Musik

Jürgen Jürgens, Musikredaktion 88acht/Stadtradio des SFB: „Wir brauchen eine Quote und neue Konzepte“

In der Diskussion um die Quote für deutsche Musik meldet sich mit Jürgen Jürgens ein gestandener Macher aus der öffentlich-rechtlichen Radiolandschaft zu Wort. Seine persönliche Meinung rüttelt am Selbstverständnis aller Sender.

“Ein Trugschluss der Plattenindustrie war es zu glauben, dass durch Überschwemmung des Landes mit privaten Rundfunkanstalten mehr neue Musik über Radioprogramme an den Hörer/ Käufer gelangen würde. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – damals noch nicht dem Quotendruck ausgeliefert – spielten viel öfter neue Interpreten, wagten viel öfter musikalisch Ungewohntes. Heute müssen alle Rundfunkprogramme auf Nummer Sicher gehen und meiden unbekannte Titel und Interpreten. Deshalb ist die Forderung nach einer Neuvorstellungsquote (ein oder zwei Titel pro Stunde?) ein Schritt in die richtige Richtung, doch aus kulturpolitischer Sicht meiner Meinung nach nicht ausreichend. Ich plädiere deshalb für eine Quote für deutschsprachige Titel von 30 Prozent pro Stunde und Welle, egal welcher musikalischer Stilrichtung sie folgt.

In Deutschland steht man Quotierungen äußerst argwöhnisch gegenüber. Polemisch wird sofort von ‚Geschmackszensur‘ gesprochen. Gerade nach den jüngeren Erfahrungen unserer Geschichte dürfe keine Zensur dieser Art ausgeübt werden. Aber – so möchte ich genauso polemisch zurückgeben – gibt es nicht seit über 30 Jahren in deutschen Musikredaktionsstuben nichts anderes als eine Zensur, die immer weniger gesungene Muttersprache stattfinden lässt? In Frankreich hat man seit Jahrzehnten eine gesetzliche Quotierung von 70:30 – und zwar 70 Prozent nationale Produktionen. Dort versteht man übrigens ganz selbstverständlich in erster Linie französischsprachige Aufnahmen darunter. Auch in Deutschland hatte man durch selbst verordnete Quoten früher schon Erfolg:

  1. Die DDR verbot aus Geldmangel ihren Künstlern, ausländische Copyrights zu produzieren. So zu eigener deutschsprachiger Kreativität gezwungen, entstand eine für die verhältnismäßig kleine DDR vielschichtige Popkultur deutscher Zunge, die dem Westen heute noch Staunen abverlangt. Puhdys, Karat, City, Silly, Pankow, Nina Hagen, Manfred Krug, Holger Biege, Reinhard Lakomy, Ute Freudenberg und viele andere haben – auch zwischen den Zeilen – mehr zu sagen gewusst als mancher nach internationalem Ruhm heischende Popmusiker der Bundesrepublik.

  2. Der von deutschen Musikfirmen gestützte Musikkanal Viva hatte sich selbst auferlegt, eine Quote von 40 Prozent deutscher Produktionen zu senden. Eine neue Videoclip-Kultur konnte sich in Deutschland entwickeln, die ‚jungen wilden‘ Viva-Redakteure gaben einer Musikrichtung, die es erstmals erfolgreich auf deutsch gab, eine breite Chance: dem deutschen HipHop. Die Fantastischen Vier hatten ihren ersten Hit geliefert, Viva förderte in den letzten Jahren eine überaus kreative deutsche HipHop-Szene, die letztlich auch Künstler wie Sabrina Setlur, Xavier Naidoo, Glashaus oder Ayman erst möglich machte.

Der deutsche HipHop wird heute bei der Verleihung des Echos mit einer eigenen Kategorie neben dem internationalen HipHop geehrt. Genauso die deutsche Nu-Rock-Szene. Die andere deutschsprachige Szene, auch Schlager genannt, wird hingegen öffentlich ausgelacht und in zwei lächerlichen Kategorien verramscht. Zukünftig wolle man die guten deutschen Interpreten von den schlechten trennen, dann gibt es eine eigene Schlager-Echo-Verleihung. Das ist im Trend. Im Fernsehen kann man Weltstars wie Vicky Leandros derzeit sowieso nur noch in volkstümlichen Sendungen erleben. Was hat der rockende Matthias Reim in einer Lobsendung der Kastelruther Spatzen verloren? Warum gibt es im Fernsehen kein Sendeformat, das sich ernsthaft mit deutscher Popmusik beschäftigt? Müssen jetzt Howard Carpendale und Roland Kaiser im ‚Musikantenstadl‘ enden? Gibt es für Heinz Rudolf Kunze und Achim Reichel nur noch Talkshows, in denen sie sich zeigen dürfen, damit wir wissen, dass es sie noch gibt? Auf Viva werden angesagte Acts in Interviews präsentiert, da wird über die Dreharbeiten zu den Clips berichtet, die Kids erfahren in Dauerschleife, wie angesagt und wichtig es ist, gerade diesen Hit noch vor dem Rest der Klasse zu kaufen. Über deutsche Popmusik und Schlager erfährt man hingegen nur etwas, wenn Bernhard Brink die Kelly Family verunglimpft oder Jürgen Drews am Busen seiner Frau spielt. Wenn deutschsprachige Popmusik nur noch in TV-Shows mit großer Treppe und Pappkulisse stattfindet, statt sie ähnlich wertig wie internationale Popmusik zu verkaufen, wird sie aussterben. In Frankreich werden seit Jahrzehnten auch die nationalen Künstler in aufwändigen Videoclips dem Publikum präsentiert – mit entsprechendem Erfolg.

· Wir brauchen interessante Fernsehkonzepte für deutschsprachige Popmusik vom hochwertigen Schlager (Leandros, Freudenberg, de Angelo, Schöbel, Carpendale, Kaiser & Co) bis zur Rockmusik (Nena, Kunze, Westernhagen, Puhdys, City, Karat, Pur, Ayman, Naidoo & Co.), die das Interesse an dieser Musik wecken. · Wir brauchen – auch weil die Radiostationen und ihre Musikredakteure bewiesen haben, dass es freiwillig nicht geschieht – gesetzlich vorgeschriebene Quoten: und zwar 30 Prozent deutsch getextete Musik auf jedem Musiksender pro Stunde, also bei zehn Titeln drei deutschsprachige Stücke. · Für eine Chancengleichheit der Sender untereinander brauchen wir auch die Festlegung der Neuheitenstückzahl pro Stunde mit mindestens einem Titel, besser noch zwei.

Redakteurskollegen halten mich für verrückt, weil ich mir meine Freiheit beschneiden will. Ich würde gern freiwillig diese Quote erfüllen, doch in der Konkurrenzsituation, der ich mich auch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender stellen muss, laufen mir die Hörer eher bei neuen Titeln weg als beim Abspielen von bewährten Hits. Eine Chancengleichheit für alle Sender ist deshalb dringend notwendig. Nachdem Viva eine deutsche Produktionsquote von 40 Prozent beschlossen hatte, ist nicht ein Pop-Radiosender freiwillig diesem Beispiel gefolgt. In den Airplay-Charts gibt es unter den ersten 50 Plätzen seit Wochen nur einen deutschsprachigen Interpreten, nämlich Xavier Naidoo. Das ist Selbstmord an der Sprache, die wir noch täglich sprechen. Die Sprache des Rock ist nun mal Englisch, werden viele einwerfen. Das stimmt. Die Sprache des HipHop war es auch, wird es auch bleiben – aber die Jugend hat in dieser Musik eine akzeptierte Ausdrucksform auch in der eigenen, der deutschen Sprache gefunden. Das würde bei entsprechender Förderung durch die Medien auch mit anderen Stilrichtungen funktionieren.

Die von mir vorgeschlagene Quotenregelung ist möglicherweise die letzte Chance, einen jahrelangen Prozess aufzuhalten und die deutsche Sprache für moderne Popkultur wieder attraktiv zu machen. Es gäbe einen kreativen Ruck, der Qualität und Vielfalt entscheidend positiv beeinflussen würde, weil endlich neues Material wieder im Radio gespielt werden würde. Und weil man erstmalig für die unterschiedlichsten Musikstile in deutscher Sprache arbeiten würde. Die Resultate erwarte ich voller Ungeduld und Spannung.“