Alle Experten der ganztägigen Veranstaltung waren sich zumindest in folgenden Punkten einig: Die Branche braucht bald Klarheit über die Bedürfnisse der Online-Musikfans und in der Folge, wie aus Nutzern Kunden werden können. Außerdem scheint das Klima für neue Firmengründungen wieder besser zu werden, die Bereitschaft von Investoren, sich im Online-Musikmarkt zu engagieren nimmt zu. Auch wenn viele der „großen Namen“, mit denen sich die MidemNet im letzten Jahr schmückte, inzwischen entweder bei anderen Firmen arbeiten oder schlicht nicht mehr im Geschäft sind, so konnten doch die anwesenden Experten diese Lücke kompetent füllen.
Zum Auftakt führten MidemNet-Chairman Ted Cohen (Vice President New Media, EMI) und sein Keynote-Gast Kevin Conroy (Senior Vice President & General Manager AOL Music) statt einer Eröffnungsrede ein offenes Gespräch, das auch das Publikum mit einbezog. „Obwohl die Musikindustrie weit gehend als langsam im Umgang mit den digitalen Herausforderungen gilt, muss ich tatsächlich sagen, dass sie inzwischen durchaus reagiert“, stellte Cohen fest. Conroy ergänzte, dass mit technologischem Fortschritt aus dem Internet ein immer mächtigeres Unterhaltungsmedium werde, das ein wachsendes Publikum anspricht: „Es gab die Tendenz, sich auf technische Aspekte zu konzentrieren und dabei die Nutzer zu ignorieren. Die wahre neue Welt der Musik wird aber sehr unterhaltsam sein.“
Der Manager von AOL Time Warner, dem Konzern, der auch maßgeblich an dem Vertriebsprojekt MusicNet beteiligt ist, erklärte auch: „MusicNet ist keinesfalls das Ziel, wir betrachten es als einen ersten Schritt.“ Sein Unternehmen setze auf „nutzerfreundliche Environments“ aus intelligent zusammengestellten Medieninhalten. AOL Music habe mit dieser Strategie seine Kundenzahl dauerhaft steigern können. Es gebe jedoch noch viele Verbesserungsmöglichkeiten: „Um einen breiten Nutzerkreis überzeugen zu können, muss unsere Technik auch für jedermann einfach zu bedienen zu sein.“ Große Chancen gab Conroy auch dem Geschäftsfeld „personalisiertes Internetradio“: „Das wird ein Big Business.“
In seiner Präsentation skizzierte schließlich Jay Samit (Vice President New Media, EMI) Visionen und Geschäftsmodelle, die er in Zukunft für drahtlose Anwendungen und Endgeräte kommen sieht. Allerdings förderte die Diskussionsrunde über Zukunftschancen von Subskriptionsmodellen zu Tage, dass die Branche hier noch in den Kinderschuhen steckt. „Alle reden darüber, als handle es sich um einen großen Kuchen“, sagte Pascal Negre, President Universal Music Frankreich. „In Wirklichkeit ist dieser Kuchen heute noch sehr klein. Aber das ist erst der Anfang. Wir müssen beim Aufbau dieses Markts bei Null beginnen. Und das dauert.“ Sobald ein signifikanter Markt existiere, werde auch die gesamte Musik online verfügbar sein, erwiderte Negre den Vorwurf, dass die Industrie und speziell die großen Konzerne sich immer noch dagegen wehren, ihre Musik an Digitalvertriebe zu lizensieren.
In dasselbe Horn blies auch Linda Komorsky (Vice President TouchTunes Music Corp.) im Rahmen des Panels „The strong survive – but can the small?“: „Im Normalfall sollte ein Zulieferer ein Interesse am Erfolg seines Partners haben. In der Frage des digitalen Musikvertriebs können sich die Lizenzinhaber nicht entscheiden, ob sie uns unterstützen wollen, oder ob sie glauben sollen, dass wir eine Konkurrenz für sie darstellen, weil sie das Geschäft lieber selber machen wollen.“ In der derselben Runde merkte Alison Wenham (Chief Executive der AIM – Association of Independent Music und Vice President der Vereinigung Impala) an, dass kleine Firmen nicht zwangsläufig schwach und in ihrer Existenz bedroht sind. Die kleinen seien vielmehr diejenigen, die diesem neuen Markt auf die Beine helfen.
Eine kontroverse Position nahm danach der Künstler DJ Spooky ein: Er zweifelte die künftige Relevanz von Plattenfirmen für den Erfolg der Künstler an. „Das traditionelle Plattenlabel ist nutzlos. Alles ist doch nur noch Shareware. Shareware ist das Zukunftsmodell.“ Diesem Standpunkt wollten nicht alle Kongressteilnehmer folgen, allerdings herrschte Einigkeit darüber, dass die Frage der Lizenzen für Onlinevertriebe so schnell wie möglich geklärt werden muss.


