Musik

Musiksender setzen auf langfristige Förderung von Newcomern

Viva und MTV betreiben Artist Development

“Ein höherer Anteil an Newcomern in der normalen Rotation wäre ohne Frage sinnvoller als die längst fällige,Schlüpfer-Notlösung““, meint Ulli Kuhnert, Produkt Manager für die Formation Kyau vs. Albert beim wea Beat Department, die mit ihrer Single „Save Me“ jüngst in den Genuss der sogenannten „Schlüpfer“-Newcomer Rotation bei Viva kam. Seit dem 29. April diesen Jahres will Viva den Aufbau nationaler Künstler unterstützen. Neben redaktioneller Berichterstattung läuft der jeweilige Clip drei Wochen lang etwa zweimal am Tag. Damit unterstützt Viva mit 50 Newcomer-Plätzen im Jahr vor allem Nachwuchs-Acts, die „im Album-Bereich interessant werden könnten“, erklärt Viva-Programmdirektor Stefan Kauertz. Dagegen hatte Marcus Adam, Leiter Talent & Music bei MTV und MTV2 Pop, bereits Anfang des Jahres die Newcomer-Förderung bei MTV unter dem Namen „Artist Development“ ins Leben gerufen.

MTV bietet pro Jahr bis zu fünf ausgewählten Bands eine Plattform und unterstützt sie über ein gesamtes Album hinweg mit einem Marketingpaket und einer festen Rotation für bis zu drei Single-Auskopplungen. Kuhnert bleibt jedoch skeptisch: „Angesichts der wöchentlichen Video-Angebotssituation bei den Clipsendern können wir froh sein, dass MTV und Viva nun den ersten Schritt getan haben.“ Gleichzeitig weist er darauf hin, dass der Erfolg der Single von Kyau vs. Albert, in denen wea ein starkes Album-Potenzial sieht, „sicher auch dem ‚Schlüpfer“ zuzurechnen ist. Allerdings muss man speziell bei diesem Act auch auf die für Dance-Acts eher unübliche Akzeptanz in der deutschen Radiolandschaft hinweisen. Zudem hatten wir gezielte Spots in den Dance-Umfeldern von Viva und MTV2 Pop geschaltet.“

Neben Sportfreunde Stiller, Mia. und zuletzt Kool Savas hatte MTV auch die Virgin-Band Heyday ausgesucht. Diese Unterstützung findet Andreas Daermann, Senior Product Manager bei Virgin, „sehr sinnvoll, auch wenn wir mit Heyday knapp an den Charts vorbeigeschrammt sind. Dafür waren wir im Radio-Airplay sehr gut vertreten. Den Anteil von MTV bei der Aufbauarbeit zu Heyday schätze ich als sehr hoch ein. In der heißen Phase lief ‚Could Be Day, Could Be Night‘, die Single von Heyday, 40 Mal in der Woche. Dass MTV und auch Viva sich jetzt verstärkt um Newcomer kümmern, finde ich ausgesprochen gut. Denn wo und wie sonst sollen Newcomer noch mediale Aufmerksamkeit erhalten? Beim Radio sehe ich wenig Chancen, da nur einige wenige Sender wie Eins Live bereit sind, auch mal etwas zu riskieren und ungewöhnliche Musik in die Playlist zu nehmen.“

Und auch der für Mia. zuständige Product Manager bei Columbia/Sony Music Domestic, Sven Zimmermann, zieht ein positives Fazit: „Die Aktion von MTV ist auf jeden Fall begrüßenswert, und auch bei den konkreten Auswirkungen im Falle von Mia. beurteile ich sie relativ positiv. Das,Artist Development“-Programm ist ein wichtiges Vehikel, aber nicht das einzige, um einen Künstler aufzubauen. Ohne MTV wäre es allerdings fragwürdig gewesen, ob wir von den anderen Medien soviel Unterstützung bekommen hätten. Gerade weil Mia. so ein polarisierendes Thema ist, brauchten wir das Medium Fernsehen, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzielen. Besonders loben möchte ich die redaktionelle Einbindung, wie etwa die Präsentation ihrer Tour oder die Einbindung in die MTV-,Campus“-Aktion. Zwar gab es auch ein paar Einträge im Gästebuch der Band, die aufgrund der MTV-Sticker etwas von,Ausverkauf“ meinten, aber das hielt sich in Grenzen.“

Zudem zeigt er sich einsichtig, dass MTV von Sony nicht nur Promotion, sondern auch Engagement beim Marketing erwartet: „Eine Summe von 10.000 Euro halte ich für einen fairen Deal.“ Ana Morales, Label- & Productmanagerin bei Four Music, klagt zwar, dass die Branche sich über einen höheren Newcomer Anteil in den normalen Rotationen freuen würde, meint aber: „Grundsätzlich begrüßen wir das Signal, das MTV und Viva setzen. Ein guter Anfang ist damit auf jeden Fall gemacht. Mehr davon! Der Charts-Erfolg von Joys Single rührt zwar von der Viva-Unterstützung wie auch unseren eigenen Bemühungen her, aber es ist müßig, sich darüber zu unterhalten, wer den größeren Anteil an Joy Denalanes Erfolg gehabt hat. Man darf schließlich die Qualität der Künstlerin nicht außen vor lassen.“

Viva glaubt an langfristigen Aufbau

Köln (dis) – Auch wenn Acts wie Sharon Adey, MB 1000 oder Laava in den Charts noch nicht den Durchbruch schaffen konnten, zieht Stefan Kauertz, Programmdirektor Viva Fernsehen, im Gespräch mit musikwoche.de ein positives Fazit der „Schlüpfer“-Aktion von Viva. „Wir wussten, dass es sich nicht nur um Chartsbreaker handeln würde. Das Ziel war, Acts eine Chance zu geben, die in unserem normalen Beschlussraster durchfallen würden.“ Dennoch kann das Newcomer-Programm von Viva Erfolge aufweisen, wie Kauertz auflistet: „Immerhin sind 22 Prozent der Schlüpfer in die Top 60 und 56 Prozent in die Top 100 bei den Singles-Charts gegangen. Und Marlons Song,Lieber Gott“ hat soeben die Top Ten geentert. Zudem haben Joy Denalane sowie 4lyn ordentlich Alben verkauft. Aufbau heißt die Devise.“ Die Zuschauerreaktionen seien „erfahrungsgemäß gering“, urteilt Kauertz, der die Gefahr, mit zu vielen Newcomer-Clips womöglich Zuschauer zu „verprellen“, als „noch tragbar“ einschätzt. Über die Zusammenarbeit mit den Plattenfirmen erklärt der Programmdirektor, dass „insgesamt nicht viele Themen explizit für den,Schlüpfer“ eingereicht werden. Auf Nachfrage modifizieren die Firmen allerdings den Veröffentlichungstermin.“