Im Mai 2002 kam sein Album „Eisenherz“ auf den Markt. Die dazu angesetzte begleitende Tournee musste Joachim Witt kurzfristig absagen: Bandscheibenvorfall. Am 22. Februar feiert er seinen 55. Geburtstag. Doch das merkt man ihm, abgesehen von der Bandscheibe, nicht unbedingt an. Und seinem neuen Album schon gar nicht. „Pop“ enthält zwar alle Zutaten, die Witt-Anhänger seit jeher schätzen, doch diesmal gelingt die Balance wesentlich besser als beim vergleichsweise metallisch beschwerten „Eisenherz“. Raspelgesang, harte Metal-Gitarrenriffs und Keyboard- Georgel gehen mit hymnischen Melodien, fülligen Streicherarrangements und hie und da sogar Disco-Feeling eine vielseitige Symbiose ein.
Es handelt sich eben um „Pop“, wenngleich Witt den Titel wohl eher ironisch gemeint haben mag. Jedenfalls dürfte sich diese Musik nicht so sehr auf die Bandscheiben legen wie frühere Werke, mit denen er immer wieder kontroverse Reaktionen provozierte. Auch diesmal werden Stücke wie „Erst wenn dein Herz“, ein Duett mit Jasmin Tabatabai, oder „Mein Freund der Baum“, mit dem Alexandra Ende der Sechziger glänzte, es nicht jedem recht machen. Doch mit Unverständnis und Kritik kann Witt inzwischen gelassen umgehen: „Ich kann ja durchaus verstehen, wenn Leute meine Musik etwas grotesk finden. Aber ich weiß ebenso gut, dass diese Leute nicht zu den Liebhabern von Hölderlin gehören“, sagt er. „Und dass ich einen Produzenten wie Phil Spector ein Vorbild, beinahe ein Idol nenne, glauben mir auch nicht alle.“
Diesem Vorbild eifert Witt jedenfalls seit einigen Jahren in seinem Heimstudio auf dem Land nach. Seine Nachbarin dort ist eine gute alte Bekannte, die bereits 1980, zu Zeiten des Albums „Silberblick“, seines Debüts als Solokünstler, als Promoterin seiner Plattenfirma wea für ihn arbeitete – was letztlich zu seinem Durchmarsch als „Goldener Reiter“ der damaligen Neuen Deutschen Welle führte. Nach einem längeren Vertrag mit Sony Music, wo er mit dem Hit „Die Flut“ 1998 ein beachtliches Comeback feiern konnte und mit „Bayreuth eins“ und „Bayreuth zwei“ sowie mit „Eisenherz“ eine tief schürfende Trilogie des teutonischen Temperaments in Lieder goss, hat Witt mit Ventil sein eigenes Label gegründet, auf dem auch „Pop“ erscheint. Den Vertrieb hat SPV übernommen. Bandbreite statt Bandscheibe steht auf dem Programm.



