So erntete die gebürtige Bremerin bei ihren Proben am Dienstag und Donnerstag den größten Applaus. Die beiden anschließenden Pressekonferenzen deuteten ebenfalls darauf hin, dass es eigentlich nur einen Sieger geben kann: Deutschland. Und damit hätte das Urgestein des Grand Prix, Ralph Siegel, diesmal wieder unterstützt durch den Texter Dr. Bernd Meinunger, den ersehnten zweiten Sieg für Deutschland nach 20 Jahren eingeheimst. Die Zusammenfassung aller wies Corinna May eindeutig als Nummer eins aus. Und genau dies hätte zur Besorgnis Anlass geben müssen. So hat im Jahr 2000 kaum jemand auf die Olsen Brothers oder 2001 auf die für Estland startenden Tanel Padar und Dave Benton gesetzt.
Die 28-jährige Rechtsanwältin Marie N. aus Lettland war somit die dritte Außenseiterin in Folge, die über ihre Konkurrenz triumphierte. In Tallinn erwies sich, dass eine gute Stimme allein nicht ausreicht. In Zeiten von Televote zählt die Show, die Fähigkeit die maximal erlaubten drei Minuten so gut und so spektakulär wie möglich zu nutzen. Mit einer ausgefeilten Choreographie inklusive Kostümwechsel zog die gebürtige Russin an allen Konkurrenten davon. Lediglich die für Malta startende Ira Losco konnte mit Platz zwei noch mithalten.
Ralph Siegel, der unter großem Gelächter der Journalisten während der Probenwoche zum mindestens fünften Male seinen Rücktritt vom Grand Prix ankündigte, revidierte dies bereits wieder auf der After-Show-Party. Fünf Jahre wolle er pausieren und sich danach wieder am Wettbewerb beteiligen. Diese Version klingt schon glaubwürdiger. Doch bleibt die Frage offen, ob erst nach fünf Jahren oder vielleicht nicht doch schon früher.
Auch wenn man über Gründe des 17-Punkte-Debakels von Tallinn noch lange diskutieren kann und wird, so ist eines sicher: Am Auftreten der deutschen Delegation in der estnischen Hauptstadt lag es sicher nicht. Unter der Federführung des Delegationsleiters Jürgen Meier-Beer, der Verantwortliche für den Grand Prix beim NDR, zeigte sich und das ganze Team auf den meisten Empfängen der Delegationen. Hier präsentierte sich Corinna May locker und gut gelaunt und ließ alle Interviews souverän über sich ergehen. Dies war für andere Delegationen noch lange nicht selbstverständlich. So blieben die mit größten Erwartungen angereisten Schweden dann doch lieber unter sich. Am Donnerstag gab es einen Empfang in der schwedischen Botschaft, zu dem nur schwedische Journalisten Zugang hatten. Wie man mit diesen Methoden einen Sieg und die damit angepeilte internationale Vermarktung erreichen wollte, weiß wahrscheinlich allein der Manager des Damentrios Afro-Dite, Bent Carlsson. Der am Ende glücklich errungene siebte Platz ließ den eigens für den Grand Prix engagierten Psychologen auf der After-Show-Party aussehen, als hätte er selbst Hilfe nötig.
Auch die extrem arrogant auftretenden Dänen haben durch den 24. und damit letzten Platz wohl ihre Quittung erhalten und ihre daheim gebliebenen Grand-Prix-verrückten Landsleute in einen Schockzustand versetzt. Somit muss unser nördlichstes Nachbarland ein Jahr aussetzen. Ein Schicksal, das den Deutschen dank der „Big Four“-Regelung erspart bleibt. Da Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland am meisten in die Kasse der European Broadcasting Union, EBU, einzahlen, sind diese Länder stetig teilnahmeberechtigt.
Wie man sich trotz permanenter Präsenz auf allen Empfängen und Parties unbeliebt machen kann, zeigte der für Griechenland startende Michalis Rakintzis und seine Gruppe. Mit einem Gesicht, als sei in Griechenland das Lachen gesetzlich verboten oder als hätte man den letzten Bus verpasst, ist es auch kein Wunder, wenn kaum jemand von der Formation Notiz nahm. Dagegen entstand beim Erscheinen der spanischen Vertreterin, Rosa, ein regelrechter Massenandrang der angereisten spanischen Journalisten und Fans. Die in einer gigantischen sechsmonatigen TV-Show, eine Mischung aus „Big Brother“ und „Popstars“, ausgewählte Andalusierin wurde empfangen wie eine Königin.
Den wohl positivsten und nachhaltigsten Eindruck hinterließen zweifelsohne drei Damen aus Slowenien. Genaugenommen waren sie Herren in Flugbegleiterinnen-Uniformen und stets von Kameras umlagert. Sie zeigten sich auf nahezu jeder Party und waren mit ihrem erfrischenden Auftreten ein Teil der Grand-Prix-Familie. Ihr Empfang am Dienstagabend war das Highlight. Mit einer hervorragenden Drag-Show sorgten die Drei für reichlich Stimmung und am nächsten Tag für reichlich Gesprächsstoff.
Ob die 48. Ausgabe der Eurovision nun in Riga stattfindet, scheint allerdings noch nicht sicher. Im Gespräch ist Ventspils, eine kleine Stadt an der Küste Lettlands und Sitz des Grand Prix Sponsors VDA. Eines hat sich nach dem 25. Mai gezeigt: Nichts ist beim Grand Prix so, wie es mal war. Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass die Sieger nicht mehr aus Großbritannien, Irland oder Schweden kommen. Und es kommt noch exotischer. Länder wie Albanien, Weißrussland, Serbien und Montenegro und die Ukraine stehen für eine Teilnahme 2003 bereits in den Startlöchern. Ob das der Veranstaltung gut tut, bleibt abzuwarten. Bereits einige Stunden nach der Show gab der finnische Delegationsleiter, Markko Laaksonen, ob des schlechten Abschneidens der skandinavischen Länder bekannt, dass diese dem Wettbewerb wohlmöglich in Zukunft fernbleiben und eine nordische Ausgabe ins Leben rufen möchten. Auch der Ort für die deutsche Vorausscheidung zum Grand Prix 2003 steht noch nicht endgültig fest. NDR-Unterhaltungschef Dr. Jürgen Meier-Beer .



