Typisch ist das alles nicht. Obendrein kommt Joseph Calleja aus einer vollkommen unmusikalischen Familie. Per Zufall sah er mit zwölf Jahren die Verfilmung des Lebens von Caruso mit Mario Lanza und versuchte einfach, die Stücke nachzusingen. „Doch damals dachte ich natürlich noch nicht daran, später einmal Tenor zu werden; lieber Pilot. Nur gut, dass ich das nicht verfolgt habe, denn heute habe ich Angst vorm Fliegen.“ Erst als er mit 15 Jahren seinen Lehrer und Mentor, den Tenor Paul Asciak, traf, stand fest, dass seine Stimme Potenzial besitzt. Asciak war streng, erzählt Calleja, und doch begann damals eine Zusammenarbeit, die bis heute anhält: „Asciak ist jetzt 81 und war ein großer lyrischer Tenor. Wir sprechen und streiten jeden Tag. Ich kann ihn alles fragen.“ Der 26-jährige Calleja nimmt sich selbst vielleicht nicht ganz ernst, seine Arbeit hingegen schon. Vielleicht rührt das daher, dass sein Elternhaus nie Druck machte. Und dass er neben der klassischen Gesangsausbildung eine „normale“ Jugend verlebte, wovon er noch heute zehrt. „Meine Eltern ließen mich meinen eigenen Weg gehen. Und solange ich in der Schule gut war, durfte ich mir meine restliche Freizeit selbst gestalten.“
Dabei war für ihn Musik wichtig – und Sport. Auf Malta war er im Basketball-Nationalteam sowie viermal Meister in Kugelstoßen, Diskuswerfen und Speerwerfen. Auf den Leistungssport verzichtet er mittlerweile, und doch läuft und schwimmt er noch gerne. Mit 19 Jahren gab Calleja als lyrischer Tenor sein Debüt in Verdis „Macbeth“ am Astra Theatre auf Gozo, der Nachbarinsel von Malta. Und auch nach drei gewonnenen Musikwettbewerben sowie internationalen Auftritten hat er noch nichts von der Ausstrahlung eines Debütanten verloren. Seine Karriere kommentiert er erstaunlich pragmatisch: „Ich bin froh, wenn ich etwas von einem Tag auf den nächsten machen kann, einen Schritt nach dem anderen setze. So gestalte ich auch meine Karriere. Ich lasse sie sich langsam entwickeln.“ Vielleicht fällt ihm deshalb alles in den Schoß. Wie sein Exklusivvertrag mit Decca: Vor zwei Jahren sah ein Produzent sein Konzert in Covent Garden in London. Nun steht Calleja exklusiv bei Decca unter Vertrag.
Dabei geht es ihm nicht um Traumopern oder um ruhmreiche Bühnen: „Ich habe schon so viel gesungen, dass ich eigentlich gar nichts mehr erwarte. Das Einzige, was ich von mir fordere: Sei der Beste, der du sein kannst. Schöpfe dein Potenzial voll aus.“ Damit wehrt er sich gegen den Leistungsdruck der modernen Klassikindustrie und bleibt er selbst: Der hohe Stellenwert, den seine Heimat und seine Familie besitzen – die erste Tochter hat sich für April angekündigt -, unterstreicht diese Haltung. Und auch, dass er bis heute sein Lampenfieber nicht verloren hat. Jeder neue Abend ist seine schlimmste Bühnenerfahrung, sagt er. „Da gibt es nichts, was ich dagegen tun kann.“ Trotzdem liebe er es, zu singen. „Das ist paradox, oder?“ Auf jeden Fall gibt es für Calleja musikalisch noch viel zu entdecken. Nicht nur, dass er beim Autofahren gerne mal mit Musik von Limp Bizkit, Nickelback oder Eminem entspannt. Auch seine Repertoireauswahl auf „Tenor Arias“ besteht zwar aus bewährten Arien wie „La Donna E Mobile“ aus Giuseppe Verdis „Rigoletto“. D
och Opern von Francesco Cilea sowie das französische Repertoire reizen den lyrischen Tenor dann doch. Dass seine Stimme noch viel Potenzial hat, beweist er mit Riccardo Chailly und dem Orchestra Sinfonica e Coro di Milano Giuseppe Verdi auf „Tenor Arias“. Sie klingt, warm, sanft und tragend, wie eine junge Mischung aus Caruso und Placido Domingo. Doch die tiefe Dramatik, die Calleja etwa in der Arie „La Dolcissima Effigie“ aus der Oper „Adriana Lecouvreur“ von Cilea beweist, weckt die Neugier auf die weitere künstlerische Entwicklung des Sängers. Und es bleibt die Vermutung, dass er schließlich nicht nur seinen eigenen Ansprüchen mehr als gerecht werden wird, sondern bald die des internationalen Publikums weit übertreffen dürfte.



