musikwoche: Derzeit gehen diverse Anbieter mit Full-Track-Musik-Downloads fürs Handy auf den Markt. Was plant arvato mobile in diesem Bereich? Steven Hofman: Wir sind dabei, entsprechende Produkte zu entwickeln. Wir arbeiten mit einem Kooperationspartner, der allerdings noch nicht genannt sein will an der technischen Umsetzung und werden wohl gegen Ende dieses Jahres mit einem entsprechenden Angebot live gehen.
mw: Wie sehen Sie generell die Erfolgschancen für mobile Musikdownloads? Hofman: Ich rechne nicht mit einem übermäßigen Geschäftserfolg der Full-Track-Downloads; ich glaube nicht, dass es dafür einen wirklich großen Markt geben wird. Der illegale Markt hat sich in dem Bereich schon zu stark etabliert. Bei Klingeltönen haben wir den Vorteil, dass die Kundschaft sich von Anfang an an die Preise gewöhnt hat. Teenager, die bisher ihren Musikbedarf über illegale Angebote kostenlos abgedeckt haben, wird man nur schwer „umerziehen“ können.
mw: Welche Innovation erwarten Sie als Nächstes auf dem Mobile-Entertainment-Markt? Hofman: Nächstes Jahr kommen mobile Videos und Videoklingeltöne. Wir beschäftigen uns bereits mit der technischen Produktentwicklung.
mw: Im Klingeltonbereich tummeln sich viele Anbieter. Wo sehen Sie die Kernkompetenz von arvato mobile, mit der Sie sich von Mitbewerbern abgrenzen? Hofman: Unsere Kernkompetenz liegt ganz klar im Bereich des Rechtemanagement, also der Abrechnung mit GEMA, Publishern und Labels. Gerade in Deutschland ist die Situation sehr kompliziert, da auch bei Klingeltönen eine Zustimmungspflicht hinsichtlich der Verwertung von Seiten der Publisher besteht. In anderen europäischen Ländern reicht es, an die dortige Verwertungsgesellschaft Gebühren abzuführen. Wir haben uns in diesem Bereich einen Expertenstatus erworben, der es uns ermöglicht, unsere Produkte europaweit zu verkaufen. Klingeltöne sind ein echter Exportschlager, und Deutschland ist in dieser Hinsicht der professionellste Markt in Europa. arvato mobile ist derzeit das Unternehmen, das europaweit die meisten Netzbetreiber beliefert.
mw: Was machen Sie bei der Rechteklärung denn anders als Ihre Mitbewerber? Hofman: Wir haben eine sehr komplexe Inhouse-Lösung entwickelt. Dieses Royalty-Management-System ermöglicht es uns, genau aufzuschlüsseln, wer wie viele Klingeltöne wie oft verkauft hat und welche Rechte davon berührt werden. Außerdem können wir mit diesem Tool die oft kleinteilig auf verschiedene Rechteinhaber gesplitteten Rechte verwalten und die Lizenzkosten, die entsprechend der höchst unterschiedlichen Verteilungsschlüssel anfallen, für unsere Kunden transparent darstellen. Zudem wickeln wir auch alle anderen administrativen Belange ab, die zur Rechteklärung gehören.
mw: Was also ist arvato mobile genau? Hofman: Wir sehen uns als Master Content Aggregator und als Full-Service-Agentur für unsere Kunden. Ein Teil der Arbeit neben der Rechteklärung und der Produktentwicklung ist dabei das Category Management. So werden die Topdownload-Charts auf den Seiten unserer Kunden von uns aktualisiert. Außerdem kümmern wir uns um Produkte für aktuelle Anlässe,wie kürzlich Klingeltöne zur Fußballeuropameisterschaft.
mw: Wer sind Ihre Kooperationspartner im Musikbereich, von wem bekommen Sie Ihre Inhalte, und welche Netzbetreiber beliefern Sie damit? Hofman: Wir arbeiten mit allen Majors und diversen Indies zusammen, zum Beispiel mit Four Music, Yo Mama, Sanctuary, Tunnel Records, Kontor Records, edel, V2. Bei den Mobilfunkfirmen arbeiten wir im Klingeltonbereich mit allen Anbietern zusammen, im Bereich Ringback-Tones mit Vodafone und T-Mobile.
mw: Wie werden sich aus Ihrer Sicht die unterschiedlichen Produkte im Klingeltonsegment entwickeln? Hofman: Die monophonen Klingeltöne werden zugunsten der polyphonen Klingeltöne abnehmen. Realtones sind natürlich stark im Kommen. Es wird sicher eine Verlagerung von polyphonen Klingeltönen hin zu Realtones geben. Aber da der Erkennungswert von Realtones nicht so groß ist, werden sich polyphone Klingeltöne auch weiterhin verkaufen, weil sie einfach leichter als Klingelton identifizierbar sind, auch wenn man gerade in der Kneipe sitzt und im Hintergrund sowieso Musik läuft. Derzeit sind die polyphonen Klingeltöne das Bread-and-Butter-Geschäft, mit dem wir am meisten Umsatz machen. Ansonsten versprechen vor allem Ringback-Töne, also Freizeichenmelodien, ein gutes Geschäft. Japan und Korea sind uns da rund 18 Monate voraus. Dort nutzen immerhin acht Mio. Leute Ringback-Tones. Als Produktneuheit bieten wir jetzt auch personalisierte Ringback-Tones an. Das heißt, dass der Kunde zum Beispiel für bestimmte Anrufer oder je nach Tageszeit unterschiedliche Melodien auswählen kann. Für diesen Service hat unser Abnehmer Vodafone den Future-Award von „TV-Movie“ bekommen.
mw: Wie viele Klingeltöne verkaufen Sie pro Monat? Hofman: Wir verkaufen monatlich insgesamt rund zwei Mio. Produkte inklusive Logos. Klingeltöne machen über die Hälfte davon aus. Der bestverkaufte Klingelton aller Zeiten ist übrigens wahrscheinlich „Mission Impossible“.
mw: Sie beschäftigen zwei Klingeltonkomponisten. Wie muss man sich deren Arbeit vorstellen? Hofman: Größtenteils komponieren unsere beiden Komponisten keine eigenen Töne, sondern machen aus bestehenden Songs Klingeltöne. Dazu hören sie sich den Song ein paar Mal an, bis sie die Hookline, also das Element mit dem größten Wiedererkennungswert, identifiziert haben. Dann setzten sie sich ans Keyboard und spielen die unterschiedlichen Tonspuren ein. Der Klingelton wird abgespeichert und danach für die verschiedenen Handyformate im Klang optimiert.
mw: Also produzieren Sie keine Eigenkompositionen? Hofman: Ein paar Eigenkompositionen haben wir auch, zum Beispiel für Businesszwecke, wo der Klingelton eher unauffällig sein soll. Generell ist es aber so, dass sich solche Klingeltöne nicht so gut verkaufen.
mw: Was für einen Background bringen Ihre Klingeltonkomponisten mit? Hofman: Beide haben eine Ausbildung zum Tonmeister absolviert und sind ansonsten Musiker mit eigener Band. Beide spielen Klavier, beziehungsweise Keyboard. Das ist die beste Voraussetzung für den Job.
mw: Nach welchen Gesichtspunkten werden Klingeltöne ausgewählt? Hofman: Chartstitel sowie Film- und Fernsehproduktionen laufen besonders gut. Außerdem sind Voice-Inhalte im Ringback-Bereich sehr beliebt, zum Beispiel von Erkan und Stefan. Bei den Genres laufen neben Pop auch HipHop und R&B sowie Rocksongs gut. Wichtig ist, dass die Songs melodiös sind. Ansonsten gibt es zum einen die Klassiker, die Evergreens und dann die ganz aktuellen Sachen. Grundsätzlich wird dieses Geschäftsfeld aber eher von Aktualität getrieben.
mw: Was gilt es zu beachten, wenn man einen erfolgreichen Klingelton produzieren will? Hofman: Insgesamt wird auch bei unseren Kunden die Qualität immer wichtiger. Klangliche und musikalische Qualität müssen also stimmen. Wir haben verschiedene Kontrollmechanismen, um diese Qualität zu überprüfen. So testen wir unter anderem, ob der richtige Ausschnitt aus dem Song gewählt wurde, ob die Instrumente passend gewählt sind, ob der Klingelton lang genug ist und ob der Song innerhalb von drei Sekunden zu erkennen ist.
mw: Welche technischen Besonderheiten gilt es bei der Klingeltonherstellung zuberücksichtigen? Hofman: Jedes Handy ist anders, das heißt, dass die Klingeltöne für jeden Handytyp angepasst werden müssen. Beispielsweise haben unterschiedliche Endgeräte auch unterschiedlich viele Tonspuren. Für einzelne Handys passen wir den Klang deshalb individuell an, um das jeweils optimale Klangergebnis zu erzielen. Insgesamt optimieren wir die Klingeltöne für zwölf verschiedene Handyformate. Zum Glück stagniert die Entstehung neuer Formate. Früher gab es jeden Monat ein neues, was die Arbeit sehr kompliziert und aufwändig machte.
mw: Welchen Klingelton verwenden Sie persönlich? Hofman: Ich habe die James-Bond-Titelmelodie, und das schon seit fünf Monaten. Als Ringback-Tone habe ich mich für „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas entschieden – ein echter Klassiker, der sich auch super verkauft.



