Musik

Mister 100 Prozent

60 Jahre alt, 40 davon auf der Bühne – Achim Reichel gehört zum verläßlichen Urgestein der deutschen Liedermacher.

Der Mann kommt, so scheint’s, aus dem Feiern nicht mehr raus. Am 25. und 26. August feierte er in der Hamburger Fischauktionshalle sein 40-jähriges Bühnenjubiläum mit zwei vierstündigen Konzerten. Mit dabei waren ein 50-Mann-Chor und jede Menge musikalische Weggefährten – von Heinz Rudolf Kunze über Inga Rumpf und Pe Werner bis hin zu Lotto King Karl und den Rattles.

Mit den Rattles fing seinerzeit im Hamburger „Star-Club“ alles an – seitdem hat sich Achim Reichel einen Platz im Pantheon der deutschen Szene redlich verdient.

Quer durch alle Phasen

Den Mitschnitt jener schwülheißen Augustabende in der Fischauktionshalle gibt es jetzt unter dem Titel „100% Leben“ als opulente Doppel-CD über Indigo. Reichel schenkt sie nicht nur seinen Anhängern, sondern auch sich selbst zum 60. Geburtstag, den er am 28. Januar feiert.

Für Pophistoriker ist das gute Stück eine wahre Fundgrube, bietet es doch neue Live-Versionen von Stücken aus allen Phasen von Reichels vielseitiger und wandelbarer Karriere. Da freut man sich zum Beispiel über die Beatnummer „Mashed Potatoes“, die sich 1963 auf dem Debütalbum der Rattles, „Twist im Star-Club“, fand, oder über „Moscow“, den Hit von Reichels Gruppe Wonderland (1968), den übrigens James Last arrangierte und Rattles-Kollege Frank Dostal, heute im Aufsichtsrat der GEMA, schrieb.

35 Alben in 40 Jahren

Die Phase der Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jörg Fauser dokumentieren die Stücke „Hart am Ball“ (1980) und „Der Spieler“ (1981); Johann Wolfgang von Goethe lieferte den Text für das Stück „Der Erlkönig“ (2002), das nur ein Beispiel von mehreren für Reichels Beschäftigung mit dem deutschen Literaturerbe ist. Schließlich enthält das Geburtstagsständchen mit „Leben leben“ auch einen neuen Reichel-Song.

In 40 Jahren hat der blonde Jung von der Waterkant insgesamt 35 Alben veröffentlicht und sich dabei nie auf seinen Lorbeeren ausgeruht, sondern immer wieder neue Konzepte ausprobiert. Auch geschäftlich: So gründete er schon in den Siebzigern sein eigenes Label Ahorn, für das er einen Vertriebsvertrag mit der damaligen Teldec abschloss.

Im März auf Tournee

Mit Joschka Fischer (!) spielte er übrigens 1985 im Kinofilm „Va Banque“ einen Bankräuber. Die 30 Stücke auf dem Doppelalbum rufen alle Stationen der außergewöhnlichen Karriere eines Musikers ins Gedächtnis, der sich nie an kurzlebigen Trends orientierte, sondern sich stets höchst produktiv mit den Quellen seiner Kreativität auseinander setzte.

Auch diesen Sachverhalt, der in der heutigen Popwelt fast schon eine exotische Seltenheit geworden ist, gilt es zum Sechzigsten zu feiern. Reichel selbst feiert weiter, wie er es am besten kann: mit einer Tournee, die ihn von Anfang bis Mitte Februar mit Quartett und im zweiten Teil vom 10. bis 29. März mit Band durch Deutschland führt.