Musik

Leslie Mandoki, Park Studios, Tutzing am Starnberger See: „Für authentische Musik gibt es immer einen Markt‘

Für viele Experten ist das Ende der großen Tonstudios beschlossene Sache. Einer, der sich gegen diese These stemmt, ist , Inhaber der am Starnberger See. In einem Gastkommentar für musikwoche.de erläutert Mandoki die technische Entwicklung und die daraus resultierenden Folgen für die Studioszene.

“Die Markteinbrüche des Tonträgerverkaufs nehmen an Dramatik zu. Dafür gibt es viele Gründe. Aus der Sicht des Musikers hat das allerdings keineswegs monokausal mit MP3-Formaten und CD-Brennern zu tun. Die Ursache liegt in der substanziellen Repertoireschwäche unserer Industrie. Gerade wegen scheinbar kostenfreier, digitaler Vertriebswege und Formatmedien muss das Repertoire der Zukunft noch viel mehr auf offenkundige gesellschaftliche Bedürfnisse reagieren.

Die stetig fortschreitende Diversifikation der Genre-Segmente bekräftigt diesen Anspruch. Popmusik muss gestellte und nicht gestellte Fragen des Zeitgeistes beantworten können und dieser Prozess fängt nun mal im Tempel der Kreativität, im Tonstudio an. Somit haben die dortigen, signifikanten Veränderungsprozesse einen direkten Einfluss auf die Marktentwicklung. Mag sein, dass für die ‚BWL-Fraktion“, ebenso wie für die ‚Jugend forscht-Abteilung“ in den Record-Companies der Verfall der Produktionskosten und Verlagerung der Produktionen von Studios in kleine ProTools-Units eine willkommene Kostenersparnis darstellt.

Ein weitsichtiger, konstruktiv-kritischer Blick in die anglo-amerikanischen Charts aber bringt Ernüchterung: Es gibt praktisch keine Long-Term Artists ‚von drüben“, die nicht in anständigen Studios aufwändig produzieren. Vielleicht ist dies der Hauptgrund, warum ihre Halbwertszeit wesentlich höher ist, als die der meisten einheimischen Produktionen? Die technischen Neuerungen der vergangenen Jahre, vor allem die Digitalisierung der Aufnahmetechnologie und der Tonträgerformate, führten und führen auch weiterhin zu radikaler Demokratisierung in der Musikproduktion und damit zu implosionsartigen Veränderungen am Beginn der musikalischen Wertschöpfungskette.

Schon mit den ersten Sample-Geräten wurde vor über zehn Jahren eine Entwicklung in Gang gesetzt, die zur Folge hatte, dass heute die meisten der professionellen Session- und Studiomusiker – vielleicht mit Ausnahme der Sänger und einiger Gitarristen – ihre regelmäßige Einkommensquelle verloren haben. Wie nicht anders zu erwarten, schlägt diese Entwicklung inzwischen auch voll auf die Studioszene durch. Als direkte Folge mussten unzählige kleinere Studios im mittleren Preissegment ‚dicht machen“ und auch Großstudios stehen entweder vor der Liquidation oder aber vor radikalen Umstrukturierungen – die mit immensen Investitionen verbunden sind.

Schon an der breiten Basis von Amateur- und Schülerbands wird deutlich, welch einschneidende Veränderungen sich in den letzten Jahren vollzogen haben. Während junge Bands früher ihre Gagen mehrerer Gigs zusammenlegten, um zwei bis drei Tage lang in einem kleinen, mittelmäßigen Tonstudio ihre Demos aufzunehmen, wird heute mit abschätzbarem Mehraufwand in die eigene Unabhängigkeit investiert.

Umbrüche schon an der Basis

Mit professionellen Audio-Midi-Sequencern, wie zum Beispiel Logic und Cubase für Mac oder PC sowie anderen vergleichbaren digitalen Hardware-Multitrackern, lassen sich im eigenen Proberaum mit einer Hand voll passender Mikros vom nächsten Equipmentverleih schon ganz passable Demos herstellen. Ähnliches vollzieht sich in der Studioszene auch für den Bereich der professionellen Tonträgerproduktion. Weshalb sollte ein Produzent oder Studiobetreiber heute noch siebenstellige Summen investieren, um sich ein Studio mit aufwändigem akustischen Raumkonzept, mehreren Bandmaschinen, großzügiger Mixing-Console und feinsten Outboards einzurichten?

Verständlicherweise haben sich viele unserer Kollegen vorwiegend aus ökonomischen Gründen entschieden, für einen Bruchteil der Kosten mit ProTools-gestützten Recording-Plattformen zu arbeiten. Diese Art von Arbeitsplatz lässt sich notfalls auch bequem im eigenen ausgebauten Keller oder im Hinterhof einrichten. Sollte dann doch einmal für eine aufwändigere Aufnahme ein größerer Aufnahmeraum gebraucht werden, lässt sich das notwendige Equipment für die Fahrt zum gebuchten Tonstudio leicht im Kombi transportieren. Nach den Aufnahmen kann dann wieder ‚zu Hause“ weitergearbeitet werden.

Die technisch-akustischen Unterschiede zwischen digitalem und analogem Aufnahmeverfahren sind vermeintlich nur marginal. Die Beurteilung dieser Problematik durch Produzenten, Toningenieure und Musiker wird daher immer subjektiv und eher philosophischer Natur sein. Wesentlich entscheidender sind die Veränderungen, die sich durch neue technische Möglichkeiten in der Art des Musikproduzierens ergeben haben. Auf dem Computer lassen sich die Tracks nun mal sehr leicht editieren. Insofern hat sich durch Loops, Copy-paste und allerlei Verfremdungsmöglichkeiten so etwas wie eine neue Kunstform des pattern-orientierten Recordings etabliert. Die Aufnahme selbst ist dabei oft nichts anderes als eine Sammlung von Versatzstücken – quasi als Fundus musikalischer Rohmasse – die dann hinterher im experimentellen Prozess so lange geschnitten, geloopt, „eingeflogen“ und editiert wird, bis das Gesamtergebnis – vergleichbar einem musikalischen Patchwork – passt.

Man möge mich jetzt allerdings bitte nicht missverstehen. Ich halte diese Art Musik zu produzieren keineswegs für verwerflich. Sie ist lediglich anders – eine neue Art mit Musik umzugehen, nicht zuletzt Resultat der technischen Entwicklung. Dies bestätigt ja auch der kommerzielle Erfolg. Schließlich sind die Charts voll von so produzierten Titeln.

Magische Momente bewahren

Unsere Sache ist dies jedoch freilich nicht! Vielmehr lautet unsere Philosophie: ‚Wer den magischen musikalischen Moment möchte, der muss in den Tempel gehen, in dem es passieren kann.“ Wir nehmen schon von vornherein gute Musik auf und nicht einzelne Bausteine, die sie durch Editieren erst dazu zu machen. Wir sehen jeden Track von Anfang bis Ende als Einheit mit eigenem Charakter und kontinuierlichem Fluss. Das ist sehr aufwändig und – auch für die Musiker – arbeitsintensiv, weil schon bei der Aufnahme darauf geachtet wird, dass alles passt und der Charakter genauso rüberkommt, wie es der Produzent haben will. Da werden auch schon mal ganze Songs komplett neu aufgenommen, wenn sich zum Beispiel über einen längeren Zeitraum das Gesamtklangbild einer Albumproduktion verändert hat.

Wir waren ja eigentlich nie hip, folgen keinem angesagten Mode-Trend. Stattdessen stehen für uns immer die eigentliche Kraft der Musik und die Ausdrucksfähigkeit der Künstler im Vordergrund. Ziel ist die Authentizität der Musik und der künstlerisch-sensible Umgang mit der Komposition, um die magischen Momente einer Recording-Session als Aufnahme festzuhalten und zu bewahren. So zu arbeiten, kostet natürlich einen Haufen Geld, und so bleibt uns von einem durchschnittlichen Albumbudget lange nicht soviel wie anderen Kollegen, die wesentlich kostengünstiger produzieren. Zumal auch die Tonträgerindustrie aufgrund der technischen Entwicklung schon lange nicht mehr so viel in die Produktion investiert, wie noch vor einigen Jahren.

Trotzdem verfolgen wir weiterhin die Vision, authentische, zeitlose Musik auf möglichst hohem musikalisch-technischen Niveau zu produzieren. Und vielleicht ist gerade das der Grund, warum uns heute so viele internationale Künstler ihr Vertrauen schenken – ein Privileg, keine Frage. Für gute, authentische Musik wird es auch immer einen Markt geben. Musiker zu sein ist eine Berufung und bringt auch viel Spaß an der Sache.

Koexistenz der Philosophien

Dafür bin ich unseren Auftraggebern in der Tonträgerindustrie sehr dankbar. Denn sie müssen an uns glauben. Ich habe die Plattenfirmen nie als Feinde verstanden, wie viele Musikerkollegen das tun, sondern immer als Freunde und Partner. Denn die Verantwortlichen der Labels, die uns die Möglichkeit Musik zu machen erst geben, stehen unter großem Druck. Ein Beispiel für diesen Komplex ist das neue , das ich ohne Budget oder Schedule produziert habe. Wir ließen einen Pino Palladino für vier Bass-Takte einfliegen. Wir investierten, wir riskierten, wir schwitzten, warfen Songs weg, und machten sie noch mal. Es kommt eben darauf an, ob man bereit ist, das alles zu tun. In diesem Fall hatten wir den größten Teil des Albums produziert, bevor wir uns um den Deal mit einer Record-Company gekümmert haben, aber ich glaube an die Musik, und aus diesem Grund handelten wir so. Das Geschäft kommt später, es muss Kunst davor stehen.

Ich will mit der Produktionsweise keinen Stress haben, denn unter Stress zu arbeiten heißt, dass erst das Geschäft und dann die Musik kommt. Bei Joshua ergab es sich bei einem Besuch von (), der bei uns in Tutzing war, um ganz allgemein über mögliche Kooperationsthemen zu sprechen. Ich habe ihm auch die Aufnahmen mit Joshua vorgespielt. Das führte zu einem Besuch von Evelyn Junker und dann bald zu den ersten Gesprächen mit . Nach dem fulminanten Charts-Entry dieser nationalen Produktion freue ich mich sehr, dass das von EMI in uns gesetzte Vertrauen und diese urkonservative Vorgehensweise seine Bestätigung fand.

Grundsätzlich habe ich noch nie einen Song geschrieben oder aufgenommen, weil ich damit Geld verdienen wollte. Und trotzdem gelang es uns immer wieder, unsere wirtschaftliche Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen, da wir uns immer auf die Musik und deren Aussage konzentriert haben. Musik-Aufnehmen ist eine Profession und nicht einfach mal ein bisschen Zurecht-Editieren, bis es passt. Wir müssen den kreativen und zerbrechlichen Moment festhalten.

Über eine „friedliche“ Koexistenz der verschiedenen Recording-Philosophien braucht man sich nicht zu sorgen – das regeln schon die heterogene Struktur des Publikumsgeschmacks und die anglo-amerikanisch beeinflussten Hörgewohnheiten. Dennoch gibt es keinen Grund, sich in ‚Friede-Freude-Eierkuchen“-Manier zurückzulehnen. Die stete qualitativ-technische Verbesserung der semi-professionellen Recording-Plattformen wird in Teilbereichen auch weiterhin zu einer Reduzierung der klassischen Studio-Jobs führen. Früher oder später werden die meisten Musikschaffenden in der Lage sein, große Teile ihrer Produktionen – wenn auch mit qualitativen Abstrichen – in der eigenen Home-Recording-Umgebung zu erstellen.

Nun wäre es traurig, wenn sich ein Tonstudio oder Produktionshaus nur über die Qualität seines Maschinen-Parks und den Aufnahmeraum definieren würde. Sicherlich wird es immer Aufnahmesituationen geben, für die man einfach ein professionelles Tonstudio braucht, daneben sehe ich gerade in Produktionshäusern wie unserem noch eine ganze Reihe von Kompetenzen, die über die Infrastrukturseite hinaus gehen. Das beginnt bei Komposition und Arrangement, musikalischem Gespür, Erfahrung am Markt und in der Musikindustrie bis hin zu den kreativ-musikalischen Fähigkeiten der Toningenieure, die sowohl bei der Aufnahme als auch im Mix einfließen.

Gerade in diesen Bereichen liegen die größten Defizite der jungen Musikmacher. Schon heute rennen uns viele Nachwuchs-Producer die Türen ein, auf der Suche nach objektiv-kreativem Feedback, musikalischer Beratung, technischem Know-How, Analyse ihres Materials, Hilfe bei Arrangement, ergänzenden, professionell eingespielten Aufnahmetracks, für die Mischung und nicht zuletzt auch in der Hoffnung auf industrielle Kontakte. In diesem Zusammenhang sind wir gefragt, uns auf das neue Umfeld und die damit zusammenhängenden Anforderungen einzustellen und uns nicht als ‚Home of the Superstars“ sondern als kreativer und handwerklicher Ratgeber zu sehen.

Die Virtualisierung der Vertriebskanäle eröffnet sicher auch neue Marketing- und Vertriebschancen – wenn es mit einem Major-Deal noch nicht geklappt hat. Gerade für uns alteingesessene Profis kann der kreative Umgang und die Zusammenarbeit mit den ‚jungen Wilden“ auch durchaus reizvoll sein. Sie sind – zumindest was die Zielgruppe der ganz Jungen angeht – bisweilen einfach ein Stückchen näher am Zeitgeist. Und ihr erfrischender Mut zur musikalischen Einfachheit kann durchaus inspirierend sein. Insofern eröffnet die technologische Weiterentwicklung ja vielleicht auch etwas, das bislang in der Geschichte der Pop- und Rockmusik geradezu undenkbar war: generationsübergreifende musikalische Zusammenarbeit.“