Für Philippe Cohen Solal, neben Eduardo Makaroff und Christoph H. Müller die treibende Kraft hinter dem Gotan Project, stand von vornherein fest, dass das neue Album keine Kopie des immens erfolgreichen Debüts „La Revancha Del Tango“ werden würde: „Für uns galt seit dem ersten Tag des Gotan Projects die Prämisse, dass kein Song wie der andere klingen soll. Als wir mit den Aufnahmen zu ‚Lunatico‚ begannen, mussten wir uns erst einmal vom Erwartungsdruck befreien und ganz einfach wieder unserer Intuition vertrauen.“
Und damit fährt das Gotan Project auch diesmal wieder sehr gut. „Die Gefahr liegt doch vor allem darin, dass man sich zu sehr auf andere Menschen und ihre Vorstellungen einlässt, wie man jetzt zu klingen hat.“
Keine Einschränkungen
Für Philippe Cohen Solal steht die künstlerische Unabhängigkeit nach wie vor an erster Stelle. Das neue Album wird zwar von Universal vertrieben, erscheint aber, wie bereits das Debüt, auf seinem eigenen Label Ya Basta!. Musikalisch dreht sich wieder alles um den Tango, wobei die drei Musiker und ihre zahlreichen Helfer, unter anderem Joey Burns und John Convertino von Calexico sowie Juan Carlos Cáceres, Jimi Santos und Cristina Vilallonga, ihr Verhältnis zum traditionellen Tango bei jedem Song neu definieren.
„Ich war und bin in erster Linie Musiker und kein Geschäftsmann. Von unserem Debüt haben wir – ohne je einen Kompromiss eingegangen zu sein und ohne jedes Marketing – weltweit mehr als eine Million Alben verkauft. Wir machen uns keine Gedanken darüber, ob unsere Songs ins Radio oder TV passen oder wie lange ein Stück sein darf; ob es acht oder 15 Minuten dauert, spielt für uns keine Rolle.“
Beeinflusst von Folk und Country
Mehr als sechs Monate arbeitete das Gotan Project diesmal im Vorfeld der Albumproduktion an neuen Stücken – eine sehr intensive Erfahrung, wie Philippe Cohen Solal unterstreicht: „Der schwierigste Teil war diesmal die Endabmischung in Paris. Unsere persönliche Ausgangssituation hat sich seit dem Debütalbum grundlegend verändert. Damals haben wir in erster Linie moderne Clubmusik komponiert, und jeder Track auf dem Album war tanzbar. Inzwischen gehe ich nur noch selten in Clubs und höre nur sehr sporadisch elektronische Musik.“
Für Philippe Cohen Solal stehen mittlerweile ganz andere Stilrichtungen im Vordergrund: Sein Interesse gilt Bluegrass, Folk und Country. „Davon ist unsere neue Platte viel stärker beeinflusst als von elektronischen Klängen.“
Verbeugung vor Wenders
Und so ist es auch kein Wunder, dass die zwölf Songs auf „Lunático“, unter ihnen mit „Paris, Texas“ eine gelungene Verbeugung vor dem Filmregisseur Wim Wenders, viel tiefer in die Tango- und Folklore-Musik Argentiniens eintauchen als noch die Stücke auf „La Revancha Del Tango“: Denn im Vergleich zu den neuen Songs kratzte das Gotan Project damals nur ein wenig an der Oberfläche dieser Musik, während es mit dem zweiten Album die Kür abliefert.
„Wir haben mit ‚Lunático‘ versucht, die Seele des Tango einzufangen, und es ist uns auch diesmal wieder ganz gut gelungen“, sagt Cohen Solal. Zu den bewegendsten Songs auf dem neuen Album zählt „Domingo“, das dem jüngst verstorbenen Tango-Percussionisten Domingo Cura gewidmet ist, mit dem die Formation eigentlich auf „Lunático“ zusammenarbeiten wollte.


