Musik

John Cale: Verstörendes Rock-Kaleidoskop

Sieben Jahre lang war es still um John Cale. Im Sommer brachte er dann endlich die EP „5 Tracks“ heraus und ging auch wieder auf Tournee. Noch mehr allerdings dürfte sich seine eingeschworene Fangemeinde über das neue Album „HoboSapiens“ (Capitol/EMI) freuen.

Zumindest ein paar Jahre lang wollte John Cale nichts mehr mit Rock’n’Roll zu tun haben. Lieber dirigierte er zwischendurch einen Gustav-Mahler-Zyklus. Mit dem Album „HoboSapiens“ kehrt der klassisch geschulte Avantgarde-Cellist nun doch noch einmal zum Rock zurück. Nach seiner Zeit mit Velvet Underground in den Sechzigern ließ er sich immer wieder auf spannende Stilexperimente ein: „Mit Velvet Underground stieß ich damals an die Grenzen der Avantgarde. Aber als ich damals in New York diese Band gründete, war es für mich die Erfüllung eines Traumes. Denn so hatte ich auf einmal die Chance, meine Ideen selbst umzusetzen.“ Mit „HoboSapiens“ beweist John Cale, dass sich Rock, Klassik und Avantgarde nicht gegenseitig ausschließen, denn das Album klingt wie eine Symbiose aus allen musikalischen Einflüssen, die ihn in seiner langen Karriere geprägt haben. „Das Schöne dabei: Am Ende habe ich mich nach Produktion dieser Platte endlich selbst wie ein richtiger Songschreiber gefühlt. Ich wusste genau, welche Songs ich haben wollte. Das war früher anders. Da stürzte ich mich eher auf bestimmte Stereotypien. Jetzt gibt es die Suche nach einer neuen Formel.“ Diese „neue Formel“ zeigt sich in der spezifischen Verbindung aus elektronischen und herkömmlichen Instrumenten, in der Verknüpfung von modifizierten Samples mit real gespielten Instrumenten und in der Verwendung der Software Pro Tools. „Viele Songs entstanden aus Loops, die mir mein Londoner Freund Dimitri zur Verfügung stellte. Als ich sie das erste Mal hörte, fand ich sie total abgedreht. Aber dieses irrationale Moment war gerade wichtig.“

So eröffnet sich auf „HoboSapiens“ ein vielfältiges, mitunter amüsantes, teils irritierend verstörendes Kaleidoskop eines rastlosen Musikers. Songs wie das aggressiv beängstigende Stück „Letter From Abroad“, das mysteriös verschrobene „Magritte“, das metallisch unterkühlte und funkige „Zen“ oder das hypnotisch eingängige „Reading My Mind“ offenbaren einen ausufernden musikalischen und thematischen Gestaltungsreichtum. So wird Cales neues Album zu einer spannenden Tour de Force.