Musik

Joss Stone: Retro-Soul vom Wunderkind

Sie ist 16, blond, kommt aus dem englischen Devon und gilt als neuer Shootingstar des Soul. Wenn Joss Stone auf ihrem Debütalbum „The Soul Sessions“ ihre Stimmbänder vibrieren lässt, geraten selbst abgebrühte Soul-Veteranen in Verzückung.

Es ist wahrscheinlich nur partiell das Norah-Jones- oder Alicia-Keys-Syndrom, das die Weltpresse im Fall von Joss Stone fast einstimmig den Aufstieg eines kommenden Superstars diagnostizieren lässt. Aber Parallelen gibt es durchaus. Ähnlich wie Jones und Keys ist Joss Stone jung, sehr talentiert und transportiert in ihrem Debütalbum „The Soul Sessions“ mit großem Erfolg eine Stilistik, der lange Zeit nur noch marginale Beliebtheit zugesprochen wurde: klassischen 70er-Jahre-Soul, warm, sinnlich, sexy und so authentisch kolportiert, dass Stones weiße Hautfarbe wie ein Paradoxon wirkt.

Doch damit sieht sich das Mädel aus dem mittelenglischen Dorf vor allem von Hellhäutigen konfrontiert: „In einem Genre wie Soul legt man halt extrem viel Wert auf Authentizität. Da kommt von Weißen schon mal das Vorurteil, dass ich eine aufpolierte Version von Aretha Franklin bin. Aber wie kann man so anmaßend sein und einen Gesangsstil einer Hautfarbe zuordnen? Soul ist nicht ’schwarze Musik‘, es ist schlicht Musik.“ Einen Ritterschlag der besonderen Art bekam Joss Stone hingegen von fast vergessenen Soul-Größen wie ihrer Produzentin Betty Wright und Timmy Thomas, beide Legenden des Miami-Soul, die Joss Stone die Wiederbelebung des Genres zutrauen.

Lobeshymnen aus diesem Lager verleiten zur Frage, was die 16-Jährige wohl im Sandkasten gemacht hat. Gesangsunterricht war es jedenfalls nicht, wie Stone erzählt. „Meine Gesangsausbildung bestand darin, dass ich mich seit meinem fünften Lebensjahr für mehrere Stunden täglich in mein Zimmer verzog und die alten Platten von Aretha Franklin hörte und imitierte. Danach bin ich immer zu meiner Mum gerannt und habe sie gefragt, warum man solche tollen Platten heute nicht mehr aufnimmt.“ Das neue Soul-Zeug aus der Manufaktur vermittele die großen Gefühle nicht, sagt sie. „Wenn wegen meinem Album junge Leute jetzt wieder auf echten Soul abfahren, habe ich meine Mission erst mal erfüllt. Ich glaube nicht, dass Teenager per se einen beschissenen Musikgeschmack haben. Glaub mir, es kann keinen Menschen geben, dem ‚Papa’s Got A Brand New Bag‘ von James Brown nicht gefällt.“ Der Erfolg ihres Debüts gibt ihrem Selbstverständnis recht. In den englischen Charts debütierte „The Soul Sessions“ auf Platz vier. Mit Song-Perlen wie Laura Lees „Dirty Man“ und der funky Version der White-Stripes-Nummer „Fell In Love With A Boy“ dient „The Soul Sessions“ als perfektes Vehikel zur Präsentation ihrer außergewöhnlichen Stimme. „Ich wollte zwar zunächst kein reines Cover-Album aufnehmen, aber Steve Greenberg, der Boss meines Labels, überzeugte mich davon, dass man mein Talent als Sängerin ohnehin an den alten Soul-Klassikern messen würde. Auf meinem zweiten Album, das von The Roots und Betty Wright produziert wird, kann ich mich dann endlich auch als Songwriterin präsentieren.“

Kürzlich bot sich ihr Stevie Wonder für eine Zusammenarbeit an, ebenso Lenny Kravitz und Angie Stone. Eine Nummer mit Paul Weller ist bereits für das nächste Album eingespielt. Ob die Sängerin den Sprung vom Retro-Soul-Wunderkind zur gefeierten Interpretin ihrer eigenen Songs schafft, wird sich zeigen. Mit dem gesanglichen Talent und der nötigen Willenskraft dazu ist sie jedenfalls gesegnet.