Foto: Rainer F. Steussloff/Joker Auf Unverständnis stößt in der Branche vor allem die sprunghafte Erhöhung der Verwerterabgabe an die Künstlersozialkasse (KSK) in den vergangenen Jahren, während parallel der Bundeszuschuss von 25 auf 20 Prozent abgesenkt wurde. Die rot-grüne Bundesregierung, die 2000 die bis dahin geltenden unterschiedlichen Abgabesätze abschaffte, behandelt seitdem die vier Bereiche Wort, Bildende Kunst, Musik und Darstellende Kunst gleich – mit drastischen Folgen für die Musikbranche. „Seit der Übernahme der Bundesregierung durch SPD und Grüne 1998 ist die Künstlersozialabgabe im Bereich Musik von 1,6 über 4,3 auf 5,8 Prozent in 2005 gestiegen“, rechnet der Berliner Veranstalter Berthold Seliger vor – „eine skandalöse Steigerung um 362 Prozent“. Michael Russ, Präsident des Verbands der Deutschen Konzertdirektionen (VDKD), gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass „der Bereich Musik nicht die Quersubventionierung der anderen Branchen übernehmen kann“. Der Verband fordere eine Wiedereinführung der unterschiedlichen Abgabesätze. Auch die generelle Funktions- und Arbeitsweise der Künstlersozialkasse gerät zunehmend ins Visier der Betroffenen. „Das Hauptproblem an der KSK ist, dass zum Beispiel alle unsere Tourneekünstler privat versichert sind und letztlich von dieser gesetzlichen Versicherung überhaupt nicht profitieren“, gibt der Würzburger Veranstalter Manfred Hertlein zu bedenken. „Es ist vor allem nicht einzusehen, warum man die Auftritte ausländischer Künstler, die keinen Anspruch gegen die KSK haben, zur Abgabe heranzieht“, sagt Klaus Bönisch, der in München die KBK Konzertagentur betreibt. Überhaupt könne man die Verantwortung für die Erfolglosen nicht auf die Schultern der Unternehmer verfrachten, zumal die KSK mittlerweile inflationär genutzt werde. „Im Gespräch mit Musikern habe ich den Eindruck gewonnen, dass jeder, der sich nur im entferntesten mit einer künstlerischen Tätigkeit schmückt, bei der KSK aufgenommen wird“, berichtet Bönisch. Andererseits steht zur Diskussion, ob die Künstlersozialkasse bei der Verwerterabgabe tatsächlich alle Nutzer von künstlerischen Leistungen in ausreichendem Maße in die Pflicht nimmt. „Viele Verwerter, besonders außerhalb des klassischen Kultur- und Medienbereiches, werden immer noch nicht zur Zahlung der Künstlersozialabgabe herangezogen“, erklärt hierzu der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann. „Die Bundesregierung muss zur dauerhaften Sicherung der Künstlersozialversicherung deshalb schnellstmöglich ihren Finanzierungsanteil auf den alten 46/2004 9 live entertainment.dossier 3 Erhöhung der Künstlersozialabgabe sorgt für Unmut bei Veranstaltern das soziale Netz? München – Zum 1. Januar 2005 wird die Künstlersozialabgabe von derzeit 4,3 auf 5,8 Prozent steigen. Für die Live-Entertainment-Branche ist klar, wer die Zeche bezahlt: vor allem das Publikum und die „kleineren“ Künstler. musikwoche fragte Veranstalter nach ihrer Einschätzung der Lage. Live Entertainment in musikwoche Protest gegen Erhöhung der Künstlersozialgabe Seite 8 Schutzgemeinschaft für Agenturen und Diskotheken Seite 11 Target behauptet sich in München Seite 12 Zwei Jahre Color Line Arena in Hamburg Seite 13 SMG Deutschland weiter auf Expansionskurs Seite 14 Erfolgreiches Debütjahr von Wizard Promotions Seite 15 Interview mit Claus-Peter Schulenberg (CTS Eventim) Seite 16 Stand bringen.“ Henning Tögel von der Stuttgarter Konzertagentur Moderne Welt sieht ebenfalls erhebliche Versäumnisse bei der Inanspruchnahme der Abgabepflichtigen. „Ich frage die Künstlersozialkasse, warum sie es in 20 Jahren nicht geschafft hat, alle möglichen Beitragszahler überhaupt zu erfassen.“ Die Dunkelziffer sei sehr hoch. „Es gilt auch hier wieder der Satz: Der ehrliche Abgabenzahler wird bestrafft, der Hinterzieher wird belohnt.“ Tögel fordert ähnlich wie Olaf Zimmermann eine juristische Initiative, wobei der Kulturrats- Geschäftsführer eine Übergangsfrist anregt: „Verwerter, die sich innerhalb dieser Amnestieregelung melden, sollten dann nicht, wie vom Gesetz gefordert, vier Jahre rückwirkend mit der Künstlersozialabgabe belastet werden, sondern erst ab dem Tag der Meldung zahlen müssen.“ Konkret im Raum steht nun die Erhöhung des Abgabesatzes um mehr als 30 Prozent zum Jahresbeginn 2005. Doch wie 10 46/2004 dossier.live entertainment zählt.“ Überregulierung lautet das Reizwort, das Klaus Bönisch in die Diskussion einbringt. Die Prüfung angeblicher Scheinselbstständigkeit von freien Mitarbeitern im Medienbereich, die höheren Kosten aus den Anforderungen der neuen Versammlungsstättenverordnung und die Beweislastumkehr bei Hörschäden wegen angeblich zu lauter Konzerte führt der Münchner Veranstalter als Beispiele für „nicht mehr hinnehmbare Belastungen im ohnehin schon extrem risikobehafteten Veranstaltergeschäft“ an. Bis zum 7. Oktober hatten die Interessensverbände der betroffenen Branchen Zeit, um eine Stellungnahme beim zuständigen Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung abzugeben; am 27. Oktober wurde die beschlossene Erhöhung der KSK-Abgabe im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Zu Wort meldeten sich unter anderem der Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), Zeitungs- und Zeitschriftenverleger und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu Wort. Die Gewerkschaftsseite hingegen signalisierte Zustimmung. Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender von ver.di, bedankte sich in einem Brief bei Ministerin Ulla Schmidt für die Initiative. Die Zahl der Selbstständigen und damit der Versicherten in der KSK sei gestiegen, während gleichzeitig die Honorare gesunken seien. Für Veranstalter Berthold Seliger steht unterdessen fest: „Die rot-grüne Bundesregierung, die zu ihrem Amtsbeginn noch vollmundig die Förderung von Kunst und Kultur angekündigt hat, hat längst schlapp gemacht und sich aus jeder konstruktiven und sinnvollen Kulturpolitik verabschiedet.“ Jörg Laumann Generell sei deshalb mit Ticketpreiserhöhungen aufgrund der Abgabe an die Künstlersozialkasse zu rechnen, „wenn auch nicht bei unseren Shows“. Manfred Hertlein warnt vor einer Verschärfung des Konkurrenzkampfs im Veranstaltergewerbe. „Natürlich wird zwangsläufig eine Erhöhung der KSK-Abgabe an den Ticketkäufer weitergegeben – was wahrscheinlich wie immer bei hochpreisigen Konzerten mit guter Nachfrage keine große Rolle spielen wird“, glaubt der Schlager- und Volksmusikspezialist. KSK-Abgabe ist beschlossene Sache Ossy Hoppe, Geschäftsführer von Wizard Promotions in Frankfurt, sieht die Lage pragmatischer: „Jede Steuererhöhung birgt Gefahren“, erklärt er, „aber letztlich hat der Veranstalter und Künstler keine Wahl als zu spielen, besonders jetzt, wo der CD-Markt rückläufig ist.“ Neben den Auswirkungen auf die jungen oder weniger bekannten Künstler sieht die Branche auch sich selbst als Arbeitgeber bedroht. „Wenn hier in einem Segment Preissteigerungen von 35 Prozent vorgenommen werden, hat das fatale Auswirkungen auf privatwirtschaftliche Unternehmen, vor allem auf die mittelständischen“, warnt Michael Russ vom VDKD. „Erneut wird privatwirtschaftliches Engagement erschwert, das wesentlich zur kulturellen Vielfalt in Deutschland beiträgt.“ Henning Tögel befürchtet, dass die Veranstalter auf die steigenden Kosten mit Rationalisierungsmaßnahmen reagieren müssen: „Es geht auch um Arbeitsplätze – und das in einer Branche, die im Wirtschaftsleben dieses Landes zu den wenigen Lichtblicken auch immer die Diskussion um die Effizienz der Künstlersozialkasse weitergehen wird – eine KSK-Abgabe von 5,8 Prozent, da ist man sich in der Veranstalterbranche einig, wird in der Praxis vor allem die kleineren und mittleren Künstler treffen. Im Hochpreis-Segment lässt sich die erhöhte Sozialabgabe wohl durch einen weiteren Aufschlag auf die Ticketpreise kompensieren, bei unbekannteren Künstlern wäre das dem Publikum aber kaum vermittelbar. Die Folge: Einschnitt bei den Gagen. „Gerade neue Bands, um deren soziale Situation Politiker wie Claudia Roth und Antje Vollmer im Zuge der unsäglichen Quotendiskussion noch Krokodilstränen geweint haben, werden mit noch geringeren Einnahmen konfrontiert werden“, ärgert sich Berthold Seliger. „Natürlich beobachte ich die Situation mit Sorge“, räumt Dirk Hohmeyer (PSE Germany), der Macher der „Nokia Night Of The Proms“, ein. „Solche erhöhten Faktoren sind nicht kalkuliert, und wir werden sicher die Eintrittspreise anheben müssen, wenn die KSK-Spirale weitergedreht wird.“ Auch Reinhardt Grahl von Meistersinger Konzerte ist überzeugt: „Die Erhöhung der KSK-Beiträge und damit der Produktionskosten wird sich auf die Ticketpreise auswirken.“ Und Dieter Schubert von A.S.S. Concert & Promotion bestätigt: „Gerade die kleineren Acts werden noch viel weniger Angebote erhalten als sonst schon, da die KSK ja höher ist und auch gezahlt werden muss.“ Björn Gralla von der Bochumer Agentur Contra Promotion gibt zu bedenken, dass bei Veranstaltungen mit weniger bekannten Künstlern „die Kalkulationen naturgemäß deutlich enger ausfallen als bei den etablierten Acts“. In ihrer Ablehnung der erhöhten KSK-Abgabe sind sich alle Konzertveranstalter einig (v.l.n.r.): „Ossy“ Hoppe (Wizard Promotions), Reinhardt Grahl (Meistersinger Konzerte), Dirk Hohmeyer (PSE Germany), Berthold Seliger (Konzertagentur Berthold Seliger), Henning Tögel (Moderne Welt) und Klaus Bönisch (KBK) 46/2004 Schwarze Schafe auf der schwarzen Liste Berlin – „Schwarze Schafe“ in der Musik- und Veranstaltungsbranche nimmt die neue Elektronische Schutzgemeinschaft für Agenturen und Diskotheken (ESFAD) ins Visier. Ende September wurde unter www.esfad.de eine Internet- Plattform eingerichtet, auf der sich Veranstalter, Agenturen und Diskothekenbetreiber kostenlos registrieren lassen können. Das derzeit vierköpfige ESFAD-Team nimmt negative und positive Berichte über Geschäftsabläufe entgegen und macht diese für die registrierten Mitglieder zugänglich. Negative Bewertungen werden in einer „schwarzen Liste“ zusammengefasst und an die Teilnehmer verschickt. „Wir arbeiten mit einer Anwaltskanzlei zusammen, um die bestmögliche Prüfung der Bewertungen zu gewährleisten“, betont Initiator Marc-André Balló die Brisanz des Themas. Missbrauch der Plattform gelte es zu vermeiden, weshalb man bereits in mehr als 30 Fällen eingereichte Bewertungen abgelehnt habe. Mehr als 200 Marktteilnehmer seien bereits auf der ESFAD-Homepage registriert, so Balló. „Die Plattform ermöglicht es den Nutzern, sich im Vorfeld einer geschäftlichen Zusammenkunft über die Agentur oder den Veranstalter zu informieren“, sagt er. In der Vergangenheit hätten auf diese Weise Imageschäden und finanzielle Verluste vermieden werden können. So etwa im Fall der Agentur, die im Frühjahr gegen hohe Gagen Doppelgänger von Haiducii auf Tournee geschickt hatte. Anfang November überarbeiteten die ESFAD-Macher die Homepage der Schutzgemeinschaft. Für die Zukunft planen sie die Einführung des Siegels „Geprüftes Mitglied der ESFAD“ als Qualitätsstandard und die Öffnung für Einzelkünstler. Balló schwebt langfristig eine Art Schufa der Veranstaltungs- und Eventbranche vor. „Wir werden aber drei Jahre brauchen, um die ESFAD entsprechend zu etablieren.“ Jörg Laumann live entertainment.dossier Wertvolle Informationsquelle für die Musik- und Veranstaltungsbranche: die ESFAD-Homepage listet negative und positive Erfahrungswerte auf 12 46/2004 Target Concerts hält nichts von übertriebenen Preisen Erlaubt ist, was gefällt und sich verkauft München – Nach der Insolvenz von BSE behauptet sich Target Concerts als eine der letzten unabhängigen Größen im Münchner Konzertmarkt. Auch als überregionaler Veranstalter hat die Agentur viel zu bieten. Schon jetzt herrscht bei Target Concerts Vorfreude auf die „American Idiot“-Tournee von Green Day, die die US-Punkrocker im Januar 2005 durch fünf mittelgroße deutsche Hallen führen wird. „In England sind die Fans angesichts von Green Day dermaßen aus dem Häuschen, dass ihre Tournee dort mit immerhin 100.000 Tickets innerhalb von 24 Stunden ausverkauft war“, berichtet Target-Sprecher Thomas Bohnet, der gemeinsam mit Michael Löffler und Ingo Beckmann auch die Geschäfte des Münchner Veranstalters führt. In diese Zuschauerzahlen-Dimensionen werden Green Day auf ihrer Deutschland-Konzertreise zwar nicht vorstoßen, dennoch gelten die Gastspiele als sichere Bank. Zumal Target Concerts in Absprache mit der Band für äußerst moderate Ticketpreise von lediglich 20 Euro in allen Städten sorgen konnte. Ausverkaufte Clubs bescheren den Münchnern derzeit (und noch bis Mitte November) auch die Toy Dolls. Target schickt die wieder erstarkten Spaß-Punks („Nelly The Elephant“) in insgesamt acht deutsche Städte. Als weitere Tournee-Highlights für Herbst und Frühwinter nennt Michael Löffler unter anderem Cake, Slut und Embrace. Zu den Acts, die Target als örtlicher Veranstalter präsentiert, gehören große Namen wie Nick Cave, Nightwish oder Gentleman. Auch für die lokale Ausrichtung der Shows der Fantastischen Vier in Ingolstadt und München zeichnet die 1999 gegründete Agentur verantwortlich. Erlaubt ist, was gefällt bei Target Concerts – oder wie es Michael Löffler formuliert: „Wir machen, was uns gefällt und sich verkauft, oder umgekehrt.“ Musikalische Grenzen wollen sich die Münchner Veranstalter dabei jedoch nicht auferlegen. Grundsätzlich seien beide Bereiche der Veranstaltungsaktivitäten gleich wichtig, sagt der Geschäftsführer. „Allerdings macht das Veranstalten von Tourneen mehr Spaß. Da ist man näher dran.“ Insgesamt blickt man bei Target zufrieden auf das langsam zu Ende gehende Jahr zurück. „2004 entwickelt sich so, dass es verspricht, besser als das Vorjahr zu werden“, erklärt der Geschäftsführer. „Allerdings ist das Jahr noch nicht vorbei.“ Im Gegensatz zum lokalen Konkurrenten BSE, der im Frühjahr 2004 nach einigen Misserfolgen Insolvenz anmelden musste, laufen die Geschäfte, so Löffler, für Target Concerts auch als örtlicher Veranstalter solide. Nicht ganz zufrieden sei man lediglich mit der Hallensituation in München und zum Teil könne man „mit der öffentlichen Bürokratie“ in der Landeshauptstadt nicht im Einklang sein. Doch habe der Rückzug von BSE keine spürbaren Konsequenzen für das Tagesgeschäft mit sich gebracht. „Einige Lieferanten verlangen jetzt Vorkasse“, meint Löffler. „Ansonsten hat sich nichts geändert.“ Insgesamt gesehen lassen sich die verschiedenen Probleme der Live-Entertainment- Branche beziehungsweise deren Lösungsansatz nach Ansicht des Target- Geschäftsführers in einer kurzen Formel zusammenfassen: „Preise, Kosten und Größenwahn in den Griff bekommen.“ Jörg Laumann dossier.live entertainment dossier.live entertainment Will mit moderater Preisgestaltung dem Größenwahn trotzen: Löffler Diana Krall tourt durch Deutschland Frankfurt/M. (fm) – Nach einem umjubelten Konzert im Berliner ICC am 25. Oktober präsentiert der Tourneeveranstalter ACE im Dezember noch vier Deutschlandtermine der Jazz-Königin Diana Krall. Die weltweit gefeierte Sängerin und Pianistin ist am 2. Dezember zu Gast in der Münchner Philharmonie, am 3. Dezember in der Frankfurter Jahrhunderthalle, am 4. Dezember in der Essener Grugahalle und am 5. Dezember im CCH in Hamburg. Dabei begleiten sie ihr Stammgitarrist Anthony Wilson, Bob Hurst am Bass sowie Schlagzeugkoryphäe Peter Erskine. ACE bietet im Internet über www.ace-concert.de Karten sowie über die Telefon-Tickethotline 0621/8 62 55 50 an. Diana Krall feierte in diesem Jahr mit ihrem aktuellen Longplayer „The Girl In The Other Room“ (Verve/Universal Classics & Jazz) auf Rang sieben ihren bis dato größten Erfolg in den deutschen Charts. Für das Album schrieb sie mehrere Songs in Zusammenarbeit mit ihrem nicht minder berühmten Ehemann, dem britischen Songpoeten Elvis Costello. www.target-concerts.de Kommt im Dezember: Krall 13 Mit der Eröffnung der Halle hat laut Uwe Frommhold, Geschäftsführer der D+JArena Hamburg, für die Hansestadt „eine neue Zeitrechnung im Veranstaltungsund Freizeitbereich begonnen“. Die „Arena der unbegrenzten Möglichkeiten“ mit mehr als einer Million Besuchern im Jahr gehöre mittlerweile zu Hamburg „wie das Rathaus, die Alster oder der Michel“. Vor allem für das Gastronomie- und Hotelgewerbe, aber auch für den Einzelhandel sei sie zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sagt Frommhold. Die schmuck Arena im Volkspark, deren Namensrechte die norwegische Fährschiff-Reederei Color Line für bare Münze erwarb, war bislang Schauplatz von rund 250 Veranstaltungen. Pro Jahr stehen allein rund 70 Pop- und Rock- Konzerte auf dem Programm. So gastierten hier bislang unter anderem Elton John, Phil Collins, Lionel Richie, Shakira, Shania Twain, Anastacia oder die Ärzte. Doch auch spektakuläre Shows wie die größte Indoor-Opernproduktion „Aida“ mit über 600 Darstellern, die „Nokia Night Of The Proms“ oder Peter Maffays „Tabaluga“ sowie Musical-Inszenierungen und Eisrevuen wie „Holiday On Ice“ finden in der Arena statt, die zudem mit den Handballern des HSV Hamburg und den Eishockey- Cracks der Hamburg Freezers Heimstätte zweier Sport-Teams ist. Mit ihrer Kapazität von bis zu 16.000 Plätzen zieht die Arena jetzt viele große Namen nach Hamburg, die vorher einen Bogen um die Hansestadt machen mussten. Bis vor zwei Jahren stand als Maximum nur die Alsterdorfer Sporthalle mit höchstens 7.000 Besuchern Fassungsvermögen zur Verfügung. „Die Hamburger haben 40 Jahre lang auf so eine Arena gewartet“, resümiert Mike Keller, Event-Director der Color Line Arena. Vorteil der Halle sei vor allem die Flexibilität, die schnellste Umbauten ermögliche: „Wir können innerhalb von Stunden die Konzertarena in eine Eishockey-Halle verwandeln oder umgekehrt“, so Keller. „Zwei LKW-Einfahrten in den Innenraum, perfekte Rigging-Möglichkeiten und eine verteilte Dachlast von 150 Tonnen sind weitere große Vorteile für Konzertveranstalter“, erklärt der Event-Experte. Die Eisfläche wird mit isolierenden, aber dennoch belastbaren Dämmplatten abgedeckt. So stelle die relativ häufige Belegung der Halle für die Sporttermine kein wesentliches Problem für die Planung von Konzerten und anderen Produktionen dar. Lukrativ seien auch die Angebote im Business Bereich, der sich nach anfänglichen Startschwierigkeiten außerordentlich positiv entwickelt habe. So seien 51 der 74 vorhandenen Kundenlogen langfristig vermietet. Als Konzert-Highlights für 2005 stehen unter anderem Auftritte von R.E.M. (19. Februar), Mark Knopfler (23. April) und Joe Cocker (11. Mai) fest. Westernhagen ist bereits jetzt für den 21. Oktober 2005 gebucht. „Kapazitäten sind vor allem noch im Sommer vorhanden, wenn keine Sporttermine anstehen und Konzerte häufig open-air, wie zum Beispiel im Stadtpark, stattfinden“, erläutert Mike Keller. In diesem Zeitraum biete sich die Color Line Arena für Jahreshauptversammlungen oder Firmenveranstaltungen großer Unternehmen an. Frank Medwedeff Zwei Jahre Color Line Arena in Hamburg Neue Zeitrechnung für Live-Events Hamburg – Am 8. November vor zwei Jahren öffnete die Color Line Arena ihre Tore. Zum Geburtstag der Hamburger Multifunktionshalle zieht die Betreibergesellschaft D+J-Arena Hamburg GmbH ein positives Resümee. live entertainment.dossier 46/2004 live entertainment.dossier Anzeigen Erlaubt blitzschnellen Auf-, Ab- und Umbau: die Color Line Arena www.colorline-arena.com @ 46/2004 15 „Ossy“ Hoppe ist mit Debütjahr von Wizard zufrieden Alle Erwartungen übertroffen Frankfurt/M. – Die Ende 2003 gegründete Frankfurter Konzertagentur Wizard Promotions ist ein noch junger Player in der Live-Entertainment- Branche. An ihrer Spitze steht mit Oskar „Ossy“ Hoppe jedoch einer der erfahrensten und bekanntesten deutschen Impresarios. Seit rund 30 Jahren ist Ossy Hoppe eine feste Größe im deutschen Konzertgeschäft. Nachdem der Spross einer Zirkusfamilie zunächst in den USA und in England Management- und Veranstaltererfahrungen gesammelt hatte, gründete er 1976 in Frankfurt die Agentur Shooter Promotions, die sich vor allem im härteren Rockbereich schnell einen Namen machte. Unter anderem brachte Hoppe das Festival „Monsters of Rock“ nach Deutschland. Die Liste der von ihm betreuten Künstler liest sich wie das Who’s Who der Hardrock- Szene: Deep Purple, Aerosmith, Kiss, Guns ‚N Roses, Scorpions und viele mehr. Nachdem Ossy Hoppe neun Jahre als Partner in der Marek Lieberberg Konzertagentur tätig gewesen war, zeichnete er von 1998 bis 2003 als Geschäftsführer für die DEAG-Tochter Global Concerts verantwortlich. Zum Beginn dieses Jahres folgte mit der Wizard Promotions Konzertagentur GmbH der erneute Schritt in die Selbstständigkeit. „Wir sind mit unserem ersten Jahr sehr zufrieden“, bilanziert Hoppe, der als Geschäftsführer und Miteigentümer von Wizard fungiert. „In kürzester Zeit haben wir uns über unsere Erwartungen hinaus etabliert.“ Dabei kamen dem „Wizard of Os“ auch die nach wie vor guten Drähte zum Frankfurter Großveranstalter Marek Lieberberg zugute, den er bei der Ausrichtung der Tourneen von Shania Twain, Metallica und Simon & Garfunkel unterstützte. Auch bei der Herbst-Hallentournee von Sting arbeitet das Duo Lieberberg/ Hoppe zusammen. In Eigenregie schickte Wizard Promotions im Sommer neben anderen alte Bekannte wie Whitesnake oder Judas Priest auf deutsche Bühnen. Im Herbst folgen The Prodigy und jüngere Bands wie Kings Of Leon, die Lostprophets oder The Calling. Die Akquise neuer Künstler ist überhaupt ein vorrangiges Thema im Hause Wizard. Julia Frank als Head of Modern Rock und Ioannis Panagopoulos als Booker für New Talent sind hierfür zuständig. Stilistisch spielen Rock und Hardrock zwar eine große, aber keineswegs die alleinige Hauptrolle. „Gut oder schlecht“, seien die einzigen Kriterien bei der Auswahl der Acts, erklärt Ossy Hoppe. „Wir versuchen uns mit unseren Künstlern auf allen Ebenen zu identifizieren.“ Das Spektrum reicht bis hin zu Udo Jürgens oder Peter Maffays „Tabaluga“-Shows, für die Wizard Promotions jeweils als örtlicher Veranstalter in der Rhein-Main-Region auftrat. Den Großraum Frankfurt als Konzertstandort beurteilt Hoppe als „sehr gut“. Allerdings „wäre es vonnöten, noch ein oder zwei Alternativen mit Kapazitäten von 2000 bis 4000 zu haben.“ Insgesamt bilden allerdings die Aktivitäten als überregionaler Tourneeveranstalter den Schwerpunkt des Geschäfts. Angesprochen auf die aktuelle Lage im Live- Entertainment-Bereich demonstriert Ossy Hoppe die Gelassenheit des Veranstaltungsroutiniers: „Probleme gibt es und wird es immer geben. Das wirkliche Problem ist es, sich auf diese Probleme einzustellen.“ Jörg Laumann live entertainment.dossier Urgestein im Business: Hoppe Musical-Spektakel in Köln Hamburg/Köln (fm) – Stage Holding kündigt eine „Weltpremiere“ an: Vom 12. bis 14. November präsentieren in der Kölnarena rund 100 Künstler die Gala „Best Of Musical 2004“ mit Höhepunkten aus den beliebtesten Musicals wie „Cats“, „Mamma Mia!“, „Das Phantom der Oper“, „42nd Street“ oder „Der König der Löwen“ bis hin zu Passagen aus den noch nicht angelaufenen Produktionen „Die drei Musketiere“ und „Wind Of Change“. Mit von der Partie sind Stars der Szene wie Uwe Kröger, Carolin Fortenbacher, Isabel Dörfler und Judith Lefeber. Die Nachfrage ist enorm. Schon knapp einen Monat vorher waren über 35.000 Tickets verkauft, sodass Stage Holding eine Zusatzshow anberaumte und das Event an den drei Tagen jetzt insgesamt fünfmal aufführt. Moderator ist der fernseherprobte Sebastian Deyle. Christian Struppeck, Artistic Director Stage Holding, erklärt: „Unser Publikum möchte so eine Gala sehen. Dieses Interesse haben wir erkannt – und so möchten wir unseren Zuschauern einen Abend in erstklassiger Qualität bieten, auf großer Bühne, mit großem Ensemble, ganz neuen Choreografien und großem Orchester.“ Laut Nadia Elisa Irnig, Junior Project Manager New Business, denkt Stage Holding auch daran, die Gala auf Tour zu schicken – „auch wenn es extrem schwierig ist, die Termine der Darsteller zu koordinieren, die ja weiter an den festen Standorten im Einsatz sind.“ www.wizardpromotions.de @ www.stageholding.de @ xx/Klaus-Peter Schulenberg über Gegenwart und Zukunft von CTS Eventim „Wir sind nach wie vor hungrig auf Erfolg“ Bremen – Das Rekord-Konzertjahr 2003 ist nicht zu toppen, dennoch zeigt man sich bei der CTS Eventim AG zufrieden. Klaus-Peter Schulenberg, der Vorstandschef des Veranstaltungs- und Ticketing-Giganten, zieht im Gespräch mit Jörg Laumann ein positives Resümee des Konzertjahres und gibt sich weiter erfolgshungrig. musikwoche: Wie bewerten Sie das Veranstaltungsjahr 2004? Klaus-Peter Schulenberg: Das Geschäftsjahr 2004 entwickelte sich so, wie wir es erwartet und geplant haben. Natürlich muss man Anfang November noch etwas vorsichtig sein, da die letzten sechs Wochen im Jahr für das Ticketgeschäft traditionell sehr wichtig sind. Alles in allem aber sind wir auf einem guten Weg. mw: Im ersten Halbjahr sind Ihre Umsätze im Veranstaltungsbereich gesunken, beim Ticketing aber gewachsen. Wird sich dieser Trend fortsetzen? Schulenberg: Ja, so wie wir es angekündigt haben. 2003 war ein absolutes Rekordjahr im Live-Entertainment. Fast alle Großen des Show-Business waren in Deutschland auf Tour – von Madonna bis Bruce Springsteen und von den Rolling Stones bis Herbert Grönemeyer. Dies war 2004 nicht zu toppen – deshalb haben wir frühzeitig darauf hingewiesen, dass eine Umsatzsteigerung in diesem Segment unmöglich beziehungsweise nicht wahrscheinlich ist. Dennoch sind wir mit der Gesamtentwicklung zufrieden und konnten einige Highlights verbuchen wie Simon & Garfunkel oder jetzt Anastacia. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten wird 2004 sehr erfolgreich: Wir verbessern das Konzernergebnis gegenüber dem Vorjahr deutlich. mw: Erwarten Sie durch das Ticketing für die Fußball-WM ab dem kommenden Jahr einen Schub für Ihre gesamten Aktivitäten? Schulenberg: Das Ticketing entwickelt sich insgesamt sehr gut, auch unabhängig von dem Thema Fußball-WM. In diesem Bereich wachsen wir überproportional und erwirtschaften ordentliche Erträge. Hier haben wir uns ganz klar als Marktführer positioniert und werden dieses Geschäft dynamisch weiter ausbauen. Natürlich hilft dabei ein Erfolg wie der Gewinn der WM-Ausschreibung. FIFA, DFB und Olympisches Komitee haben erkannt, dass wir die beste Software und die beste Organisation anbieten können. Für uns ist neben der betriebswirtschaftlichen Betrachtung vor allem der enorme Image-Gewinn von großer Bedeutung. mw: Sie haben unlängst eine Kooperation mit TUI beim Verkauf von Konzertkarten vereinbart. Was versprechen Sie sich davon? Schulenberg: Einen Ausbau unseres Geschäftes. Wir sind sehr erfolgreich mit unseren Vorverkaufsstellen, mit unseren Call Centern und dem Internet. Aber jede weitere Verkaufsstelle erhöht unsere Chancen, mehr und neue Kunden anzusprechen und damit zusätzliche Tickets abzusetzen. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit einem renommierten Touristik-Unternehmen wie TUI und seinen über 1.300 Reisebüros eine Chance, die wir nicht ungenutzt lassen. mw: Bis zum Jahresende bleibt Ihr Download-Angebot eventim-music.de unverändert bestehen. Wie geht es nach dem Aus für Phonoline im kommenden Jahr weiter? Schulenberg: Es ist zu früh, darüber eine Aussage zu machen. Wir prüfen verschiedene Optionen und werden in den nächsten Wochen eine Entscheidung treffen. mw: Welche Rolle spielt das Internet generell in Ihrer längerfristigen Strategie, zum Beispiel beim Ticketing? Schulenberg: Eine entscheidende Rolle. Von Monat zu Monat verkaufen wir mehr Tickets im Internet und erhöhen damit unsere Wertschöpfung. Die Brutto-Marge im gesamten Ticketing betrug im ersten Halbjahr 2004 50,9 Prozent, die EBIT-Marge 17,5 Prozent. Beim Internet-Ticketing ist der Ertrag besonders hoch. Wir konnten den Online-Absatz im ersten Halbjahr 2004 auf über 900.000 Tickets steigern und haben hier einen großen Vorsprung vor den Mitbewerbern. Es gibt unter Experten heute keinen Zweifel daran, dass Internet und Ticketing ein erfolgreiches Gespann sind. Deshalb werden wir dieses Instrument weiter nutzen und ständig nach Möglichkeiten suchen, diesen Bereich auszubauen. 16 46/2004 dossier.live entertainment dossier.live entertainment mw: Halten Sie das Anbieten von „print at home“-Tickets für sinnvoll? Schulenberg: Ja, zumindest für eine Übergangsperiode. Im Augenblick wäre diese Lösung ein Fortschritt gegenüber den Tickets, die man entweder an der Vorverkaufsstelle kauft oder aber per Post nach Hause bekommt. Man würde durch print at home diesen Zwischenschritt sparen und dem Kunden mehr Flexibilität bieten. Natürlich denken wir schon einen Schritt weiter: Durch die Möglichkeit, Tickets elektronisch zu übermitteln und beispielsweise auf ein Mobiltelefon zu spielen, überspringt man eine Technologiestufe und kann noch mehr Service und Geschwindigkeit bieten. Aber so war es immer im Geschäftsleben: Eine Idee entsteht, ist eine Weile erfolgreich und wird dann entweder weiter entwickelt oder abgelöst durch neue Technologien. Wir arbeiten daran und wollen die Nummer eins dabei sein. mw: Hat der Zusammenbruch des Tonträgermarktes einen Schub für den Live- Entertainment-Sektor bewirkt? Schulenberg: Nein, diesen direkten Zusammenhang sehe ich nicht. Live-Auftritte von Künstlern waren immer notwendig, um die Tonträgerindustrie zu beflügeln. Wir stellen fest, dass der Wunsch vor allem der jungen Generation nach dem Live-Erlebnis größer ist als jemals zuvor. Man will Stars live erleben, auf der Bühne sehen, als Persönlichkeit wahrnehmen und nicht nur in Videoclips auf MTV und Viva aus der Distanz betrachten. Live Entertainment erlebt eine Renaissance, über die wir alle sehr froh sein müssen. mw: Sind die Garantiesummen und Gagen für Künstler generell zu hoch? Schulenberg: Unmöglich zu beantworten. Sind die Gehälter für David Beckham, Michael Schumacher oder Tiger Woods zu hoch? Ohne Schumacher wäre die Formel 1 vielleicht seit zehn Jahren am Ende – demnach ist jedes Jahresgehalt, das er heute erhält, völlig in Ordnung. Ich glaube, dass der Markt dies regelt – und zwar mit dem einfachen Prinzip von Angebot und Nachfrage. Wer gefragt ist, kann alles verlangen, auch hohe Garantiesummen. mw: Möchten Sie die Aktivitäten von CTS Eventim weiter ausbauen? Falls ja, in welche Richtung? Schulenberg: Natürlich wollen wir unser Geschäft weiter ausbauen, das sind wir unseren Partnern in der Branche, unseren Aktionären am Kapitalmarkt und unseren Mitarbeitern schuldig. Wir werden zwar kurzfristig keine neuen Geschäftsfelder eröffnen. Aber wir werden das Europageschäft ausbauen, neue Gesellschaften in West- und Osteuropa gründen und Ausschau nach Übernahmekandidaten beim Ticketing und beim Live-Entertainment halten. Wir sind nach wie vor hungrig auf Erfolg und werden alles daran setzen, die CTS-Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. zur person Klaus-Peter Schulenberg gründete 1973 seine erste Agentur. Den Grundstein für sein Firmenimperium legte der Bremer 1996 mit dem Erwerb von Computer Ticket Service (CTS). Zum Netzwerk von CTS Eventim zählen die Veranstalter Marek Lieberberg, Peter Rieger, Semmel Concerts, Dirk Becker, Argo und FKP Scorpio. Anzeige live entertainment.dossier live entertainment.dossier
Live-Entertainment-Dossier: Reißt das soziale Netz?
Zum 1. Januar 2005 wird die Künstlersozialabgabe von derzeit 4,3 auf 5,8 Prozent steigen. Für die Live-Entertainment-Branche ist klar, wer die Zeche bezahlt: vor allem das Publikum und die „kleineren“ Künstler. musikwoche fragte Veranstalter nach ihrer Einschätzung der Lage.


