“Herzlich willkommen zur aufregendsten Gameshow der Welt: ‚Rescuing the Music Industry‘!“ So begrüßte Cohen, Vice President Digital Development & Distribution EMI Recorded Music, der als Conferencier der MidemNet fungierte, das voll besetzte Auditorium in Cannes. 2003 werde das Jahr, in dem endlich die signifikanten Änderungen im Musik-Business passieren werden, auf die die Branche schon so lange wartet, sagte Cohen zur Eröffnung. Gemeint war die Etablierung eines funktionsfähigen und ertragssicheren Vertriebsmodells auf nonphysischer Basis. Bis es soweit sei, müssten allerdings noch einige Hürden aus dem Weg geräumt werden, befand auch Hilary Rosen.
Die Präsidentin der Recording Industry Association of America (RIAA) bekräftigte in ihrer Keynote die Wichtigkeit des Kampfes gegen illegale Vervielfältigung. Gleichzeitig müssten alle Versuche zum Aufbau legaler Modelle unterstützt werden. Dafür sei auch die Hilfe der Politik nötig. Die RIAA werde nie aufhören, Rechteverletzer zu verfolgen: „Wir müssen den Piraten à la KaZaA klar machen, dass es keine sicheren Schlupfwinkel für sie gibt. Wenn mich deshalb Journalisten – wie erst kürzlich geschehen – als ‚The most hated Woman in Music‘ bezeichnen, betrachte ich das eher als Kompliment.“ Aber auch die eigenen Hausaufgaben wollen gemacht sein, so Rosen: „Wir müssen den Kunden geben, was sie wollen. Das tun wir noch nicht gut genug. In diesem Tempo dürfen wir nicht weitermachen.“ Die Verkäufe seien nicht nur wegen der illegalen Online-Angebote im Keller. Rosen machte drei Gründe für den Abwärtstrend aus: die Gesamtwirtschaft, eine Handelslandschaft, die schlecht sortiert ist und wenig berät, und Radiosender, die keine Newcomer mehr spielen. Umso wichtiger sei es, den Kampf gegen die Piraterie zu intensivieren, um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für die Industrie nicht zu gefährden. Rosen ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass sie die Branche für überlebens- und innovationsfähig hält: „Es gab bereits viele Nachrufe auf das Musik-Business. Aber solange Musik Menschen begeistert, wird es uns geben. Wir sind hier, weil wir Musik lieben.“
Beim anschließenden Panel über die Fortschritte von Online-Abos für Musik trat jedoch wieder die alt bekannte Ratlosigkeit der Branche zu Tage. Mit Michael Bebel (pressplay) und Alan McGlade (MusicNet) hatte MidemNet zwei der einflussreichsten Manager in Sachen Digitalmusik zu Gast, doch Visionen oder Erfahrungsberichte waren von ihnen nicht zu bekommen. Statt dessen flüchteten sie sich in Aussagen, wie: „Abonnentenzahlen können wir Ihnen noch nicht geben. Wir befinden uns noch im Aufbau.“ Zum Hintergrund: Sowohl MusicNet als auch pressplay operieren seit über zwei Jahren im Bereich Digitalvertrieb. Einig waren sich alle Vertreter der Branche, dass die Vergabe von Lizenzen für den nonphysischen Vertrieb nicht zügig genug voran kommt. Besonders der europäische Markt hinke hinterher. Zwar verfüge Deutschland immerhin über GEMA-Tarife zur Abrechnung von Online-Verkäufen, diese seien jedoch deutlich zu niedrig. Die To-do-Liste bleibt also lang.



