Schon bald nach der Erstveröffentlichung von „Tabaluga“ im Jahr 1983 begann bei Peter Maffay und auch bei mir die Idee zu keimen, „Tabaluga“ auf die Bühne zu bringen. Es kam auch immer wieder zu Verhandlungen über Liveaufführungen, etwa mit Bernhard Paul, dem Chef des Zirkus Roncalli, und mit André Heller, dem Meister aus Wien. Jeder war von „Tabaluga“ begeistert und entwickelte Ideen für ein Livekonzept. Doch ergab sich keine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Peter Maffay und den Beteiligten; die Chemie stimmte irgendwie nicht, und so schliefen diese Gespräche immer wieder ein. Ich selbst war als der verantwortliche Veranstalter sehr stark daran interessiert, die nächste Tournee in Form von Rockkonzerten in Hallen und open air durchzuführen. Was ist daran falsch, den Erfolg der letzten Rocktournee wiederholen oder gar steigern zu wollen? In den folgenden Jahren konnten wir dieses Ziel auch tatsächlich erreichen. Da kam es auf Mallorca, Peters Lieblingsinsel und bevorzugtem Aufenthaltsort, zu einem denkwürdigen Treffen zwischen Maffay, dem Chef seiner Schallplattenfirma, Thomas Stein, und mir. Thomas Stein, mit dem Peter und ich über Jahre sehr gut zusammengearbeitet haben, war sein wichtigster Berater in Sachen Schallplattenveröffentlichungen, und ich selbst beriet Peter, was die Vorbereitung und Durchführung von Tourneen anging. Das Ergebnis der tagelangen Gespräche war der Plan, initiiert von Peter Maffay, im Herbst 1993 eine dritte „Tabaluga“-CD, „Tabaluga und Lilli“, herauszubringen und sie im Frühjahr 1994 auf den Konzertbühnen zu präsentieren. Da uns für Peter Maffay nichts zu teuer und wertvoll war, nahmen wir zur Londoner Firma Fisher Park Verbindung auf, die eine ganz besondere Kultur der Bühnengestaltung geschaffen hat. Fisher Park entwickelt die Open-Air- Bühnen ganz großer Künstler nach deren Vorstellungen – darunter Namen wie die Rolling Stones, die Who, Queen und andere. Bei unseren Tourneen internationaler Stars hatte ich schon seit langem mit Fisher Park zu tun gehabt und besaß also gute Beziehungen. Bei einem Treffen in Tutzing machten wir den Briten klar, wie wir uns die Szenerie von „Tabaluga und Lilli“ vorstellten. Hierbei war uns unsere neue Idee, das Spiel auf mehreren Bühnen im gesamten Innenraum der Hallen in Szene zu setzen, besonders wichtig. Die Leute von Fisher Park zeigten sich sehr interessiert und erklärten sich bereit, ein Produktionsmodell zu entwerfen und zu gestalten. Wir vereinbarten ein Modellhonorar von 25.000 britischen Pfund, das uns aber die Freiheit ließ, den Produktionsauftrag nach Vorlage der Kostenkalkulation zu erteilen oder abzusagen. Mit ihren Vorschlägen hatten die Vertreter von Fisher Park nicht nur mich, sondern auch Peter Maffay und unsere technischen Leiter Bernie Haefner und Günther Jäckle voll überzeugt. Fisher Park präsentierte uns denn auch ein sehr schönes Modell der „Tabaluga“-Produktion. Der einzige Haken war der Preis. Allein die technischen Produktionskosten waren mit einem Gesamtvolumen von 25 Millionen Mark angesetzt – eine Summe, in der die Ausgaben für die beteiligten Künstler und die aufwendigen Soundanlagen sowie die örtlichen Kosten noch nicht enthalten waren. Heidi Jung legte uns daraufhin eine Kalkulation der Gesamtkosten vor – mit dem Ergebnis, dass der „Tabaluga“-Event bei diesem Kostenvolumen nicht zu vernünftigen, familiengerechten Preisen zu verwirklichen war. So kam es im September 1993 zur Krise. Ich hatte mich während der Woche in Tutzing aufgehalten und war übers Wochenende nach Bad Homburg gefahren, wo ich nach wie vor wohne. Als ich mich nach einem quälenden, verzweifelten Wochenende am Montagmorgen wieder auf den Rückweg machte, war in mir ein Entschluss gereift. Vor meiner Abreise aus Bad Homburg informierte ich meine Frau Gisela von meiner Entscheidung: Ich würde Peter Maffay vorschlagen, die Produktion „Tabaluga und Lilli“ abzusagen. Gisela drückte mir die Daumen für meine peinliche Mission. Auf der Fahrt nach Tutzing legte ich mir immer wieder die Formulierungen zurecht, mit denen ich Maffay gegenübertreten wollte. Bereits im Taxi vom Bahnhof Tutzing zu Maffays Büro brach mir der Schweiß aus. Dann stand Peter mit verschränkten Armen und sehr ernstem Gesicht vor mir und fragte: „Fritz, wie steht’s?“ Und plötzlich hörte ich mich zu meinem Entsetzen sagen: „Es ist alles sehr schwierig geworden. Wir müssen von den Kosten runter, aber wir können doch den kleinen Grünen nicht im Stich lassen.“ Wir hatten über Monate hinweg schon zu viel Herzblut in die Vorbereitung gesteckt. Peter Maffay schaute mich ruhig an und antwortete: „Wenn du meinst, Fritz, machen wir halt weiter!“ Später, nach der erfolgreichen Premiere von „Tabaluga und Lilli“ in der Frankfurter Festhalle, war ich voll des Glücks und des Alkohols und beichtete ihm meine ursprüngliche Absicht vom September. Als ich ihm berichtete, entschlossen gewesen zu sein, aufzugeben und „Tabaluga und Lilli“ abzusagen, gestand mir Peter seinerseits, dass er an jenem Septembermorgen gar nichts anderes erwartet und eigentlich auch erhofft hatte. Auch er habe nämlich keine Möglichkeit mehr gesehen, die Finanzierung zu sichern. Aber mein Optimismus habe ihm geholfen, einer Fortführung unserer Arbeit zuzustimmen. Wir waren beide Feiglinge gewesen, die nicht den Mut hatten, dem anderen eine Enttäuschung zu bereiten. Glücklicherweise hat unsere Feigheit schließlich zu einem der größten Erfolge im künstlerischen Leben Peter Maffays geführt und die Verwirklichung eines Projekts ermöglicht, das ich im Nachhinein als das wichtigste Ereignis meines Lebens bezeichnen möchte. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, mein berufliches Leben in einen griffigen Satz zu fassen. Ein Direktor der Schallplattenfirma EMI sagte: „Fritz Rau löst mit seinen Tourneen Lawinen aus und rennt dann wie ein Verrückter, um nicht von der Lawine erfasst und erschlagen zu werden.“ Jemand anderer verglich mich mit einem Frosch, der in Milch fällt und eigentlich ertrinken müsste. Aber dieser Frosch zappelt so lange mit seinen Gliedmaßen, bis aus der Milch Butter wird und er so auf dem Trockenen sitzt. Ich selbst behaupte, dass ein guter Konzertveranstalter eine schizoide Veranlagung haben muss. Einerseits muss er ein Träumer mit künstlerischen Ambitionen sein, der Einfälle hat und auch das Interesse des Künstlers weckt. Andererseits sollte er ein eiskalter Rechner, also ein Buchhaltertyp sein, der ein optimales finanzielles Ergebnis aus der Tournee herausholt. Ich befürchte, dass meine beruflichen Erfolge auf einer idealen schizoiden Veranlagung beruhen. Wenn ich heute gefragt werde, ob ich alles erreicht habe, was ich vorhatte, dann sage ich: „Beruflich zu 100 Prozent.“ Ich fühle mich vom Schicksal begünstigt, da ich fast alle meine beruflichen Träume erfüllt habe. Dafür habe ich hart gearbeitet. Und wenn man mir die Schlüsselfrage stellt, ob ich in meinem Berufsleben noch einmal alles genauso machen würde wie bisher, sage ich aus vollem Herzen und ohne Bedenken: „Ja.“ Ich würde es noch einmal so tun, inklusive aller Torheiten und Risiken, das heißt, ich würde mich noch einmal voll reinwerfen und strampeln und strampeln, bis die Milch zu Butter wird. Eines aber würde ich versuchen zu ändern: mein Privatleben. Als Betreuer von Künstlern können wir Veranstalter in die paradoxe Situation eines hilflosen Helfers geraten, der zwar die Bedürfnisse seiner Künstler kennt, aber darüber die eigenen und die seiner Angehörigen mehr und mehr vergisst. Wir Konzertveranstalter müssen zwischen Beruf und Privatleben eine Balance finden. Dies gilt besonders auch für die verantwortlichen Bindungen, die wir durch Heirat oder die Zeugung von Kindern eingegangen sind und die wir nicht vernachlässigen dürfen. Diese bedauernswerten Partner haben einen berechtigten Anspruch auf Zuwendung. Ich liebe meine Kinder. Aber ich muss gestehen, dass ich sie zwar wirtschaftlich versorgt, aber dennoch als Vater vernachlässigt habe, da ich ihnen in meinen täglichen Überlegungen, die sich ausschließlich auf das Business richteten, kaum einen Platz eingeräumt habe. Ich war viel unterwegs, aber das Schlimmste war, dass ich zu Hause zumeist erschöpft und müde und daher lustlos auftrat. Mein Sohn Andreas, der den klaren Verstand seiner Mutter geerbt hat, sagte einmal zu mir: „Vadder, wann gehst du wieder auf Tournee?“ Auf meine Antwort „Ich komme doch erst von einer Tournee zurück!“ meinte er: „Ohne dich ist es viel schöner und gemütlicher hier!“ Meine verstorbene Frau Hildegard wollte mich schützen und nach anstrengenden Tourneen restaurieren, indem sie den Kindern sagte: „Seid still, der Papa ist da!“ Hildegard wies den Kindern gegenüber immer darauf hin, dass der Papa so unendlich hart arbeite, selbst dann, wenn meine Müdigkeit mehr von diversen Exzessen nach dem Konzert stammte. Ich habe oft wichtige persönliche Feiertage versäumt. An einem schönen Werktag kam ich müde nach Hause und sah meine Frau, wunderschön zurechtgemacht, im kleinen Schwarzen vor mir stehen. Ich herrschte sie an: „Bekommen wir heute womöglich Besuch? Ich will aber niemanden sehen!“ Sie sagte „Nein“ und führte mich ins Esszimmer, wo äußerst liebevoll und blumenreich der Tisch für uns beide gedeckt war. Auf meine Bemerkung, dass ich doch lieber mit ihr in der Küche essen wolle, da ich in einer Küche aufgewachsen bin, sagte sie nur: „Heute ist unser 15. Hochzeitstag!“ Kein Mann kann so tief in die Knie gehen, wie ich es tat, um sie um Verzeihung zu bitten. In den ersten 30 Jahren meiner Tätigkeit als Konzertorganisator machte ich fast keinen Urlaub und war törichterweise sogar stolz darauf. Ich brachte lediglich die Familie zum Urlaubsort nach Frankreich oder Spanien und flog am nächsten Tag wieder zurück in unser Frankfurter Büro. Die Betreuung der Kinder lag in den Händen meiner Frau, die sogar das Auto zum Ferienort gesteuert hat, da ich selbst bekanntlich nie einen Führerschein gemacht habe. Meine Frau Hildegard, die ich sehr liebte, hat unter großem Kraftaufwand die Familie zusammengehalten und auch mich versorgt. Sie hat unser Auto gefahren und unser Haus gebaut und mir den Rücken freigehalten. Und sie hat sogar Künstler, die mir am Herzen lagen, zu Hause bewirtet. Als sie 1983 mit 55 Jahren starb, hat sie mich als das dickste und älteste Kleinkind der Welt zurückgelassen. Vorher hat sie aber jahrelang ihr Möglichstes getan, damit die Liebe meiner vernachlässigten Kinder zu mir erhalten blieb. Dank ihr habe ich heute einen guten Kontakt zu ihnen, und vor allem auch zu meinen Enkelkindern. Selbstverständlich habe ich nicht 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet, sondern auch etwas geschlafen. Im Schlaf träumte ich von einer Südseeinsel mit Hula-Hula-Tänzerinnen. Aber dann stand da plötzlich eine Open-Air-Bühne, und die Rolling Stones waren im Anmarsch. So hat mich selbst in meinen Träumen das Business beherrscht. Als unser Sohn etwa 14 Jahre alt war, habe ich ihm mit einer großen Geste einen Zeitungsartikel hingelegt. Er trug die Überschrift: „Der Mann, zu dem Zappa Papa sagt“. Ich wollte dem Jungen imponieren, aber er blickte mich mit den Augen seiner Mutter an und sagte auf Englisch: „Everybody’s papa is nobody’s papa.“ (Jedermanns Papa ist niemandes Papa.) Da wurde ich vernünftig und habe es von nun an vermieden, von Künstlern als Papa bezeichnet zu werden. Schließlich genügt auch Onkel Fritz. Die zweite Chance Gottes, die Wärme und Geborgenheit einer Familie zu erhalten, vor allem im Alter, sind die Enkelkinder. Wenn ich heute zwischen Weihnachten und Neujahr meinen neuen Terminkalender einrichte, trage ich als Erstes die Geburtstage der Enkelkinder und sogar den ihrer Eltern ein. Obwohl mein ältestes Enkelkind Laura inzwischen schon 18 Jahre alt ist, habe ich bei keinem Enkel jemals einen Geburtstag versäumt. An meinem Schlüsselbund hängt ein Metallschild „Bester Opa“. Das ist mir mehr wert als die schönste Trophäe.
MusikWoche-Dossier: Fritz Rau Memoiren
Am 9. März 2005 feierte er seinen 75. Geburtstag; am 2. Dezember begeht er sein 50-jähriges Jubiläum als Konzertveranstalter. Doch auch im Ruhestand blieb Fritz Rau nicht lange untätig. Er schrieb seine Autobiografie, die soeben im Heidelberger Palmyra Verlag erschienen ist. MusikWoche bringt Auszüge.


