Diese Bilanz kann sich sehen lassen: Über 25 Millionen verkaufte Alben, 85 Platin-Auszeichnungen, rund 50 Nummer-eins-Platzierungen. Das von Michael Cretu vor elf Jahren initiierte Musikprojekt Enigma gehört weltweit zu den erfolgreichsten deutschen Produktionen.
Mit der Hit-Zusammenstellung „LSD – Love Sensuality Devotion – The Greatest Hits“ (Best.-Nr.: 8 11060 2) setzt Cretu jetzt seinen Siegeszug in den Verkaufs-Charts fort: In Woche 43 stieg die CD von Null auf Platz acht in den Album-Charts ein, eine Woche später sprang sogar Platz vier heraus. Diese Woche konnte sich der Longplayer auf Rang fünf festsetzen.
Dabei ging es dem Ehemann der Pop-Sängerin Sandra angeblich zu keinem Zeitpunkt seiner Karriere um kommerziellen Erfolg. „Ich hatte das Glück, dass ich nie Verkaufszahlen oder Charts-Positionen als Motivation für meine Musik benötigte“, sagt der musikalische Nonkonformist im Gespräch mit musikwoche.de und fügt hinzu, dass sein einziger Maßstab stets Qualität war.
Aus diesem Grunde ging Enigma 1990 auch inkognito an den Start. Das medienwirksame Ratespiel, wer denn nun hinter diesen geheimnisvoll-pastoralen Ambient-Klängen stehe, war, so Cretu, kein geplanter Schachzug. Im Gegenteil: „Ich wollte damit beweisen, dass es auf den Inhalt und nicht auf die Verpackung ankommt. Deshalb habe ich zur Plattenfirma gesagt, dass sie die Muster an die Medien im billigsten und neutralsten Karton verschicken sollen. Keine Show, keine Effekte. Ich wollte wissen, ob sich pure Musik noch verkaufen lässt.“
Sie ließ sich. Vortrefflich sogar – und die Geheimniskrämerei um den Interpreten erwies sich schnell als genialer Marketing-Schachzug. Dass das Mysterium dennoch gelüftet wurde, wurmt den 44-Jährigen noch heute: „Am liebsten wäre mir, wenn immer noch niemand wüsste, wer dahinter steckt. Doch leider gab es ein paar undichte Stellen in der Plattenfirma. Dass das amerikanische Label allerdings ein ganzes Jahr lang nicht Bescheid wusste wer dahinter steckt, fand ich richtig toll.“
Trotz Outings – zum stromlinienförmigen Popstar ließ sich Cretu dennoch nicht formen: Nach wie vor lehnt der in Rumänien aufgewachsene Absolvent des Frankfurter Konservatoriums Fotosessions, Homestorys, Live-Auftritte und alle Interview-Anfragen von Boulevard-Magazinen kategorisch ab: „Ich benutze meine Kraft lieber dazu, neue Sounds zu kreieren und Songs zu schreiben“, macht er klar und bemerkt, dass ihm diese Philosophie auch ein nahezu völlig störungsfreies Privatleben bescherte: „Ich könnte weltweit in jeden Plattenladen gehen und meine eigene CD kaufen und niemand würde mich erkennen. Das ist der größte Luxus eines sozusagen ‚Berühmten“. Michael Jackson würde dafür wohl seinen rechten Arm geben.“
Dass sich der Act ohne Gesicht ausgezeichnet verkauft – damit widerlegt Cretu wohl so manche Marketing-Regel – beweist auch seine aktuelle Best-Of-Bilanz „Love Sensuality Devotion“. Parallel zu der aus 18 Songs bestehenden Compilation, inklusive dem neuen Track „Turn Around“, veröffentlichte Virgin eine gleichnamige Remix-Collection (Best.-Nr.: 8 11183 2). Peter Ries, Wolfgang Filz und Andre Tanneberger steckten Enigma-Hits wie „Sadeness“ oder „Mea Culpa“ in ein zeitgemäßes Sound-Outfit.
Trotz bester Resonanzen sollen diese beiden Zusammenstellungen einen Wendepunkt des Projektes darstellen: „Es ist eine Zäsur, mit der ich den Zyklus von vier Studio-Alben beschließe. Jetzt kommt was Neues – was das ist, weiß ich im Moment allerdings selbst noch nicht.“ Es wird, so viel steht fest, ein Act, der auf Homestorys und Live-Auftritte keinen Wert legen wird.



