musikwoche.de: Ihr Album „Hot Shot“ wurde dank eines DJs auf Hawaii, der sich den Track „It Wasn’t Me“ bei Napster besorgte, zum Millionenseller. Was halten Sie von kostenlosen Downloads?
Shaggy: Ehrlich gesagt: Die Plattenfirmen sind bescheuert. Denn wer besorgt sich die Musik kostenlos aus dem Internet? Die Kids. Die bekommen wenig Taschengeld, ein bisschen was fürs Pausenbrot. Die können sich CDs, die 20 Dollar oder 18 Euro kosten, einfach nicht leisten. Bruce Springsteens letzte Platte dagegen wurde kaum heruntergeladen, weil dessen Publikum fast ausschließlich aus Erwachsenen besteht. Der Preis einer CD sollte bei zehn bis zwölf Dollar liegen. Dann würde man auch wieder mehr Tonträger verkaufen, weil sie erschwinglich wären.
mw: Aber müssen die Plattenfirmen wegen der Kosten nicht entsprechend hohe Preise verlangen?
Shaggy: Jedenfalls nicht wegen der Einkünfte der Künstler. Wenn man als Musiker einen Dollar pro verkaufter CD bekommt, kann man sich glücklich schätzen. Wissen Sie, wieviel die Excecutives der Majors verdienen? Jesus Christus! Die bekommen Zuschläge für ihre Häuser, ihre Autos und die Nutten, die auf ihren Tischen tanzen. Dazu kommen Marketingbudgets, die rausgepulvert werden und vielen Künstlern das Genick brechen.
mw: Halten Sie es denn nicht mindestens für genauso kontraproduktiv, wenn diverse Künstler extrem hohe Summen für Vertragsabschlüsse kassieren? Das wird die Akzeptanz der gegenwärtigen CD-Preise bei den Konsumenten ja nun auch nicht gerade erhöhen…
Shaggy: Nein, das finde ich nicht kontraproduktiv. Ob Robbie Williams oder Mariah Carey: Die Firmen sollten sie zu solch hohen Summen einkaufen, weil sie jeden Penny wert sind und die Investitionen wieder doppelt und dreifach einspielen. Aber Mariah Carey eine hohe Ablösesumme zu zahlen, halte ich für extrem blöd und kontraproduktiv. Hin und wieder landet ein Künstler einen Flop. Na und? Das nächste Album kann wieder zehn Millionen Einheiten absetzen.
mw: Woran liegt Ihrer Meinung nach diese Kurzsichtigkeit?
Shaggy: Die Majors gehören Weinkühler-Companies oder texanischen Ölmultis. Und die interessieren sich für Musik als Kulturgut einen Dreck. Darunter leidet das Artist Development. Heute fehlen Companies wie Motown, deren kompletter Katalog aus Artist Development resultiert. Leute wie L.A. Reid und Clive Davis sind wahrscheinlich die Einzigen, die noch ein Gespür für junge, unentdeckte Talente haben.
mw: Wie steuern Sie da mit Big Yard, ihrem eigenen Label, gegen?
Shaggy: Es soll wie ein modernes Motown funktionieren. Wir setzen auf Interaktion der Künstler. Auf „Hot Shot“ habe ich schon Rik Rok und Rayvon bei „It Wasn’t Me“ respektive „Angel“ gefeatured. Auf meiner neuen Single, „Hey Sexy Lady„, sind Brian & Tony Gold zu hören, ebenfalls Big-Yard-Künstler, die gerade die englischen Reggae-Charts mit „Irresistible“ erobern. Außerdem wollen wir in Promotion und Marketing andere Wege gehen.
Zur Person
Orville Richard Burrell alias Shaggy wurde am 22. Oktober 1968 in Kingston, Jamaika, geboren, ist nicht verheiratet und hat zwei Söhne. Orville Burrell bekam seinen Spitznamen Shaggy nach der gleichnamigen Figur aus dem Cartoon-Comic „Scooby Doo“. 1988 feierte er erste Erfolge mit den Singles „Big Up“ und „Mampie“, Hardcore-Dancehall-Reggae-Hits, die beide die Spitze der US-Reggae-Charts erklommen. Massiven internationalen Erfolg erlebte er erstmals 1993 mit der Single „Oh Carolina“ und seinem Debütalbum „Pure Pleasure“. Weitere Edelmetalltrophäen kassierte er Mitte der 90er-Jahre für die Alben „Boombastic“ und „Midnite Lover“. 1997 gründete er zusammen mit dem Produzenten Robert Livingston das Label Big Yard, das 2001 einen Produktions-Deal mit MCA Records abschloss. Im gleichen Jahr feierte Shaggy seinen bislang größten Erfolg mit dem Album „Hot Shot“ und den Singles „It Wasn’t Me“ und „Angel“. Mit seinem neuen Album, „Lucky Day“ (MCA/Urban/Def Jam), wendet sich der Cartoon-Macho wieder verstärkt seinen jamaikanischen Wurzeln zu.
mw: Inwiefern?
Shaggy: Wenn Britney Spears morgen eine neue CD veröffentlicht, werden vermutlich allein für Printanzeigen zwei Millionen Dollar ausgegeben. Das können und wollen wir uns nicht leisten. Wir setzen auf Tourneen und Live-Präsentationen. Wie in den alten Tagen, als es noch keine Videokanäle gab und man durch Konzerte langfristig eine Gefolgschaft aufbaute. Für einen Reggae-Künstler ist das oft die einzige Möglichkeit für ein langfristiges Development.
mw: Wird Reggae marginalisiert?
Shaggy: Reggae wird immer noch als Trend betrachtet und nicht als Teil der Popkultur, obwohl er längst nachhaltige Impulse gesetzt hat. Schaut man sich die Lebensspanne eines Reggaekünstlers an, so überdauert die meist nicht mehr als ein Album, maximal zwei. Bekommen Popkünstler 200.000 Dollar Budget für ein Video, so erhalten Reggae-Musiker maximal 50.000 Dollar. So sieht die Realität aus.
mw: Also sind Sie die Ausnahme?
Shaggy: Aber auch ich mache Reggae und habe es am eigenen Leib erfahren, wie wenig Kraft Plattenfirmen in Reggae-Künstler stecken, wenn man mal nicht den nächsten großen Hit abliefert. Dabei bin ich in den Popcharts erfolgreich und auch in den angesagten Clubs auf Jamaika. Virgin hat mich 1997 trotzdem vor die Türe gesetzt – aus Dank habe ich denen vor kurzem eine Plakette für zehn Millionen verkaufte Exemplare von „Hot Shot“ zugeschickt. Es fühlte sich gut an, denen ihre Kurzsichtigkeit vor Augen zu führen.
mw: Sie sind der erfolgreichste Reggae-Künstler aller Zeiten. Fühlen Sie sich Bob Marley ebenbürtig?
Shaggy: Wie viele Platten auch immer ich verkauft oder wie viele Auszeichnungen ich bekommen habe: Der King bleibt der King. Und das ist Bob Marley. Ich habe als Teenager zu ihm aufgeschaut und tue das immer noch. Den Mythos Bob Marley wird niemand toppen können, weder ich noch sonst irgendjemand. Und ich versuche es gar nicht erst.



