr eindrucksvolleren Fachkongress. MusikWoche sah sich im Land der Cowboys, Longhorns und Ölfeldern nach Musik um.

Im Sü dossier.south by southwest Austin, Texas: Diese Skyline bietet Auftritte für 1367 Live-Acts Texanisches Branchenmeeting etabliert sich als dritte Kraft der Musikmessen üdsüdwesten viel Neues Austin – Europas Musikindustrie hat Popkomm und Midem. Beide sind für die Branche Fixtermine und ernste Businessveranstaltungen. Die Amerikaner dagegen haben seit 19 Jahren South by Southwest (SxSW). Beim größten Branchentreff der USA geht es auf den ersten Blick nicht ganz so ernst zu, doch neben einem Festival der Superlative bietet SxSW auch eine ordentliche Ausstellermesse und einen von Jahr zu Jahr eindrucksvolleren Fachkongress. MusikWoche sah sich im Land der Cowboys, Longhorns und Ölfelder nach Musik um. south by southwest.dossier Man bekommt nie eine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu hinterlassen. Diese Erkenntnis war wohl Anlass für die Stadtväter von Austin, ihre Affinität zur Musik schon am Flughafen zur Schau zu stellen. Das Erste, was Besucher der texanischen Hauptstadt Austin mitbekommen, ist die Begrüßung: „Welcome to Austin! Live Music Capital of the World“ steht auf der Tafel, die den Gast noch vor Betreten des Flughafengebäudes – nämlich im Schlauch, der Flugzeug und Airport verbindet – empfängt. Das Schild hängt dort übrigens das ganze Jahr über und nicht nur zur alljährlich stattfindenden South by Southwest. Doch das vermeintlich typisch texanisch-großspurig klingende Attribut der Live-Musik-Hauptstadt, auf das Europäer anfangs eher skeptisch als zustimmend reagieren, bewahrheitet sich zum Teil schon in der Abfertigungshalle des Bergstrom International Airport. Dort spielt am Tag vor dem Beginn des Festivals eine Jazzband. Und die zählt nicht einmal zu den 1367 Acts, die zwischen dem 16. und 20. März auf den 59 offiziellen Bühnen der SxSW auftreten. Das sind mithin jeden Tag gut 4,6 Bands pro Bühne. Diese Zahlen verdeutlichen, worauf die Macher der SxSW ihr Hauptaugenmerk legen: Das Festival in Austin zieht seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr zigtausende Fans und Branchenprofis zum Frühlingsanfang nach Texas. Und immer wieder bilden die vielen Clubs, Bars, Kneipen und Konzerthallen den Nährboden für spätere Karrieren. Vor zwei Jahren spielte hier The Darkness erstmals vor amerikanischem Publikum, bevor die Band aus Großbritannien in den US-Charts nach oben kletterte. Im letzten Jahr gelang dasselbe Kunststück den Schotten von Franz Ferdinand – mit noch durchschla- 3 10 14/2005 dossier.south by southwest genderem Erfolg. Kein Wunder also, dass speziell die britische Musikbranche bei SxSW immer mit großen Delegationen aufwartet. Doch auch andere Pop-Nationen wie Schweden, Frankreich, Australien oder Japan entsenden ihre Fachleute in die US-Provinz. Offizielle Zahlen der Veranstalter liegen noch nicht vor, doch SxSWDirector Brent Grulke rechnet mit rund 9500 Fachbesuchern – knapp 2000 davon kamen aus dem Ausland, rund 900 aus Europa. Das wäre ein Zuwachs von mehr als zehn Prozent im Vergleich zu 2004 – ein neuer Rekord für die Veranstaltung, die seit einigen Jahren versucht, sich noch mehr für internationale Geschäftspartner zu öffnen. Besonders auf die Deutschen hat es Grulke dabei abgesehen. Die blieben in diesem Jahr nämlich weitgehend fern; Ausnahmen lassen sich an zwei Händen abzählen: Die Messe Berlin war mit den Popkomm- Machern Katja Bittner und Dirk Schade vertreten, die GermanSounds AG schickte ihren Chefexporteur Peter James nach Austin. Das Trio rührte die Werbetrommel für den Standort Deutschland und präsentierte sich im Rahmen eines gut besuchten Empfangs im Convention Center. Nur die Deutschen zieren sich noch Zudem gesichtet: Der ehemalige EFA-Mitarbeiter und heutige B.B.Island-Macher Quintus Kannegiesser begleitete die von ihm betreute Band 22 Pistepirkko nach Texas; Managing Director René Renner hielt Ausschau nach neuen Geschäftsmöglichkeiten für das Grönemeyer-Label Grönland; Produzent und Manager Manfred Zähringer sorgte dafür, dass sich die von ihm geförderten dänischen Newcomer The Blue Van bestens in Szene setzten, und Europachef Jörg Hacker holte sich aus erster Hand musikalische Eindrücke von den Bands, die sein Label TVT Records nach und nach auch in Europa veröffentlichen will. Für die SxSW-Macher sind diese deutschen Aktivisten allerdings zu wenig. Brent Grulke beweist internationales Branchenverständnis, wenn er seine Ziele für die Zukunft formuliert: „Deutschland ist immerhin der viertgrößte Musikmarkt der Welt.“ Da müsse es doch im Interesse der deutschen Musikwirtschaft liegen, sich künftig in größerem Umfang auf dem US-Markt zu präsentieren. Er selbst will deshalb schon bei der nächsten Popkomm Überzeugungsarbeit leisten. Dass er es dabei unter Umständen nicht leicht haben wird, zeigen die Einschätzungen von Katja Bittner, die das Festival mit einem Pop-Disneyland vergleicht, und von Peter James, der den mangelnden politischen Willen für eine groß angelegte Deutschland-Kampagne beklagt (siehe „Nachgefragt“ Seite 11). Dabei gäbe es bei SxSW gerade für die krisengeplagte deutsche Branche viele interessante Aspekte zu begutachten. Der von den europäischen Medien kaum begleitete viertägige Kongress zeigte, dass moderierte Expertenrunden vor Fachpublikum mehr sein können als nur Gegenwartsbewältigung mit Wundenlecken. Von Gejammer über verlorene Umsätze, illegale Downloads und fortschreitende Verödung der Handelslandschaft keine Spur. Stattdessen herrschte bei allen Panels ein vorsichtig optimistischer Realismus vor, der sich, statt Ursachenforschung zu betreiben, in Pioniergeist übte. Goldgräberstimmung wollte zwar noch nicht aufkommen, doch die Vertreter der Branche waren sich einig: Auch wenn der Abschwung noch nicht komplett ausgestanden ist, so blinkt doch ein Lichtlein am Ende des Tunnels – zumindest für diejenigen Marktteilnehmer, die aus den vergangenen fünf Katastrophenjahren ihre Lehren gezogen haben. Dabei hielten die Organisatoren sorgfältig die Waage zwischen Promis und Profis. Die Keynotes waren den Stars vorbehalten und letztlich nicht mehr als öffentliche Interviews, bei denen gut instruierte Stichwortgeber „Fragen“ stellten. Auf diese Weise erfuhren die Teilnehmer der SxSW das Neueste aus dem Leben von Robert Plant, Mavis Staples, Elvis Costello und Erykah Badu. Während dies bei Plant und Staples vor allem neue Alben waren, handelte es sich bei Badu immerhin um die Gründung ihres Labels Control FreaQ Records. Die Sängerin, die sich in ihrer Heimatstadt Dallas für Nachwuchs- und Kulturförderung in der Black Community einsetzt, will mit ihrer Plattenfirma jungen Künstlern das geben, was sie selbst am Anfang ihrer Laufbahn vermisst hat: Selbstbestimmung und Fairness. Ihr Ziel mit Control FreaQ: „Free the slaves and free the masters“ – Sklaven und Meister gleichermaßen befreien, wobei sie bei Masters wohl eher an Masterbänder dachte. In ihren Statements machte Badu kein Geheimnis daraus, dass sie mit den Vertragsbedingungen bei den Majors nicht einverstanden ist. In ein ähnliches Horn stieß auch Elvis Costello, der die Majors mit dem nicht allzu neuen Vorwurf konfrontierte, sie vernachlässigten die kreative Arbeit, die Entwicklung von Künstlern. Zudem prophezeite Costello das nahe Ende des traditionellen Tonträgerhandels. Sobald genügend Menschen über Breitbandinternet verfügten, sei der Handel am Ende, befürchtet der Musiker. Den Ketten wie Tower Records sei der „Spirit“ abhanden gekommen. Subskription als Zukunft des Vertriebs Weniger publikumsträchtig, dafür aus Branchensicht relevanter ging es bei den Fachpanels zu. Dabei stand oft nicht nur der Meinungsaustausch im Vordergrund, sondern es gab auch praktische Hilfestel- Zufriedene Fachbesucher in Austin (v.l.n.r.): Joey Carvello, Steve Gottlieb und Jörg Hacker von TVT Records; Shawn Fanning von Snocap und Journalist Alan Light („Tracks“) 14/2005 11 south by southwest.dossier lungen. Da SxSW eine Messe für Branche und Künstler ist, finden sich regelmäßig junge Talente und Inhaber kleinerer Musikfirmen unter den Zuhörern, denen die Panelisten gern Rede und Antwort stehen. Beim Thema „How To Sell Your Music Online“ präsentierten die Profis das kleine Einmaleins der Vermarktung abseits der Majorstrukturen. Besonders der Online- Bereich biete Independents heute Chancen, die es zu nutzen gelte, so die Experten. Der Verkauf von Downloads über Portale wie iTunes oder Napster sei dabei jedoch mit Vorsicht zu genießen. Kleine Labels liefen dort ebenso wie im physischen Handel Gefahr, in der Flut der Veröffentlichungen unterzugehen. Ratsam sei daher die Kooperation mit Content-Aggregatoren wie IODA, The Orchard oder DRA. Für Aufmerksamkeit sorgte in diesem Zusammenhang Tim Quirk von RealNetworks, als er den Downloadshop von Apple beschrieb: „iTunes ist Gestern – verkleidet als Morgen.“ Quirks Ansicht nach sind Subskriptionsdienste die Zukunft des Digitalvertriebs. Und er brachte Argumente für seine These vor: Er verglich die Anteile der Top-100-Platten am Gesamtabsatz verschiedener Vertriebsformen. Handy wird zum neuen Point of Sale Große Handelsketten wie Wal-Mart oder Best Buy machen 48 Prozent ihrer Musikumsätze mit den aktuellen Hits, da mangels Regalfläche hauptsächlich Charts- Repertoire vorgehalten wird. Im iTunes Music Store sorgen die Top 100 noch für ein Drittel der Umsätze. In P2P-Systemen suchen die Filesharer nur zu 28 Prozent nach Bestsellern, und bei Abo-Angeboten wie Rhapsody sind die Top 100 nur noch zu 24 Prozent gefragt. Musikabos erhöhten demnach die Chance für kleinere Labels, tatsächlich Hörer und Kundschaft zu finden, so Quirk. Beim Gipfeltreffen der Majors, dem „Label Heads Roundtable“, trafen Steve Bartels, President von Island Records, Steve Greenberg, frisch gebackener President der Columbia Records Group, und Abbey Konowitch, Senior Vice President & General Manager von Hollywood Records, aufeinander. Alle drei bemühten sich redlich, Elvis Costello Lügen zu strafen. Es sei einfach ein zu platter Vorwurf, dass Majors kein Artist Development betrieben, verteidigte Bartels 3 Nachgefragt bei Katja Bittner und Peter James: „Für die große Deutschland-Kampagne fehlt der Wille“ Austin – Popnationen wie Großbritannien und Schweden waren in Texas mit stark besetzten Delegationen vertreten; Franzosen, Australier und Japaner zeigten Flagge. Im Gespräch mit MusikWoche erklären Peter James, Geschäftsführer von GermanSounds, und Katja Bittner, Direktorin der Popkomm, warum ein Besuch des US-Branchentreffs für Vertreter der deutschen Musikwirtschaft keine Selbstverständlichkeit ist. MusikWoche: Die Veranstalter der SxSW wünschen sich mehr Teilnehmer aus Deutschland. Was halten Sie davon? Katja Bittner: Meines Erachtens geht es nicht darum, Bands auf Teufel komm raus auf dem Festival spielen zu lassen. Das muss in eine sinnvolle und vertretbare Idee eingebunden sein. Ich würde jeder Band abraten, einfach so zwischen 1500 Bands in vier Nächten einmal für 30 Minuten zu spielen. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Ich liebe die einmalige Atmosphäre von SxSW. Aber die übertriebene Anzahl der Bands hinterlässt ein bisschen den Eindruck von Disneyland. Und der Musiker ist Micky Maus. Peter James: Zunächst muss man den Organisatoren ein großes Lob dafür aussprechen, dass sie ein derart gewaltiges Festival planen und abwickeln. Das ist einzigartig. Mir wäre daran gelegen, wenn sich möglichst viele Deutsche vor Ort damit vertraut machen könnten, wie sich eine Millionenstadt anfühlt, die vier Tage lang gute, lebende Musik in vollen Zügen genießt und aus allen Poren wieder ausschwitzt. Vor allem Kulturpolitiker, die leider häufig nicht wissen, wovon die Rede ist. MW: Warum passiert das nicht? James: In einem Umfeld von 1350 offiziellen und rund 200 inoffiziellen SxSW-Acts und angeblich 250 Partys kann man nur untergehen. Es sei denn, es wird so groß aufgezogen, wie es die Kanadier, Engländer, Franzosen, Skandinavier oder Holländer getan haben. Hier hat in der Tat der Wille offensichtlich Wege geöffnet. Bittner: Weil auf dem amerikanischen Markt die Interessen deutscher Labels und Künstler schwer den notwendigen Nährboden finden. Ein Grund hierfür ist die unglaublich hohe Zahl hervorragender amerikanischer Musiker und ein viel natürlicheres Selbstverständnis von Entertainment und Musik bei diesen Künstlern. Da ist es einfach schwer mitzuhalten. MW: Was müsste sich ändern, damit mehr Deutsche nach Austin kommen? Bittner: Man müsste die Anzahl der Bands begrenzen und mehr Exklusivität schaffen. MW: Wäre das Festival für Formationen wie Rammstein, The Notwist oder Beatsteaks oder für viele renommierte Elektronika-Acts nicht ein gutes Pflaster, um neue Türen im US-Markt zu öffnen? James: Selbst Bands wie Rammstein, die möglicherweise einfordern könnten, in einer 1000er- Halle aufzutreten, würden sich trotz der reizvollen Umgebung einer Kosten-Nutzen-Rechnung stellen. Für US-Aufbauthemen wie Beatsteaks ist SxSW als Fortbildung wärmstens zu empfehlen. Dann aber lieber im Rahmen einer USA-Tournee. Bittner: Man sollte überlegen, ob man nicht nach dem Modell der skandinavischen Länder arbeiten könnte. Die legen finanzielle und musikalische Ressourcen für Showcases, Promotion, Stand und Empfang bei SxSW zusammen. Warum sollte nicht gute Musik aus der Schweiz, Österreich und Deutschland in den vier Nächten sinnvoll gemeinsam präsentiert werden? Einfach so als Band nach Austin zu fliegen und zu spielen, halte ich für sinnlos. MW: Wie lautet Ihre Empfehlung für SxSW-willige Deutsche? James: Als bewusstseinserweiternde Maßnahme und Freizeitvergnügen für Musikinteressierte aus Wirtschaft und Politik ist South by Southwest ein Muss mit positiven beruflichen Nebeneffekten. Als Ziel einer groß aufgezogenen Deutschland-Kampagne wäre die Messe reizvoll, das ist aber mangels politischen Willens in Branche und Politik nicht realistisch. Für kleinere Firmen und Bands erachte ich SxSW in geschäftlicher Hinsicht als riskant. Ein Besuch bedarf sorgfältiger Planung im Vorfeld und sollte vorzugsweise in Verbindung mit weiteren US-Aktivitäten stattfinden. Handelsreisende in Sachen Musik (v.l.n.r.): Phil Patterson (Creative & Media Export Unit, UK Trade & Investment), Dirk Schade und Katja Bittner von der Popkomm sowie Peter James (GermanSounds AG) 12 14/2005 dossier.south by southwest seinen Arbeitgeber. Am Beispiel von Bands wie The Killers könne man sehr wohl sehen, wie lange der Atem von Island war, bevor die Rechnung nun langsam aufgeht. Sein Kollege Greenberg, der zuletzt bei S-Curve großen Erfolg mit Joss Stone hatte, erklärte zudem, wie das Internet das Geschäft der Majors verändert hat. „Kritiker werfen uns Konzernen immer wieder vor, wir wären nur auf schnelle Hits aus. Aber dieses Business ist inzwischen gefährlich. Wenn man nämlich einen schnellen Hit im Radio hat, bedeutet das zunächst nur viele Downloads – legale und vor allem illegale. Alben verkaufen Sie damit keine mehr.“ Im Ausblick auf den Musikmarkt der kommenden Monate gaben sich die Majormanager zuversichtlich; ihre Ansichten waren zum Teil ungewohnt fortschrittlich: „Wir müssen uns einfach mehr auf die Chancen durch die neuen Technologien einlassen“, meinte Bartels, und Konowitch stellte fest: „Wir haben endlich erkannt, dass wir ein Problem haben. Unsere Kunden haben ihre Gewohnheiten verändert, und wir haben noch kein vernünftiges Rezept dafür. Aber vor einigen Jahren hieß es noch: Die Musikbranche ist tot, ihr werdet nie wieder CDs verkaufen. Dass das alles kompletter Blödsinn war, sieht man heute. Es gibt so viel Musik, so viel Talent. Wir müssen nur endlich optimistisch an die Vermarktung dieser Kreativität gehen.“ Für viele in der US-Branche liefert besonders die Aussicht auf den digitalen Vertrieb über mobile Plattformen Grund zum Optimismus. Nach anfänglichem Zögern ließen sich nun auch die Amerikaner von der Mobile- Euphorie anstecken. Bei der Diskussionsrunde „Ringtones As An Income Stream“ brachte es Mark Frieser, CEO der Beratungs- und Marktforschungsfirma Consect, plakativ auf den Punkt, als er sein Handy emporhob und verkündete: „Das hier ist Ihr neuer Point of Sale. Vergessen Sie die Plattenläden.“ Nicht ganz so direkt, aber kaum weniger überzeugt, pflichtete ihm Branchenanwalt Donald Passman bei: „Der Mobilsektor wird künftig eine sehr große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielen.“ Für viele junge Musikfans gehe es nicht mehr um den Besitz von Musik, sondern um den Zugang zu ihr. „Warum sollte ich einen iPod mit mir rumtragen, wenn ich meine Musiksammlung einfach anrufen kann“, fragte Passman die zum Teil erstaunten Zuhörer. Branchenverband der US-Indies kommt Eine weitere Hoffnung der Branche liegt in der Eindämmung der Internetpiraterie und der Kommerzialisierung der bislang verteufelten P2P-Netzwerke. Deshalb zog auch das Panel mit Snocap-Gründer Shawn Fanning viele Branchenvertreter ins große Auditorium. Über die Funktionalität seiner P2P-Clearingstelle verriet Fanning in der Öffentlichkeit kaum etwas, was nicht schon längst durch die Medien geisterte – detaillierte Informationen blieben stattdessen ausgesuchten Labelvertretern hinter verschlossenen Türen vorbehalten. Aber Fanning nutzte seinen Auftritt bei SxSW, um die Werbetrommel für lizenziertes Filesharing zu rühren. Downloadverkäufe über Shops wie iTunes, Napster & Co. seien nur die Spitze des digitalen Vertriebsbergs. Trotz dreistelliger Millionenabsätze über legale Downloadshops sei die Nutzung von P2P-Systemen weiterhin um ein Vielfaches höher. Deshalb werde eine Lösung, wie sie Snocap bietet, den Markt für Rechteinhaber öffnen. Zudem erhofft sich Fanning von den kommenden Wochen und Monaten mehr Klarheit: „Die bisherige Wahrnehmung dieses Themas in der Öffentlichkeit war sehr gemischt. Auf der einen Seite verklagt die RIAA P2P-Nutzer und Tauschbörsen, auf der anderen Seite verhandelt sie mit den P2P-Firmen.“ Das Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA in der Revisionsklage gegen Grokster und Morpheus werde hoffentlich nicht nur für Rechtssicherheit Nachgefragt bei Brent Grulke: „Auch bei uns kann man Geschäfte machen“ Austin – South by Southwest ist ein Branchentreff von Independentlabels und -künstlern, bei dem mehr Musik gehört als gearbeitet wird. Mit diesem Vorurteil würde Brent Grulke nur zu gerne aufräumen. Für MusikWoche erklärt der Creative Director der SxSW exklusiv, warum Texas im März auch für die deutsche Branche immer wieder eine Reise wert sein sollte. MusikWoche: Im Gegensatz zu anderen großen Musikmessen wie Popkomm oder Midem liegt bei SxSW der Fokus eindeutig auf dem Festivalteil. Grenzen Sie sich damit von den anderen Branchentreffs ab? Brent Grulke: Nicht bewusst. Wir sind einfach nur froh, dass wir so vielen Künstlern die Präsentationsfläche für Showcases geben können, weil wir hier in Austin so viele Veranstaltungsorte haben. Wahrscheinlich beneiden uns Popkomm und Midem um diese musikalische Komponente. Aber gleichzeitig beneiden wir Popkomm und Midem um ihre Fähigkeiten im Ausstellungs- und Kongressbereich. Da würden und werden wir gerne aufholen. Doch auch bei uns werden gute Geschäfte gemacht. Das passiert dann aber nicht so sehr in der Ausstellerhalle, sondern eben am Rande der Panels und vor allem in den Clubs und auf der Straße. MW: Ist Ihnen dieses „Straßengeschäft“ ein Dorn im Auge? Die Midem versucht solche „inoffiziellen Aktivitäten“ ja seit neuestem streng zu ahnden. Grulke: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir wollen SxSW offen für alle halten. Aber passt man nicht auf, kann es passieren, dass die Menschen die formalen Strukturen der Messe nicht mehr nutzen und unsere Arbeit als Messemacher piratisieren. Man muss sich also um eine vernünftige Balance bemühen. Die formalen Inhalte von SxSW müssen daher besser sein als alles, was die Trittbrettfahrer um uns herum bieten können. MW: Wie beurteilen Sie die diesjährige Ausgabe von SxSW? Grulke: Es war definitiv mehr los als je zuvor. Die Branche findet unsere Veranstaltung relevant. MW: Warum kommen nicht mehr deutsche Besucher? Grulke: Das wüsste ich auch gerne. Wir würden es sehr gern ändern. Ich bin überzeugt, dass wir deutschen Künstlern und der deutschen Branche eine hervorragende Plattform bieten können. Immerhin ist Deutschland der viertgrößte Markt der Welt. MW: Könnte es sein, dass man fürchtet, bei 1367 Acts nicht wahrgenommen zu werden? Grulke: Wer mit dieser Einstellung hierher kommt, wird erfolgreich scheitern. Das würde ich dann als mangelndes Vertrauen ins eigene Talent und die Fähigkeit, dieses Talent zu vermarkten, interpretieren. Natürlich gibt es die Sprachbarriere, aber die USA sind nun mal der größte Markt. Und in Deutschland gibt es zum Beispiel eine Reihe von hervorragenden Elektronik-Acts, die bei SxSW garantiert Riesenzulauf hätten. MW: Was empfehlen Sie also deutschen Interessenten? Grulke: Nehmen Sie Kontakt mit mir auf. MW: Wie viel Schlaf hatten Sie während SxSW? Grulke: Insgesamt vielleicht sechs Stunden. Wünscht sich mehr deutsche Gäste: Creative Director Grulke 14/2005 13 south by southwest.dossier sorgen, sondern auch an Filesharer und Musikfans eine eindeutige Botschaft senden. „Der Ausgang dieses Verfahrens wird das Geschäft für legale P2Ps erst richtig ermöglichen.“ Von solcher Zukunftsmusik waren andere Gesprächsrunden indes weit entfernt. Bei „Indies In Today’s Marketplace“ ging es vielmehr konkret um die Verhältnisse im Jetzt. Als größtes Problem bezeichneten die Labelvertreter dabei das mediale Nadelöhr. „Mainstream- Radio ist für uns als kleines Label unerreichbar“, klagte Michael Caplan, dessen Firma Or Music erst Zugang zu den großen USStationen bekam, nachdem sich seine Band Los Lonely Boys live durchgesetzt hatte. TVT-Chef Steve Gottlieb sieht das genauso und erinnerte mit seinen Ausführungen an die Argumente der Quotendiskussion in Deutschland: „Das Radio spielt nicht, was gekauft wird. Da erreiche ich schon heute über das Internet mehr Menschen.“ Deshalb sei es für Nachwuchsbands wichtiger denn je, sich über Live-Auftritte und Tourneen eine Fanbasis aufzubauen. Die Indievertreter machten den Zuhörern auch keine Hoffnung, dass sich an diesem Zustand bald etwas zu Gunsten kleinerer Firmen ändern könnte. Doch Lesley Bleakley, Chefin der Beggars Group in USA, stellte zusammen mit Gottlieb immerhin eine gemeinsame Interessenvertretung in Aussicht: Der bei der Midem angekündigte US-Indieverband soll Wirklichkeit werden. In den kommenden Wochen werde über erste Personalien entschieden. Anthony Wilson, der einst bei Factory Records Künstler wie Joy Division, New Order oder Happy Mondays unter Vertrag nahm und mit F4 Records nun ein neues Label betreibt, sparte in Austin nicht mit Bonmots aus der Vergangenheit. Dennoch versäumte es der britische Branchenveteran nicht, seine Erfahrung aus 30 Jahren Musikbranche in klar verständlichen Formeln zu präsentieren: „Als A&R besteht deine Aufgabe hauptsächlich darin, den Künstler zum richtigen oder zum falschen Produzenten zu führen. Wenn man es richtig macht, dann verändert man die Musikwelt und den Künstler. Wenn man es falsch macht, zerstört man den Künstler. Mir ist beides passiert.“ Wilson wühlte jedoch nicht nur in Erinnerungen, sondern gab auch konkrete Tipps für Musiker in einem veränderten Branchenumfeld. „Musiker und Manager sind selbst schuld, wenn sie sich zu früh für einen hoch dotierten Major-Deal entscheiden. Beim Major weiß man genau, dass man nur zwei Alben Zeit bekommt, wenn überhaupt.“ Daher sein Rat: „Wenn du glaubst, dass du ein großer Star bist und viele Platten verkaufen wirst, geh zum Major. Wenn du dich aber für einen interessanten Künstler hältst, dann mach es nicht.“ Die alte Rivalität zwischen Indies und Majors blitzte im Kongress immer wieder auf, doch auf den Bühnen rund um die 6th Street in Downtown Austin war von solchen akademischen Differenzen wenig zu spüren. Fünf Tage und Nächte lang wurde die Stadt, die in diesem Jahr durch SxSW rund 30 Mio. Dollar einnahm, ihrem Ruf als Live-Entertainment-Zentrum gerecht. Viele Bands, die in Austin auftreten, tun das gleich mehrfach: Neben dem offiziellen SxSW-Konzert gibt es meist noch Sonder-Gigs in Hotel-Lobbies und Hard Rock Cafés sowie auf zusätzlichen Bühnen von Sponsoren und Markenartiklern – oder im Plattenladen. Konzerte im Plattenladen Bei Waterloo Records, dem aufgrund seines vorbildlichen Angebots überregional bekannten Händler der Stadt, fanden während des Festivals 16 Konzerte auf einer Minibühne im Laden statt. Dort spielten unter anderem Hoffnungsträger wie Doves, The Bravery oder The Kills und lebende Südstaatenlegenden wie Tony Joe White oder The Blind Boys Of Alabama, während in den Regalen auffällige SxSWSticker auf die CDs der Festivalkünstler hinwiesen. Bei diesem Anblick vergaß man sofort das Lamento eines Elvis Costello und fragte sich, wer in diesem Jahr die Nachfolge von Franz Ferdinand als SxSW-Senkrechtstarter antreten dürfte. Einen eindeutigen Sieger gab es nicht, aber Bands wie Kaiser Chiefs, The Futureheads oder Bloc Party hinterließen mit ihren umjubelten Auftritten einen hervorragenden ersten Eindruck beim US-Fachpublikum. Und der erste Eindruck zählt, wie man in Austin weiß. Magnus Lauster … ausführliche Informationen finden Sie unter www.mediabiz-jobs.de wir bieten mehr sucht freie(r) Mitarbeiter(in) für Presse & Promotion DVD Junior Product Manager(in) DVD Anzeige Außen nüchtern, aber innen spielt die Musik: das Austin Convention Center, der Austragungsort von South by Southwest

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